Gastronomie-Projekt „Chance Bistro“

Menschen von „Inseln“ zurückholen

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Kreissozialdezernent Carsten Müller (links) überzeugt sich zusammen mit Toom-Logistikleiter Jan Müller vom Angebot von „Chance Bistro“ in der Toom-Kantine. Hinter der Theke haben Reinhard Graeff. (Dritter von links) und Michael Bartels (Zweiter von rechts) die Fäden in der Hand.

Dietzenbach - Das Projekt „Chance Bistro“ in der Toom-Kantine bietet Langzeitarbeitslosen die Möglichkeit, wieder Fuß zu fassen. Sie lernen dort während laufenden Betriebs den Alltag in Küche und Kantine kennen. Von Ronny Paul 

Es herrscht Hochbetrieb in der Kantine des Toom-Zentrallagers an der Waldstraße. Die Lagerarbeiter wollen sich zur Mittagszeit schließlich stärken. Mubashar Ahmed Sethi bedient die Kantinengäste, reicht wahlweise Rahmschnitzel mit Pommes und Brokkoli oder Entenbrust mit Kartoffelgratin und Rosenkohl, garniert mit Rotweinsoße. Trotz des Andrangs ist ihm der Stress nicht anzusehen. Vielmehr ist der Pakistaner glücklich, war er doch lange arbeitslos. Das Besondere ist: Sethi arbeitet erst seit einem Monat in der Kantine und nimmt am Projekt Chance Bistro teil. „Es ist das erste Mal, dass ich so eine Chance bekomme“, sagt er.

Chance Bistro ist ein Projekt des Kreises Offenbach, der beiden Caterer Michael Bartels und Reinhard Graeff, der „KIZ Sinnova Gesellschaft für Soziale Innovationen“ und dem zur Rewe-Group gehörenden Toom-Baumarkt. Zielgruppe sind Langzeitarbeitslose wie Sethi, die sich für eine Arbeit als Küchen- oder Gastronomiehelfer interessieren und dafür geeignet erscheinen. Besonders im Zentrum des Projekts stehen Menschen mit Fluchthintergrund, insbesondere Frauen, für die es noch zu wenig passgenaue Integrationschancen gebe, heißt es vonseiten des Kreises. Sozialdezernent Carsten Müller (SPD) hat sich in der Kantine selbst ein Bild gemacht und die Entenbrust probiert. Sein Urteil: „Es war sehr lecker.“ Müller ist sich sicher: „Es gibt jede Menge hochmotivierte Flüchtlingsfrauen, die nur auf eine Chance warten, loszulegen.“ Aktuell nehmen 32 Männer und Frauen in zwei Gruppen an dem Projekt teil.

Väter des Ganzen sind Bartels und Graeff. Die beiden haben viele Jahre in Frankfurt den Cateringservice „Michas Essen und Trinken“ betrieben. Nachdem Bartels das Geschäft nach 23 Jahren verkauft hat, habe er sich gedacht: „Das kann’s nicht gewesen sein.“ Das Projekt nennt der 62-Jährige „meinen Altersweg“. „Viele Menschen haben sich auf Inseln zurückgezogen, wir versuchen sie abzuholen“, betont Bartels und meint damit, dass sich bei Langzeitarbeitslosen oftmals eine gewisse Lethargie auspräge. „Viele gewöhnen sich an staatliche Zuschüsse“, sagt er. Ihnen falle es schwer, sich wieder in die Arbeitswelt einzugliedern. In der Toom-Kantine haben sie die Chance dazu. „Es gibt bei uns zwei wichtige Themen: die Sprache und sich um die Menschen zu kümmern“, sagt Bartels. „Wir operieren quasi am offenen Herzen.“ Die Projektteilnehmer werden während des laufenden Betriebs eingearbeitet. Das benötige viel „Manpower“, vor allem auch, weil im Chance Bistro alles frisch gemacht wird. Die Pommes kommen nicht aus der Tiefkühltruhe, sondern werden von den Mitarbeitern selbst geschnippelt.

Jan Müller, Logistikleiter im Toom-Lager, freut sich über das Gelingen des seit September laufenden Projekts: „Die Kantine war stillgelegt, unsere Mitarbeiter haben sich selbst versorgt oder für teures Geld bei Mc Donalds gegessen.“ Immerhin arbeiten am Standort 415 Menschen, die frühstücken und zu Mittag essen wollen. Die Resonanz ist groß: Bis zu 80 Menüs gehen täglich über die Theke. Die Teilnehmer bekommen täglich über KIZ vier Stunden Deutschunterricht. „Eine Win-win-Situation für alle“, findet Jan Müller.

Sehti möchte nach Projektende weiterhin in der Küche arbeiten. Die Aussicht ist gut, denn nach vier Wochen in der Toom-Kantine steht ein einmonatiges Praktikum in einem externen Betrieb an. Dort haben die Teilnehmer die Möglichkeit, Schwellenängste abzubauen. „Aber natürlich geht es in den Praktika auch darum, dass sich Betriebe und Langzeitarbeitslose kennenlernen, sodass die spätere Übernahme in Beschäftigung sehr früh vorbereitet werden kann“, sagt Sozialdezernent Müller. Im dritten Monat kommen die Teilnehmer zurück in die Toom-Kantine und Bartels und Graeff setzen die Schulung fort. Dank deren guter Kontakte in die Branche stehen die Chancen nicht schlecht, dass die Teilnehmer nach den drei Monaten eine Festanstellung bekommen. Müller: „Bewerberempfehlungen von erfahrenen Kollegen haben in der Gastro-Branche einen besonderen Stellenwert und erleichtern die Vermittlung immens.“

Erfüllen sich die Hoffnungen, soll die Weiterbildung regelmäßig stattfinden. Bislang ist das Projekt bis Januar angedacht. Pläne, es auf eine weitere Großkantine auszuweiten, gebe es bereits, so Müller.

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