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Michael Berkefeld, Leiter der Dietzenbacher Ermittlungsgruppe (hinten rechts), und sein Kollege Klaus-Peter Daube freuen sich über die neuen Möglichkeiten, die der direkte Zugriff auf die Videoüberwachung bietet. Foto: Zöllner

Dietzenbach - Lange Zeit hatte er noch ein bisschen Sand im Auge, der große Bruder, der in Dietzenbach den bösen Buben auf die Finger schauen soll. Von Barbara Scholze

Seit der vergangenen Woche aber läuft die Videoüberwachung nun endlich so wie geplant. Und zwar glasklar auch auf einem Monitor in der Polizeistation an der Darmstädter Straße.

„Wir können von hier aus die Kameras schwenken und die Bilder live ganz nah heranzoomen“, erklärt Polizeioberkommissar Guido Weinhonig. Tatsächlich offenbart der Blick auf den Bildschirm fast ein bisschen Kino-Feeling. Der ältere Mann, der am Europaplatz auf der Bank sitzt und seinem Hund beim Spielen zuschaut, der S-Bahn-Fahrer, der vom Parkplatz am Bahnhof in der Altstadt noch schnell zum Zug läuft, oder der Kunde, der beim Pizza-Service an der Station Mitte eine Lasagne kauft – von der Bildqualität her könnten alle Protagonisten eines Hollywood-Films sein. „Noch haben wir keine Erfahrung mit Regen oder Schnee, doch die Wiedergabe ist so gut, dass das Wetter wohl nicht stören wird“, hofft Weinhonig.

Fast fünf Jahre hat die Videoüberwachung auch in Zeiten ständiger technischer Innovationen gebraucht, um in der Kreisstadt ins Laufen zu kommen. „Es hat erst ein bisschen geklemmt wegen der Hardware und der Übertragungssoftware“, zeigt sich Dietzenbachs Polizeichef Klaus-Peter Daube versöhnlich. Noch im Dezember hatte er das Wörtchen „unreif“ gebraucht, als sich auch nach einem halben Jahr Probebetrieb die Beamten in der Altstadt nicht live zuschalten konnten. In der vergangenen Woche nun wurde das System auch in der Wache installiert, abgestimmt und eingerichtet. „Und wir haben sehr gute Bilder, wir können sogar die TÜV-Stempel auf den Fahrzeugen erkennen“, freut sich Daube. Gesendet werden die Aufnahmen von insgesamt 21 Kameras an den drei S-Bahnhöfen, der Grünachse zwischen Rathaus und Masayaplatz. Neun der Aufnahmegeräte sind so genannte Dome-Kameras, die 360 Grad schwenkbar und mit 32-fachen Zoom ausgestattet sind.

Nach dem offiziellen Startschuss der Überwachung im vergangenen Sommer sollten bereits im November die Beamten in der Wache live das Geschehen an den Kriminalitätsschwerpunkten beobachten können. Doch der zeitechte Blick funktionierte nicht immer, mal war die Funkübertragung nicht ausreichend, mal lag es an den Serverkapazitäten. Über Wireless-LAN werden die Kamera-Daten zum EVO-Schornstein an der Vélizystraße und von dort per Richtfunk zum städtischen Ordnungsamt übertragen, wo sie von Anfang an einzusehen waren und aufgezeichnet wurden. Die Polizei in der Altstadt hat nur den Live-Blick, für die Sicherung ist das Ordnungsamt zuständig. „Fünf Tage werden die Aufzeichnungen aufgehoben, das ist völlig ausreichend“, betont Daube. Immerhin hatte die Polizei so den Überfall auf einen Pizza-Service am Masayaplatz aufklären können.

„Je nach Geschehen können wir die Anzahl der Polizisten bestimmen, die vor Ort fahren“, so Daube. Wichtig war es den Beamten auch, das Erstzugriffsrecht auf die Sendungen zu haben. „Wenn wir eine Meldung bekommen oder am Monitor auf etwas aufmerksam werden, können wir direkt auf das System zugreifen.“ Wohl wissend, dass die Videoüberwachung für manchen ein Reizwort ist, hat der Polizeichef doch mittlerweile erfahren, dass immer mehr Bürger die Kameras eher als Garant für Sicherheit sehen. „Die Rückmeldungen zeigen uns, dass die Angst vor der Überwachung abnimmt“, so Daube.

350 000 Euro lässt sich die Stadt Dietzenbach die Überwachung als Modellprojekt in Kooperation mit Offenbach, Obertshausen und Heusenstamm kosten, das Land Hessen beteiligte sich mit 70 000 Euro, der RMV mit 20 000 Euro. Das Projekt könnte die Kriminalitätsstatistik weiter verbessern, ist doch die aktuell vorgestellte weiterhin rückläufig und weist mit 1954 Fällen im Jahr 2010 den niedrigsten Wert dieser Dekade auf. „Es ist hier noch nicht Bad Dietzenbach, aber schon sehr moderat geworden“, stellt der Leiter der Ermittlungsgruppe, Michael Berkefeld, fest. Ein ausführlicher Bericht folgt.

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