INTERVIEW & VERLOSUNG Der Stummfilmpianist Richard Siedhoff spielt bei den Musiktagen

Livemusik für Kino-Klassiker

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Richard Siedhoff spielt zum Auftakt. 

Mit dem Motto „Musik bewegt“ gehen die Dietzenbacher Musiktage in die vierte Runde. Pianist Richard Siedhoff spielt mit. 

Dietzenbach – Mit dem Motto „Musik bewegt“ gehen die Dietzenbacher Musiktage in die vierte Runde. Mit dabei ist das Trio Stefano Succi (Violine), Ulrich Horn (Violoncello) und Nami Ejiri (Klavier). Am Samstag, 14.September, 20 Uhr, spielen die drei in der Christuskirche (Pfarrgasse) Werke von Clara Schumann und Brahms. Am Sonntag, 22. September, 17 Uhr, gibt es mit dem „Duo Accorda“ das erste Open-Air-Konzert bei den Musiktagen: Krisztián Palágyi (Akkordeon) und Ivan Petricevic (Gitarre) widmen sich der Wiederentdeckung großer Komponisten. Den Auftakt macht am Freitag, 6. September, 20 Uhr, der Stummfilmpianist Richard Siedhoff im Main Kino D. Im Interview spricht er über den besonderen Beruf und die Faszination Stummfilm.

Von Stummfilmpianisten hört man nicht alle Tage. Können Sie diesen Beruf kurz beschreiben?

Richtig lernen zumindest kann man ihn nicht mehr, ich sage oft ironisch, dass es ein ausgestorbener Beruf ist. Einen Studiengang gibt es nicht. Ich habe Musik studiert, kurz auch mal Filmwissenschaften, und viel komponiert, auch für Orchester. Als Stummfilmpianist untermale ich live Filme aus den Zehner- und Zwanzigerjahren, achte dabei auf Stimmung, Spannung und Dramaturgie. Das ist auch, was die Leute sehen. Aber es gehört mehr dazu, das Sichten der Filme und Unterscheiden der verschiedenen Fassungen, Komponieren und Vorbereiten etwa.

Ohne lange Planung geht es also nicht?

Nicht zwangsläufig, manches passiert sehr spontan. Die Vorbereitung verläuft unterschiedlich. Oft fange ich einige Wochen vorher an, komponiere die Themen und Leitmotive. Ich sehe dann auch die Passagen, die sich zur Improvisation eignen.

Wie wichtig ist das richtige Timing?

Ich sehe den Film ja live, er ist das Äquivalent zu einem Dirigenten oder zu Noten. Wenn man den Film nun ganz durchkomponiert hat und hinterherhinkt, muss man das Tempo anziehen, um die richtigen Akzente setzen zu können. Bei Improvisationen ist das etwas einfacher.

Welche Stummfilme packen Sie denn am meisten?

Slapstick wird häufig gefragt und natürlich auch gerne gezeigt. Ich mag aber eher die abendfüllenden Filme, die über die Dramatik funktionieren.

Sie sind 32, die große Zeit des Stummfilms war also schon einige Zeit vorbei, als sie aufwuchsen. Wie kam es zu der Leidenschaft?

Als ich zwölf Jahre alt war, hat mein Vater mich mit der Filmkunst vertraut gemacht, vor allem mit russischen Klassikern. Später habe ich mir die alten Hollywood-Filme angeschaut und bin so irgendwann auch bei Buster Keaton und Charlie Chaplin gelandet, was ein guter Türöffner für den Stummfilm ist. Dann kommen die expressionistischen Filme und viel weiter hinten im Archiv liegen dann die unbekannteren, aber lohnenswerten Filme, die das Stummfilm-Universum erst ausmachen.

Und haben angefangen, Filme zu sammeln.

Ja, dafür, dass ich das noch nicht lange mache, ist die Sammlung auch schon ziemlich groß. Insgesamt dürften es rund 100 vorzeigbare 16-mm-Filme sein, darunter auch viele Kurzfilme. Oft habe ich auch selbst Hand angelegt, mit Schneidegerät und Kleber die Stellen korrigiert und ergänzt, die über die Jahrzehnte verloren gingen. Meine Edition von Murnaus „Faust“ dürfte es in dieser Version nicht noch einmal auf 16-mm geben, denn sie ist vollständig. Auch die Kopie von Buster Keatons „The Navigator“, zu dem ich bei den Musiktagen spiele, stammt aus meiner Sammlung.

Was sind denn die Besonderheiten der Filme von Buster Keaton?

Eine beeindruckend klare Filmsprache mit einer Handschrift der Einfachheit, deshalb funktioniert das auch so gut. Bei Keatons Komik muss man sich das wie ein großes Crescendo vorstellen. Das Lachen im Kino steigert sich vom zarten Anfang bis zum Ende hin ins Unermessliche. Das ist bei anderen Komikern aus dieser Zeit oft anders, da kommen schon große Lacher zu Beginn, aber bei Keaton ist es fesselnder und glaubwürdiger. Generell sind Stummfilme Filme, die die große Leinwand brauchen.

Ist Keaton denn einsteigerfreundlich für Stummfilm-Neulinge?

Ja, gerade Keaton eignet sich dafür hervorragend, da seine Filme sehr unterhaltsam und mitreißend sind.

Das Gespräch führte Christian Wachter.

Verlosung

Wir verlosen zweimal zwei Karten für den Auftritt von Richard Siedhoff bei den Dietzenbacher Musiktagen am 6. September, 20 Uhr, im Main Kino D im Capitol (Europaplatz 3). Wer gewinnen möchte, schreibt bis Dienstag, 3. September, 15 Uhr, eine Mail mit dem Stichwort „Stummfilm“ an gewinn_ dietzenbach@op-online.de. Wer nicht gewinnt, den Auftritt aber nicht verpassen möchte, bekommt Tickets auf dietzenbacher-musiktage.de.

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