Eichler-Kammerer kommt, Zauneidechsen werden umgesiedelt

Neue Untermieter für Wackersteine

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Männchen (grün gefärbt) und Weibchen sind bei den Zauneidechsen recht einfach zu unterscheiden. Die Tiere sind streng geschützt, weshalb sie erst umgesiedelt werden müssen, bevor Eichler-Kammerer an der Waldstraße mit dem Bauen beginnen kann.

Dietzenbach - Bevor die Eichler-Kammerer GmbH und Co. KG an der Waldstraße mit dem Bau der größten zusammenhängenden Unternehmensansiedlung in der Geschichte der Kreisstadt beginnen kann, steht der Artenschutz. Darüber, wie das von der Firma angegangen wird, ist man auch bei der Wirtschaftsförderung angetan. Von Christian Wachter

Lange sehen sich die beiden ihre neue Nachbarschaft nicht an. Kaum aus dem weißen Plastikeimer befreit, verschwinden die Zauneidechsen auch schon im Geäst. Grund für den Umzug der Kriechtiere ist der von Erstem Stadtrat Dieter lang vor einiger Zeit als „größte zusammenhängende Unternehmensansiedlung in der Geschichte Dietzenbachs“ bezeichnete Bau der Eichler-Kammerer-Gruppe. Diese möchte an der Waldstraße ein Vertriebs- und Servicecenter inklusive Verwaltungsgebäude hochziehen, außerdem ein Schulungszentrum, eine Kantine und einen Betriebskindergarten. Auf den rund 80 000 Quadratmetern sollen einmal 300 Menschen arbeiten.

Andreas Malten geht regelmäßig mit akademisch geschultem Blick über das Gelände an der Waldstraße, um die Zauneidechsen umzusiedeln.

Bevor sich allerdings der erste Bagger ins Erdreich gräbt, muss dem Artenschutz Rechnung getragen werden. Schließlich sind die dort lebenden Zauneidechsen etwa nach der EU-Habitatrichtline oder dem Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt. Zuständig dafür, dass dem wirtschaftlichen Aufschwung kein Rückgang der Population entgegensteht, ist der Diplom-Biologe Andreas Malten. Mit einem Gerät Marke Eigenbau, das ihm ein Freund gefertigt hat, geht er regelmäßig das Gelände ab, konzentriert, den Blick auf jene Stellen, an denen sich die Echsen besonders wohlfühlen. Sobald er eines der Tiere erspäht, kommt besagter Stab zum Einsatz. An der Spitze ist eine kleine Schlinge befestigt, die sich zuzieht, wenn er mit den Finger auf einen kleinen Knopf tippt. „Der Druck ist ziemlich gering, sie haben dabei keine Schmerzen“, betont Malten. Das Schwierige sagt er, sei nicht, die Tiere zu fangen, sondern sie zu finden. „Man muss ruhig bleiben, keine hektischen Bewegungen machen, der Rest ist Übung und Geschicklichkeit.“ Es sei nicht ungewöhnlich, dass an diesem Tag in fünf Stunden vier Exemplare zusammengekommen sind. Insgesamt, so schätzt er, werden es am Ende 40 bis 60 Stück sein.

Lange müssen die Echsen nicht auf ihre Freiheit verzichten. Ihr neues Domizil ist nämlich nur ein paar Meter weiter, auf der anderen Seite der Waldstraße, angelegt. Von niedrigen grünen Zäunen abgegrenzt, sind dort einige Löcher von knapp einem Meter Tiefe gegraben worden. In diesen liegen Wackersteine, Geäst und Sand zur Eiablage. In dem Lückensystem des Konstrukts, berichtet Malten, fühlen sich die Tiere nicht nur wohl, sondern finden auch Schutz vor Falken und anderen Vögeln, bei denen sie auf dem Speiseplan stehen. Gerade wenn sie frisch umgesetzt seien, könne es aber durchaus sein, dass die Echsen zurücklaufen, deshalb die glatten und für die Geschuppten unüberwindbaren Folienzäune, erläutert Malten.

Bilder: Die am stärksten bedrohten Arten

Dass er als Arbeitsumfeld einmal die Natur einem Labor vorziehen würde, wusste Malten früh. „Schon als Kind bin ich am Niederrhein mit dem Fernglas los, habe mit dem Fernglas Vögel beobachtet, so etwas wollte ich später auch einmal machen.“ Später machte er eine Ausbildung am Frankfurter Senkenberg-Museum, studierte in der Mainmetropole und arbeitet inzwischen mit 30 Jahren Berufserfahrung bei der Planung, Umsetzung und der Kontrolle des Artenschutzes. Wann genau sein Werk an der Waldstraße vollendet ist, kann er nicht sagen. „Im Juni eventuell, das hängt auch vom Wetter ab.“ Schließlich sei die Suche bei Regen bedeutend schwerer, wenn sich die Echsen zurückziehen.“

Das aus dem Aufwand für den Artenschutz keine Dauerdebatte um die Kosten entstand, wie es sie etwa beim Projekt Stuttgart 21 gab, liegt laut Michael Krtsch, Leiter der Wirtschaftsförderung, an der rechtzeitigen Kommunikation. „Ob Bauherr, Architekt, Kreisbehörde oder Wirtschaftsförderung, alle haben sich früh an einen Tisch gesetzt und offen miteinander gesprochen.“ Bei Eichler-Kammerer handle es sich um ein familiengeführtes Unternehmen, das mit seinem Leitbild Verantwortung übernehme. „Da zählt nicht nur der Umsatz, sondern man achtet auch auf die Umwelt.“ So habe man ein Vorzeigeprojekt auf den Weg bringen können, das zeige, wie sich Ökologie und Ökonomie verbinden lassen. Die Bauarbeiten sollen im Sommer dieses Jahres beginnen und bis 2020 abgeschlossen sein.

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