Notizbuch der Woche

Kommentar: Neues vom Nadelöhr

Als Dietzenbach anno 2003 mit jahrzehntelanger Verspätung ans S-Bahn-Netz angeschlossen wurde, war der Jubel groß. Doch nachdem die erste Euphorie verfolgen war, mussten die Kunden feststellen, dass der Fahrplan der S 2 bisweilen ein recht geduldiges Stückchen Papier war. Von Christoph Zöllner

Und wer nach Frankfurt pendelte oder gar zum Flughafen, dem wurde der Umweg über Offenbach schnell lästig. Mancher wünschte sich gar den guten alten 954er Bus zurück. Nun endlich kündigen Bahn und RMV eine wesentliche Verbesserung an. Die in den Hauptverkehrszeiten zur Verstärkung eingesetzten S-Bahnen der alten Baureihe 420 sollen ab Juni nicht mehr in Offenbach enden, sondern – über Frankfurt – die komplette Strecke nach Niedernhausen fahren. Neue Signaltechnik im Frankfurter Tunnel, der als Nadelöhr gilt, soll’s möglich machen. Der RMV verspricht sich davon „eine Stabilisierung der Fahrten“.

Und das ist auch dringend nötig. Wer dieser Tage auf die Idee kommt, sein Auto in der Garage zu lassen und Rutschpartien auf schneebedeckten Straßen zu vermeiden, dessen Geduldsfaden wird mancher Zerreißprobe unterzogen. Auch wenn der RMV in seiner jüngsten Pressekonferenz betonte, dass die Pünktlichkeit der Züge gestiegen sei: Was hilft das, wenn man immer im falschen Zug sitzt. Verspätungen, Zugausfälle, schlechte oder gar keine Informationen – was der RMV übrigens als Mangel erkannt hat und angeblich bekämpfen will – sind leider immer noch an der Tagesordnung. Entweder der Kunde wird über offensichtliche Verspätungen überhaupt nicht in Kenntnis gesetzt und einfach am kalten Bahnsteig stehen gelassen oder mit Standardfloskeln abgespeist. Der Unterschied zum Viehtransport wird manchmal nicht auf Anhieb deutlich.

Dabei macht Bahnfahren auch Spaß.

Beispiel Hauptbahnhof Frankfurt, Montagmorgen, kurz nach 9 Uhr. Die S-Bahn nach Dietzenbach wird erst angezeigt, verschwindet dann aber plötzlich. Stattdessen erscheint ein Zug nach Offenbach-Ost auf der Tafel. Keine Durchsage, nichts. Die wartenden Fahrgäste sind ratlos. Ansprechpartner? Fehlanzeige. Hilf Dir selbst, lieber Kunde, der Du klaglos jede Preiserhöhung hinzunehmen hast. Kurze Zeit später am Bahnhof Offenbach-Ost. Hier wird angezeigt, dass die S 2 nach Dietzenbach „in Kürze“ kommt, obwohl sie ausfällt, was leider erst viel später per Lautsprecherdurchsage mitgeteilt wird. Warum es nicht möglich ist, den ausgefallenen Zug aus dem Anzeigesystem herauszunehmen, bleibt das Geheimnis der Bahn oder des RMV, die beide geübt sind in dem Spiel, sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuzuschieben.

Dabei macht Bahnfahren auch Spaß. Nirgendwo sonst kann man so schön Zeitung lesen, seine Gedanken schweifen lassen, die ganze Palette der Handy-Klingel töne vorgespielt bekommen – kurz: das Leben in vollen Zügen genießen. Ja, Bahnfahren wäre die perfekte, weil obendrein noch umweltfreundliche Alternative zum  Auto… wenn die Verantwortlichen einen pünktlicheren und zu allen Tageszeiten verlässlichen Fahrbetrieb gewährleisten könnten, wie er in einem – dem Anspruch nach – hoch technisierten Land und einer pulsierenden Region selbstverständlich sein sollte.

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Das Wort der Woche

Blechblasinstrumentetestaktion

Wer dieses Wort unfallfrei aussprechen kann, der sollte es heute auch schaffen, besagten Instrumenten im Gemeindehaus der Christuskirche (10.30 bis 14 Uhr) Töne zu entlocken.

Rubriklistenbild: © op-online

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