Projekt „STARK“

„Sicher ist, dass nichts sicher ist“

Dietzenbach -  Das einzige Unterstützungs- und Beratungsangebot für Kinder und Jugendliche in Suchtfamilien im Kreis Offenbach läuft zum 31. August aus. Ob die wichtige Präventionsarbeit von „STARK“ weiter geführt werden kann, ist mehr als fraglich. Von Norman Körtge 

Sie bedauern, dass an das Projekt „STARK“ bald nur noch die Buchstaben erinnern könnten: Herbert Nuschenpickel (AGS), Kreisbeigeordneter Carsten Müller, „STARK“-Leiterin Anja Lindner, Schulsozialarbeiterin Bettina Schubert und AGS-Vorsitzender Gerd Stüwe

„Ich bin wütend“, sagt Bettina Schubert: „Wütend, dass es endet, weil es wirklich was genutzt hat.“ Die Schulsozialarbeiterin der Stadt Rodgau spricht klare Worte zum absehbaren Ende des Projektes „STARK“. Seit September 2012 hatte sich dieses unter Federführung von Sozialpädagogin Anja Lindner einer Zielgruppe gewidmet, die meist nicht im Blickpunkt der Öffentlichkeit ist. Kindern und Jugendlichen, die in einer Familie leben, bei denen ein Elternteil suchtkrank ist oder bei denen eine Alkohol- oder Drogenabhängigkeit vorlag. Da auch ihr bekannte Schüler von „STARK“ profitiert hätten, weiß Schubert, dass dort eine Arbeit geleistet wurde, die in dieser Intensität in der Schulsozialarbeit nicht möglich ist. „Es war ein schneller, unproblematischer Weg“, lobt Schubert das Projekt, dessen Finanzierung nach drei Jahren nun zum 31. August ausläuft – wie geplant.

Dass das Ende nicht überraschend kommt, daran erinnert Gerd Stüwe, Vorstandsvorsitzender der im Europahaus ansässigen Aktionsgemeinschaft Soziale Arbeit (AGS), die als freier Träger der Jugendhilfe das Projekt in Kooperation mit der „Aktion Mensch“ initiiert hatte. „Wir sind dankbar, dass wir experimentieren konnten“, sagt Stüwe, Professor am Fachbereich „Soziale Arbeit und Gesundheit“ der FH Frankfurt. Ohne die von der „Aktion Mensch“ zur Verfügung gestellten 300.000 Euro – ausgegeben wurden bislang nur rund 180.000 Euro, der Rest fließt an die Förderorganisation laut ihrer Statuten zurück – sei das innovative Projekt gar nicht möglich gewesen.

Dass es sich um keine kleine Gruppe handelt, die sich von „STARK“ – steht für Suchtprävention durch Trainings-Angebote zur Resilienzförderung (psychische Widerstandsfähigkeit) von Kindern in suchtbelasteten Familien – angesprochen fühlen darf, verdeutlicht Anja Lindner. Bricht man die bundesweiten Zahlen herunter, leben im Kreis Offenbach etwa 10.000 Kinder in einer Familie mit mindestens einem Suchtkranken. Damit gehören sie zu einer Riskogruppe. Denn laut Statistik würden fast zwei Drittel dieser Kinder im Laufe ihres Lebens selbst Opfer einer Suchterkrankung oder leiden aufgrund der Erlebnisse unter erheblichen psychischen Störungen. Dieses Rollenmuster gelte es zu durchbrechen.

„Wenn etwas in Familien mit suchtkranken Eltern sicher ist, dann das nichts sicher ist“, bringt Lindner die Situation auf den Punkt, in der sich viele Kinder befinden. Sie müssten oft Aufgaben ihrer Eltern übernehmen („Essen machen“), hätten Scham- und nicht selten sogar Schuldgefühle, weil sie sich selbst für die Situation in der Familie verantwortlich machen. Hinzu kommt, dass die suchtkranken Eltern meinen, ihre Kinder würden von der Sucht nichts mitbekommen. Um so befreiender sei es für „STARK“-Kinder gewesen, sich in der wöchentlich stattfindenden Gruppen zu treffen. „Die Erkenntnis, nicht allein betroffen zu sein und die Möglichkeit, sich mit anderen Mädchen und Jungen austauschen zu können, war für viele der Kinder eine völlig neue Erfahrung und befähigte sie dazu, über das Thema Sucht und Abhängigkeit sowie über ihre individuelle Situation unverkrampft zu sprechen“, berichtet Lindner. Die parallel durchgeführten Elterngespräche und Hausbesuche förderten zudem offenere Gespräche innerhalb der betroffenen Familien.

Insgesamt wurden zehn Kinder innerhalb der festen wöchentlichen Gruppe angesprochen und betreut. Zwölf Mädchen und Jungen wurden über den Projektzeitraum hinweg einzeln begleitet. Außerdem wurden 23 Mütter, Väter oder Verwandte intensiv beraten. Kreis-Sozialdezernent Carsten Müller, der ebenfalls nur anerkennende Worte für „STARK“ fand, bedauerte allerdings, dass er keine Lösung sehe, wie „STARK“ weiterfinanziert werden könne. 30.000 bis 50.000 Euro würde es pro Jahr kosten, rechnet Herbert Nuschenpickel von der AGS-Geschäftsleitung vor. Ein Hoffnungsschimmer: Müller will prüfen, ob zumindest das Gruppenangebot im Rahmen der Jugendhilfe weiter angeboten werden könne.

Was auf jeden Fall bleibt: „Wir haben das Thema in die Öffentlichkeit gebracht“, sagt Lindner. Außerdem wurden 40 in der Suchthilfe tätige Fachkräfte gezielt beraten. Und es bleibt die Hoffnung, doch noch eine Stiftung oder einen Sponsor zu finden, der „STARK“ in seiner bisherigen Konzeption weiter finanziert.

Rubriklistenbild: © Postl

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