Plädoyer gegen die Nagelschere

Stadt veröffentlicht Ratgeber zur Gestaltung privater Hausgärten

+
Bernd Weber ist Mitglied des Obst- und Gartenbauvereins. Eine Wiese wie auf deren Gelände würde er gerne auch in anderen Dietzenbacher Gärten sehen.

Dietzenbach - Gründe, um auch vor den eigenen vier Wänden für Grün zu sorgen, gibt es reichlich. Mit einem Ratgeber will die Stadt Bürger dazu ermutigen, in ihren Gärten eher auf Bäume und Wiesen statt auf Steine zu setzen. Von Christian Wachter 

Die neue Broschüre startet mit wenig erbaulichen Zahlen: Um mehr als 75 Prozent hat die Zahl der Insekten seit 1989 abgenommen, heißt es. „Grün in der Stadt“ nennt sich der Ratgeber, der nun im Rathaus ausliegt und Bürgern Tipps an die Hand geben möchte, wie sich eben dieser Tendenz entgegenwirken lässt. Ganz freiwillig ist das Engagement für die Flora dabei ohnehin nicht. Wie Bernd Weber von der Abteilung Stadtplanung betont, schließen Bebauungspläne nämlich auch eine Grünplanung ein. „Die Verpflichtung kann unterschiedlich sein, beispielsweise Thuja-Hecken verbieten oder bestimmte Bäume vorschreiben.“ Für jene, die argumentieren, nicht genug Zeit und Arbeit in den eigenen Garten stecken zu können, hat Weber einen generellen Tipp: „Man sollte weg vom geleckten Garten, ein mit der Nagelschere geschnittener Rasen widerspricht der Natur und nimmt Kleintieren den Raum zum Überwintern.“ Außerdem gebe es viele Modepflanzen, die der Natur unter ökologischen Gesichtspunkten nichts bringen. „Gerade Menschen, die nach Dietzenbach ziehen und noch keinen eigenen Garten hatten, haben oft Angst vor viel Arbeit – da sehe ich mich berufen, zu informieren.“

Webers Blick aus seinem Büro auf die derzeit von den regenarmen Tagen gezeichnete Botanik ist auch der eines Experten, der aus der Praxis kommt. „Ich könnte jetzt rausgehen, mich unter einen Baum stellen und stundenlang erzählen.“ Bevor er bei der Stadt anfing, arbeitete er als Landschaftsgärtner, hat in dem Beruf auch seinen Meister gemacht. Seine derzeitige Stelle, erzählt er, sei nicht neu geschaffen worden. Vielmehr übernehme er Aufgaben, die früher beim Umweltamt lagen. Es sei ihm daran gelegen, im direkten Gespräch mit den Dietzenbachern zu erläutern, wie städtisches Grün wieder präsenter wird. „Es geht aber nicht nur um einzelne Bürger, sondern auch um Bauherren, die auf vielen Grundstücken tätig sind.“ Inzwischen sei es nichts Ungewöhnliches, dass alte Häuser abgerissen werden und die neuen die Baufenster komplett ausnutzten – zulasten der Grünflächen. „Es geht immer auch darum, etwas herzustellen, das den Eingriff wieder wettmacht.“ Wenn immer mehr Gewächse Steinen weichen, Bürger also eher auf den Trend setzen, Kiesel- oder Lavasteine Hecken, Bäumen und Wiesen vorzuziehen, führe das zu urbanen Wärmeinseln. „Alles, was sich auflädt, gibt auch Wärme ab.“ Und dagegen könne jeder etwas tun. „Wichtig ist, sich nicht erst am Ende eines Bauprojekts um die Grünflächen zu kümmern, wenn das ganze Geld schon weg ist – das bringt etwas für die ganze Stadt.“

Kennen Sie die Wappen aus der Region?

Ein Schreiben, dass gerade die Bewohner in den Neubaugebieten mit Anregungen und der Broschüre versorgt, wird laut Weber in diesen Tagen verschickt. „Stellen sie Pflanzengemeinschaften zusammen, wie sie in der freien Natur auch vorkommen“, heißt es darin. Selbst auf kleinstem Raum könne eine Verbesserung für die Umwelt geschaffen werden, sei es mit duftendem Lavendel in einem Blumenkübel oder Seerosen in einem Wasserfass. Explizit empfohlen wird auch das Pflanzen von Laubbäumen, nicht nur weil sie Insekten und Vögeln einen wertvollen Lebensraum bieten. „Ein Baum von 20 Metern Höhe produziert 10.000 Liter Sauerstoff, während ein Mensch zwischen 500 und 2000 Liter Sauerstoff benötigt.“ Man solle daran denken, dass Insekten und vor allem Bienen für die Befruchtung vieler Lebensmittel zuständig sind. „Ein artenreicher Garten, aus einer Mischung von Baum-, Strauch und Blumenbepflanzungen, hilft diesen Helferlein zu überleben.

Wie Weber erläutert, haben es aber gerade heimische Bäume und Pflanzen schwer, wegen den extremen Bedingungen mit nassen Wintern und heißen Sommern. „Aber auch dafür gibt es den Beruf des Gärtners, um Züchtungen zu entwickeln, die kleiner im Wuchs sind, weniger Wasser brauchen.“

Die Broschüre und weitere Infos sind auf dietzenbach.de/stadtgrün einsehbar.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare