Zum ersten Mal Orangen

Am 26. März zogen US-amerikanische Soldaten in die Mühlenstadt ein

Bis in den Dezember hinein besetzten Amerikaner 1945 Mühlheim. Dann übernahm Alois Beheim das Bürgermeisteramt.
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Bis in den Dezember hinein besetzten Amerikaner 1945 Mühlheim. Dann übernahm Alois Beheim das Bürgermeisteramt.

Pausenlos brummten Jabos im Tiefflug übers Dorf, so nannten die Jungs die Jagdbomber der Amerikaner. Eine Brandbombe fiel durchs Kirchendach von St. Lucia, das Feuer konnte durch beherztes Eingreifen der Männer gelöscht werden.

Mühlheim – Emil Becker brannte die Scheune ab, da war nichts mehr zu retten. Und noch kurz vor Kriegsende haben die Lämmerspieler 20 Bunker gebaut, erzählt Günter Schmitt. Wie sein Klassenkamerad Adolf Fischer und Klaus Roth hat er das Kriegsende als Bub miterlebt und erinnert sich noch lebhaft an die Tage im März 1945.

Noch am Vortag marschierte ein Trupp deutscher Soldaten durch den Ort. „Sie sahen müde aus, waren zerlumpt und manche hatten die Füße mit Lappen umwickelt“, erzählt Schmitt. Die Amerikaner waren schon nah, trotzdem hatte ein Wehrmachtstrupp am Waldrand zu Hausen Geschütze aufgestellt. Eine gewaltige Detonation ließ die Häuser erzittern. Später erfuhren die Einwohner, dass die Mainbrücke nach Fechenheim gesprengt wurde.

„Es war gegen Abend des 26. März“, sagt Schmitt. „Eine Abteilung der US-Armee rollte mit Panzerspähwagen aus Richtung Hausen zur Bürgermeisterei.“ Schmitts Mutter hatte Angst und zog mit ihrem Sohn ins Haus seines Onkels Georg Roth VII., wo sie im Keller schliefen. Am nächsten Morgen kamen weitere Einheiten über die Obertshäuser Straße.

Es war Günter Schmitts neunter Geburtstag. Alle Häuser wurden besetzt, außer das der Roths, bei denen ein Baby lebte, und das der Schmitts, das zu klein schien. Die anderen Familien mussten innerhalb von Stunden ihre vier Wände verlassen, erhielten bei Verwandten oder Bekannten im Unterort Quartier. Adolf Fischer wohnte in der Mühlheimer Straße gegenüber der Metzgerei Beheim. Beim Einmarsch hatten er und seine Freunde den ersten Kontakt mit Farbigen, „das fanden wir toll“, berichtet er. „Zwei deutsche Lanzer hatten sich im Haus gegenüber versteckt“, erzählt Fischer weiter. „Sie wollten sich mit erhobenen Händen ergeben, da haben sich die Amerikaner erschrocken in ihre Panzer zurückgezogen.“

Bei Fischers zogen die Kommandantur und die Küche der US-Streitkräfte ein. Die Familie hauste fortan im Stall der Oma. Adolf Fischer war eine Nacht im Bunker eingesperrt: Der Schüler schlich durch den Keller ins Haus seiner Eltern. „Am Tisch habe ich zum ersten Mal Cola getrunken und Orangen gegessen“, erinnert er sich. Dabei wurde er geschnappt.

Morgens wurde der Junge entlassen. Aus Wut schlich er sich durchs Kellerfenster erneut ins Haus und klaute 25 Pfund Kaffee in einer Papiertüte. Seine Eltern freuten sich und tauschten die Päckchen gegen Mehl, Butter und Obst. Später verteilte ein freundlicher Soldat 100-Reichsmark-Scheine an Familien.

Klaus Roth wohnt gegenüber der Kirche. Er erinnert sich noch daran, wie jedes Haus mit weißen Tüchern beflaggt wurde. Dann kursierte die Falschmeldung, die SS komme – alle Fahnen wurden eingezogen. Als doch die Amerikaner einrückten, wurden die Laken wieder rausgehängt. Pfarrer Karl Bickerle stand am Tor und übergab Zwangsarbeiter – vermutlich Spione –, die er im Lucia-Sälchen vor den Nazis versteckt hielt. „Die Soldaten haben sie umarmt und mitgenommen“, berichtet Roth. „Das müssen ganz wichtige Leute gewesen sein.“ Auch den späteren Autohändler Reinhold Best hielt Bickerle dort verborgen. Er war verwundet und hätte wieder an die Front zurückkehren sollen.

Die Familie Roth zog zum Großvater. Später brach sie im alten Schulhaus die Tür auf, um im Parteibüro zu übernachten. Daheim haben die Uniformierten „alles Eingemachte gegessen“, Nachbarn berichteten von Randalierern, die mit Schuhen auf den Betten gesprungen seien.

Auf dem Hof der Gerberei Usinger & Ress, dem heutigen Rewe-Parkplatz, waren eine Verpflegungsstation eingerichtet und zwei Dutzend Kettenfahrzeuge geparkt. „Sie holten ihr eigenes Wasser von Weiskirchen“, erinnert sich Klaus Roth. Mit seinen roten Haaren war er sehr beliebt, hat sich mit einem Amerikaner angefreundet, der ihm Orangen schenkte.

VON MICHAEL PROCHNOW

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