Mit 99 noch keine Gedanken ans Pflegeheim

Dietzenbach - Betreutes Wohnen ermöglicht Senioren Eigenständigkeit bis ins hohe Alter / Angebote „für jedes Portemonnaie“

Katrin Diel

Monika Luschtinetz erinnert sich an ein Gespräch mit der Tochter einer älteren Dame, das sie kürzlich geführt hat. Die Mutter sei noch recht fit, möchte aber nun in eine Anlage des Betreuten Wohnens einziehen. Stolze 99 Jahre ist sie bereits alt. „Das gab es vor zehn Jahren noch nicht“, sagt die Leiterin der städtischen Seniorenarbeit. „Die Menschen ziehen heute in eine Wohnanlage ein wie früher in ein Pflegeheim.“ Die meisten seien über 80, wenn sie aus ihrem bisherigen Heim ins Betreute Wohnen wechseln, berichtet Luschtinetz.

Dort leben die Bewohner eigenständig, können aber bestimmte Hilfen in Anspruch nehmen. Mit diesem Konzept und dem umfassenden Angebot an Seniorenwohnungen liege Dietzenbach im Trend der Zeit und habe anderen Kommunen einiges voraus. „Ich bin überzeugt, dass wir kreisweit führend sind“, sagt Walter Fontaine, Leiter des Fachbereichs Soziale Dienste. Nach aktuellem Stand gibt es im Stadtgebiet 217 Miet- und Eigentumswohnungen im Bereich Betreutes Wohnen. Vor allem bei den hochwertigen Eigentumswohnungen sei Dietzenbach in der ersten Reihe. „Der Markt der Seniorenwohnungen wird von Investoren jetzt erst entdeckt.“

Historisch gesehen ist das Konzept des Betreuten Wohnens aus dem Sozialen Wohnungsbau entstanden. Da der Bedarf solcher Wohnformen sich nicht nur aus finanziellen, sondern vor allem aus gesundheitlichen Gründen ergibt, hat Dietzenbach in den vergangenen zehn Jahren auch Angebote für ältere Menschen mit höherem Einkommen geschaffen. 1999 wurde mit finanzieller Unterstützung von Land und Bund das Seniorenzentrum Steinberg fertiggestellt. Mittlerweile gibt es acht Anlagen mit Angeboten von der Sozial- bis zur Eigentumswohnung (siehe Info-Ecke). „Für jedes Portemonnaie“, wie Monika Luschtinetz betont. „Und das ist keinesfalls selbstverständlich.“

Der Bedarf an Seniorenwohnungen in Dietzenbach ist damit nach Angaben von Fontaine und Luschtinetz für die nächsten Jahre gedeckt. In der Anlage an der Marktstraße konnten zuletzt auch Wohnungen kreisweit vergeben werden, nachdem alle Dietzenbacher Interessenten versorgt waren.

In den insgesamt 217 Wohnungen leben knapp unter 300 Personen, schätzt Luschtinetz. Die Zwei-Zimmer-Wohnung sei mittlerweile Standard. Obwohl Senioren theoretisch schon mit 60 Jahren, teilweise sogar schon ab 50, in das Betreute Wohnen einziehen können, liegt das Durchschnittsalter der Mieter beziehungsweise Eigentümer bei 80.

Der Grund für den Umzug seien meist kleinere Hürden, die die Menschen in ihrem bisherigen Heim nicht mehr bewältigen können, erzählt Luschtinetz. Zum Beispiel der Garten, der nicht mehr gepflegt werden könne. Meistens seien die Menschen nur auf kleinere Hilfen angewiesen, die in den Wohnanlagen dann gewährleistet seien.

Diese kleinen Hilfen tragen dazu bei, dass die Senioren möglichst lange eigenständig in ihren eigenen vier Wänden leben können und eine Heimaufnahme verhindert oder hinausgezögert wird. „Und das ist auch die Idee“, sagt Luschtinetz. Eine Heimaufnahme sei heutzutage nur noch dann nötig, „wenn jemand sich selbst oder andere gefährdet“, was etwa bei Demenzkranken der Fall sei.

Zum Service in den Wohnanlagen gehören regelmäßige Sprechzeiten von Beratern der städtischen Seniorenarbeit. Sie helfen bei der Bewältigung des Alltags, geben zum Beispiel Formulierungshilfe beim Schreiben an Behörden. Und sie vermitteln, falls eine Haushaltshilfe oder ein Pflegedienst benötigt wird. „Was kostet es, wenn meine Mutter nicht mehr so kann? Welche Pflegestufen gibt es? Was mache ich, wenn…“ Bei solchen Fragen helfen die Berater weiter. Und sie haben auch mal ein offenes Ohr, wenn die Bewohner zu einem Schwätzchen vorbeikommen.

„Die Mitarbeiter in den Anlagen sind manchmal der einzige soziale Kontakt“, beobachtet Luschtinetz, die eine „zunehmende Singularisierung“ feststellt. Gerade wenn die Angehörigen weiter entfernt wohnen. Deshalb versuchen die Betreuer auch, gesellige Zusammenkünfte in den Gemeinschaftsräumen zu initiieren. Ohne jedoch von oben zu bestimmen: „Jetzt wird gefeiert“, wie Walter Fontaine betont. „Die Bewohner sollen selbst mitgestalten.“ Das funktioniere in den verschiedenen Häusern unterschiedlich gut, bedürfe aber manchmal nur eines kleinen Anstoßes.

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