26-Jähriger studiert derzeit in Brüssel

OP-Mitarbeiter Khang Nguyen: Dem Terror so nah wie nie

Dietzenbach/Brüssel - Mitarbeiter Khang Nguyen macht seit September seinen Master in „Journalism and Media in Europe“ in Brüssel. Der 26-jährige Dietzenbacher erzählt, wie er die Anschläge in der belgischen Hauptstadt am Dienstag erlebt hat.

Khang Nguyen lebt derzeit in Brüssel.

OP-Mitarbeiter Khang Nguyen berichtet von seinen Erlebnissen in Brüssel: „Es stand eigentlich eine Besprechung mit meinem Dozenten und eine Vorlesung am Abend auf dem Plan. Das Thema: „Gefahren der Pressefreiheit in Europa“. Zu diesem Vortrag wird es erst einmal nicht kommen: Nach einem Bombenfund an der „Vrije Universiteit Brussel“ sowie den Anschlägen auf den Brüsseler Flughafen Zaventem und die Metro-Station Maelbeek rief die belgische Regierung die höchste Terrorstufe aus. Der Nah- und Fernverkehr ist zum Erliegen gekommen. Busse, Bahnen, Trams: Alle standen still. Die Station Maelbeek liegt im Herzen der Stadt. Im sogenannten EU-Viertel befinden sich die wichtigsten Institutionen, unter anderem die Europäische Kommission, das Europaparlament und die „Ständige Vertretung Deutschlands“.

So hatte ich mir mein Auslandsstudium nicht vorgestellt. Seit September besuche ich die flämische Universität und arbeite zurzeit an meiner Masterarbeit. Ich wohne im Stadtteil Ixelles, einem sehr lebendigen Viertel nahe der Innenstadt. Von hier sind es keine 15 Kilometer zum Flughafen, zur Station Maelbeek brauche ich nicht einmal zehn Minuten.

Ich war auf dem Weg in die Bibliothek, als ich von der Explosion am Flughafen erfuhr. Übers soziale Netzwerk Facebook hatte sich die Nachricht unter den Studierenden schnell verbreitet. Wir hielten uns gegenseitig auf dem Laufenden: Denn spätestens mit dem Anschlag auf die Station Maelbeek war der Terror direkt in unser Leben getreten. Der rege Nachrichtenaustausch half dabei, uns sicherer zu fühlen. Es ist das zweite Mal binnen weniger Monate, dass Terrorwarnstufe 4 ausgerufen wurde. Konkret bedeutet das unter anderem, dass der Nahverkehr nur eingeschränkt funktioniert. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, an wichtigen Punkten der Stadt Militärs zu sehen, die seit den Anschlägen auf Paris patrouillieren.

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Währenddessen knatterten Polizei und Krankenwagen die Hauptstraße entlang. Keine fünf Minuten vergingen ohne Sirenengeheul. Die Uni ordnete an, in den Gebäuden oder gleich zu Hause zu bleiben. Später sollte das Gelände noch großflächig aufgrund eines Bombenfundes evakuiert werden. Aus Deutschland erreichten mich überdurchschnittlich viele Nachrichten von Familie, Freunden und sogar von Bekanntschaften, von denen ich schon ewig nichts mehr gehört hatte: „Geht es dir gut?“ – „Wo bist du gerade?“, fragten die meisten von ihnen. Sie waren geschockt, verängstigt – fast sogar mehr als wir hier in Brüssel. Denn die Belgier haben ein merkwürdiges Verhältnis zum Terrorismus und den Gefahren. Waren die Angst und Unsicherheit kurz nach den Anschlägen noch sehr präsent, verflüchtigten sie sich fast vollständig zum Abendverkehr hin. Natürlich waren die Straßen leerer als sonst. Die Busse fuhren sporadisch. Von Hysterie oder Angst konnte man aber nicht mehr sprechen – auch ich nicht. Vielmehr ist es eine Ungewissheit und Hoffnungslosigkeit, die einen begleitet, sobald es auf die Straße geht. Eben weil keiner weiß, ob nicht noch weitere Angriffe geplant sind.

Am Dienstagabend hatte mich eine Freundin aus Finnland zu einer spontanen Solidaritätsbekundung an der Börse eingeladen. Hunderte Menschen versammelten sich in der Innenstadt, um gemeinsam ein Zeichen gegen den Terrorismus zu setzen. Sie zündeten Kerzen an, malten und schrieben ihre Gedanken auf die Straße. So wie viele andere ergriff es auch meine Freundin, die anfing zu weinen. Die Unsicherheit wich großer Trauer.

Der Islamische Staat (IS) hat sich zu den Attacken bekannt. Man könnte annehmen, dass keine weiteren Angriffe auf Brüssel folgen. Fakt ist: In der Nacht zum Mittwoch wurden die beiden Attentäter identifiziert. Khalid und Brahim al Bakraoui lebten unter falschem Namen in Forest, eben jener Gemeinde, in der die Polizei vergangene Woche die Fingerabdrücke von Salah Abdeslam gefunden hatte. Forest, Molenbeek und Schaerbeek gehören zu Brüssels Problemvierteln.“

Rubriklistenbild: © dpa

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