Mit der frühgeschichtlichen Arbeitsgruppe auf den Spuren der Vorfahren

Taschenmesser der Neandertaler

Pfeilspitzen, Faustkeile und Messer nach Art der Vorfahren: Oliver Littmann (rechts) kennt sich mit der Herstellung aus. Fotos: MAN

 Der ahnungslose Betrachter hält das Areal für einen ganz normalen Park- und Grillplatz. Doch es ist mehr als das. 

Mühlheim – Stimmt zwar, es handelt sich jedoch vor allem um eine der wichtigsten Fundstellen in Europa aus der Zeit des Spätpaläolithikums, die sich von 12.000 bis 8 000 vor Christus erstreckte. Die Menschen, die einst hier lebten, wussten nach dem Sonnenaufgang noch nicht, wie sie bis zum Abend satt werden sollen.

Es brauchte kein Schild, um darauf aufmerksam zu machen, dass Richard Plackinger wieder eine Open-Air-Sonderführung der vor- und frühgeschichtlichen Arbeitsgruppe veranstaltet. Morgens um kurz nach elf Uhr ist es vor lauter Besuchern schon unmöglich, dort ein Auto abzustellen.

Stagnation über 1,7 Millionen Jahre

Angenommen, den Menschen hätten über die Jahrtausende seiner Entwicklung Außerirdische beobachtet, hätte wohl niemand von ihnen darauf gewettet, dass die Gattung irgendwann in der Lage sein wird, Satelliten ins All zu schießen oder Impfstoffe zu entwickeln. Denn lange herrschte eine gewisse technische Stagnation. „Über 1,7 Millionen Jahre war der Faustkeil das einzige Werkzeug des Menschen“, erklärt der Oliver Littmann, der Mann, der demonstriert, wie die Vorfahren aus Feuersteinen Pfeilspitzen oder etwa den tropfenförmigen und von allen Seiten scharfen Micoque-Keil herstellten, den Littmann „das Taschenmesser der Neandertaler“ nennt.

Pfeil- und Bogenexperte Matthias Kiel demonstriert, wie unsere Vorfahren jagten.

Viele halten den Neandertaler für unseren Vorfahren. Zum Teil stimmt das auch, jedoch nur zu einem geringen. Diese Variante lebte nur in Europa und verließ den Kontinent nie, erzählt Richard Plackinger. Anders als der Homo sapiens, den es von Afrika aus nach Europa zog, wo er sich zumindest ein bisschen mit dem Neandertaler mischte, wie das Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie jüngst nachgewiesen habe, „etwa drei bis vier Prozent unseres Erbgutes stammt vom Neandertaler“. Das habe die helle Haut und die glatten Haare bedingt.

Etliche Theorien für Aussterben 

Der Neandertaler selbst starb jedenfalls aus. Für den Grund gibt es etliche Theorien. Plackinger nennt die vom gewaltigen Ausbruch eines Vulkans auf den phlegräischen Feldern, 20 Kilometer vom Vesuv entfernt, nicht weit weg von Neapel auf einer Karte von heute. Wenn irgendwo die Lava in den Himmel schießt, merkt das ein paar hundert Kilometer weiter erst mal niemand. Die Katastrophe kommt später. Die Asche aus dem Ausbruch lässt sich bis heute noch in Russland nachweisen. Giftige Schwefel-, Fluor- und Chlorregen sorgten für ein massenhaftes Aussterben von Tieren. „Der Neandertaler aß fast nur Fleisch“, erklärt Plackinger. Weiträumig unterbrach der Ausbruch bei Neapel die Nahrungskette.

Plackinger wird seine eigenen prähistorischen Funde, die der 76-Jährige auf einer Reise mit dem Offenbacher Veranstalter Hans-Jürgen Wagner 1989 in der Sahara von Algerien fand, dem Stadtmuseum übergeben, „so wie die Vitrine steht, sind die dort zu sehen“. Im Stadtmuseum hängt dann auch das Bild einer Mühlheimer Künstlerin, das eine Frau aus der Gegend von Dietesheim zeigt, die zwischen 1500 und 1200 vor unserer Zeitrechnung gestorben sein muss. Längst hatte der Ackerbau die menschlichen Sozialstrukturen verändert. So konnte sich eine Schicht entwickeln, die andere für sich arbeiten ließ, was bei den Jägern und Sammlern der Steinzeit nicht funktionieren konnte. Die Frau entstammte aus vermögenden Verhältnissen, das belegt der in ihrem Grab gefundene Bronzeschmuck.

Nebenan auf der Wiese demonstriert der Pfeil- und Bogenexperte Matthias Kiel, wie der Steinzeitmensch jagte. Mit seinem Wurfspeer kommt Kiel 53 Meter weit. Damit lässt sich auch mit viel Übung nicht zielgenau ein Hirsch erlegen, geschweige denn ein Mammut. „Das funktionierte einst also nur durch die Gruppe.“ Die sah zu, wie sich das Tier umzingeln lässt, um es mit einem Hagel an Pfeilen oder Speeren zu erlegen.

Von Stefan Mangold

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