Bandendiebstahl vor Gericht

Osmanen-Prozess: „Weltpräsident“ gibt aus Freundschaft Tipps

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Polizisten durchsuchen im Jahr 2016 Objekte der Osmanen in Dietzenbach.

Dietzenbach/Darmstadt – Im Prozess um 8222 geklaute Euro-Paletten und 1201 Gitterboxen im Dunstkreis des Osmanen-Clans haben inzwischen sechs der neun Angeklagten eine Aussage gemacht. Von Silke Gelhausen

Alle geben vor dem Landgericht Darmstadt ihre Fehltritte mehr oder minder zu, darüber hinaus gehende Fragen wollen die meisten dennoch nicht beantworten. Die Absprache zu den Diebstählen erfolgte im Mai 2016 im ehemaligen Clubhaus an der Voltastraße.

Taktieren und abwarten, was andere so preisgeben, gehört zum Tagesgeschäft der Beschuldigten und ihrer Verteidiger. Und davon hat’s reichlich im größten Gerichtssaal Darmstadts: Insgesamt 17 Anwälte und zwei Dolmetscher kümmern sich um den vorschriftsmäßigen Beistand der Männer zwischen 30 und 59 Jahren. Mehrere von ihnen waren Mitglieder des inzwischen verbotenen Boxclubs Osmanen Germania. Unter ihnen auch „Weltpräsident“ Mehmet B. (47) aus Münster und sein Vertreter Selcuk S. (38) aus Bad Homburg. S. wird unter anderem von einem Frankfurter Staranwalt vertreten.

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Der verliest die Erklärung für den ehemaligen Logistik-Schichtführer der Friedberger Firma Fresenius Kabi Logistik. „S. unterstand die fachliche Führung für 30 Mitarbeiter in der Kommissionierung“, beginnt Rechtsanwalt Julian Heiss, „Technische Störungen oder Unachtsamkeit werden vom Controlling elektronisch erfasst, alles ist überwacht.“ Von der Prüfanlage aussortierte Paletten würden aber vom System nicht erkannt. Die würden normalerweise bei einer bestimmten Stückzahl auf einen Anhänger gezogen und weggebracht. Heiss: „Hamza B. sprach S. im Club an, ob er Paletten für ihn hätte. Mein Mandant lehnte zunächst wegen Nichtmachbarkeit ab. Eine Idee kam ihm erst, als er bei einer Kaffeepause den Schichtleiter Wareneingang, Enis Y., kennenlernte.“ Zu dritt habe man einen Plan entwickelt, wie man die Paletten unerkannt per Lkw vom Firmengelände schaffen könnte. Hamza B. wollte sie dann für vier Euro pro Stück verkaufen. Der Gewinn sei ein Euro für jeden inklusive des Fahrers gewesen. „In seinem Urlaub hatten Y. und B. es aber übertrieben, hatten zu viele und auch neue Stücke hinaus geschafft. Das Ganze flog auf“, sagt Heiss.

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Auch B. leugnet den schweren Diebstahl nicht. Über seinen Verteidiger Thilo Münster versucht er allerdings, das nicht unerhebliche Anhängsel „bandenmäßig“ aus der Welt zu schaffen. „B. hat sich nie als Mitglied einer Bande gesehen, schon gar nicht als Chef dieser. Im Gegenteil, bei der Clubhaus-Besprechung ist er gefragt worden, ob er beim Abtransport helfen und Fahrer organisieren könne.“ Sie hätten keinen Plan gehabt, einfach probiert, ob es klappt. Konkrete Zahlen seien ihm nicht bekannt gewesen.

Bilder: Razzia gegen Osmanen in Dietzenbach

Mit Spannung wird die Aussage des Präsidenten Mehmet B. erwartet. Anwalt Stefan Striefler. „Mit S. verbindet ihn eine tiefe Freundschaft. Hamza B. hat er erst 2016 kennengelernt. Die Gespräche zwischen S., B. und Y. habe er zwar teilweise mitbekommen, aber war nicht daran beteiligt.“ Ihm sei bewusst gewesen, dass es sich bei den Paletten um fremdes Eigentum handelte. Er habe die Sache nicht gut geheißen, aber aus Freundschaft auch Tipps gegeben, wie sie sich vor Entdeckung schützen könnten. Die Gelder, die Hamza B. und S. eingezahlt hätten, seien aber Club-Beiträge und T-Shirt-Druck-Kosten gewesen, kein Palettengeld. „Er hat S. geraten, damit aufzuhören“, betont Striefler. Von den Gitterboxen habe er nichts gewusst. Der Osmanen-Chef befindet sich seit vergangenen August in Untersuchungshaft.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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