Prozess gegen drei junge Männer

Gefesselt, geschlagen und verbrannt

+
Die Feuerwehr löschte den Brand in einer Erdgeschosswohnung am Wertheimer Weg und fand eine Männerleiche. Zu diesem Zeitpunkt wirkte der Tod des Mannes noch wie ein tragischer Unfall.

Dietzenbach -  Auf den ersten Blick hat der Brand in der Nacht auf den 16. April vergangenen Jahres in einer Wohnung am Wertheimer Weg wie eine Tragödie gewirkt. Auf den zweiten Blick war es mutmaßlich gemeinschaftlicher Mord. Von Ronny Paul 

Nacheinander werden Abdul P., Mohammed I. und Shirzad W. in Handschellen in den Gerichtssaal geführt. Den Blickkontakt zueinander suchen sie nicht. Mit gesenktem Kopf sitzen I. und W. im Saal, während Oberstaatsanwalt Alexander Homm die Anklage verliest. Nur P. wirkt zunächst gefasst. Jedoch wird er im Laufe des Tages mehrmals wiederholen: „Unser Ziel war nicht, dem Mann etwas anzutun...“

Gestern hat der Prozess gegen drei 18-jährige Afghanen vor dem Landgericht Darmstadt begonnen, die am 15. und 16. Mai vergangenen Jahres in Offenbach festgenommen wurden. Ihnen wird vorgeworfen, den Tod eines 80-jährigen Landsmannes in seiner Wohnung am Wertheimer Weg billigend in Kauf genommen zu haben, um an sein Geld zu gelangen. Die jungen Männer sollen den Senior zuvor zu Boden geworfen und an Armen, Beinen sowie am Hals gefesselt und ihm den Mund zugehalten haben. I. habe den Mann mit einem Schlagstock geschlagen und ihm Gasspray ins Gesicht gesprüht, verliest Homm. Im Anschluss sollen die mutmaßlichen Täter 550 Euro Bargeld, ein Handy und Schmuck gestohlen haben. Zu dem Zeitpunkt sei der Mann, wie Staatsanwalt Homm erklärt, schon tot gewesen, da seine Atmung versagt habe. Um die Tat zu verdecken, soll der Angeklagte P. im Einvernehmen mit den anderen Angeklagten die Kleidung des Opfers sowie dessen Kleidung im Schrank in Brand gesteckt haben – soweit die Anklage.

Lesen Sie dazu auch:

Drei Angeklagte nach tödlichem Raub und Brand vor Gericht

80-Jährigen getötet: Drei Festnahmen in Offenbach

Feuerwehr findet Leiche im Haus

W. verweigert während der Verhandlung die Aussage. Dafür reden die beiden anderen: P. erzählt, er sei vor etwa zwei Jahren aus Angst vor den Taliban aus Afghanistan geflüchtet. Seine Familie habe einem Schleuser 20 000 US-Dollar gezahlt, damit der P. nach Deutschland bringe. Er habe eine Ausbildung am Flughafen machen wollen, sei dafür zur Theodor-Heuss-Schule in Offenbach gegangen und habe dort in einer Jugendhilfeeinrichtung gelebt.

Der Angeklagte I. schildert, er sei vor eineinhalb Jahren, ebenfalls per Schleuser aus Afghanistan nach Deutschland gekommen, um was besseres aus seinem Leben zu machen. In seiner Heimat sei sein Leben aus der Bahn geraten, als sein Vater 2004 ermordet wurde. Danach habe er die Schule abgebrochen und später regelmäßig Haschisch und Opium konsumiert. Über Seligenstadt und Gießen sei er schließlich in einer Flüchtlingsunterkunft in Dietzenbach gelandet. Dort habe er regelmäßig Haschisch geraucht und nahezu täglich hochprozentigen Alkohol getrunken. In Dietzenbach sei er auch mit dem 80-Jährigen in Kontakt gekommen, der ihn, weil sie aus der gleichen Region stammen, regelmäßig zum Essen einlud. Dort habe er auch mitbekommen, dass der Mann sein Haus in Afghanistan verkauft habe und das Geld in seiner Wohnung aufbewahre.

WANTED! Die Top Ten der US-Fahndungsliste

P. erklärt, I. habe ihn und W. angestachelt, das Geld aus der Wohnung zu holen. Dabei hätten er und W. das gar nicht gewollt. Er schildert den Tathergang aus seiner Sicht, der sich allerdings nicht ganz mit seinen zuvor getätigten Auskünften gegenüber Haftrichter und Polizei deckt. Seiner Aussage nach, hätten sich die drei gegen 22 Uhr in der Tatnacht getroffen und gemeinsam gekifft und getrunken. Sie hätten auf I. vertraut, der behauptet habe, der Mann sei nicht zuhause, dafür würden 80.000 Euro in der Wohnung versteckt sein. Daraufhin seien sie dort hingegangen und haben an der Tür geklopft. Als der Mann öffnete, habe I. den Senior zu Boden geworfen und in die Augen gesprayt.

Zudem solle I. den Mann laut P. mit einem Bügeleisenkabel an den Beinen gefesselt und mit einem Schlagstock auf die Fußknöchel geschlagen haben. Dadurch habe der Mann angefangen zu bluten und sei regungslos auf dem Boden liegen geblieben. Die Angeklagten haben im Anschluss die Wohnung nach Bargeld abgesucht und alte afghanische Geldscheine, 550 Euro sowie ein Handy gefunden. P. sagt, er habe I. um ein Feuerzeug gebeten und Kleidung im Schrank in Brand gesteckt. Warum er das gemacht habe, obwohl er beteuert, man habe dem Mann nichts tun wollen, will Richter Marc Euler wissen. Das wisse er nicht mehr, antwortet P. kopfschüttelnd, er sei so betrunken gewesen. Genauso widersprüchlich erscheint dem Richter, dass die Täter auch eine Schreckschusspistole dabei hatten. Für den Prozess sind fünf weitere Verhandlungstermine angesetzt.

Das sind die Gesichter der Mafia

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion