Verhandlung vor dem Schöffengericht

Vergewaltigungsprozess: Keine gleichmäßigen Erinnerungen

Dietzenbach - Ein Dietzenbacher steht vor Gericht, weil ihm von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen wird, seine Freundin unter anderem vergewaltigt zu haben. Am zweiten Verhandlungstag stehen Gutachten auf dem Plan. Von Stefan Mangold

Gutachten standen am zweiten Verhandlungstag vor dem Offenbacher Schöffengericht gegen einen mutmaßlichen Vergewaltiger aus Dietzenbach im Mittelpunkt. Die Nebenklägerin soll als Zeugin glaubhaft sein, der Angeklagte schuldfähig. Richter Manfred Beck befragt die frühere langjährige Lebensgefährtin des Angeklagten, die beiden waren als Jugendliche ein Paar. Die Mutter (27) von zwei seiner drei Kinder, die den Angeklagten als 14-jährige kennen gelernt hatte, ändert ihre Aussage aus dem ersten Prozess zu Jahresbeginn, als sie verneinte, der heute 28-Jährige habe sie geschlagen: „Er wusste, wo ich wohne.“ Ihr Ex habe zwar gerichtlich verboten bekommen, sich ihr zu nähern, „er kam dennoch“. Für Stalking-Opfer sind entsprechende Urteile oft das Papier nicht wert: „Ich musste umziehen.“ Die Zeugin beschreibt den Angeklagten als einen Charakter, der immer das letzte Wort haben müsse. Manchmal habe er es bei Meckern belassen, „manchmal hat er mir eine gebatscht“. Vergewaltigt habe er sie nie.

Mehr zum Thema: Vergewaltigungsprozess: Schuldunfähig wegen niedrigem IQ?

Nach einem schweren Autounfall, bei dem der Angeklagte als 17-jähriger ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatte, habe sich sein Jähzorn verschlimmert. Die beiden Kinder habe er nicht geschlagen, „er war auch selten zu Hause“. Jähzorn entwickelt der Angeklagte offensichtlich nicht immer. Der Polizist, der ihn nach der Anzeige vom 30. Juli 2015 verhört hatte, bestätigt den Eindruck, den der Dietzenbacher vor Gericht hinterlässt, „er stritt alles ab, verhielt sich aber ruhig“. Er habe nicht das Gefühl gehabt, dass er lügt, „aber mich belogen nachweislich schon Leute, bei denen ich das Gefühl ebenfalls nicht hatte“.

Die Psychologin Ursula Jacoby trägt ihr Gutachten vor, das die Glaubwürdigkeit der Nebenklägerin untersucht. Der 33-Jährigen diagnostizierten Psychiater ein Borderlinesyndrom, wohl in Folge frühkindlichen Missbrauchs durch den ersten Stiefvater. Die Borderline-Störung sei jedoch kein absoluter Grund, an ihren Aussagen zu zweifeln. Jacoby bescheinigt der 33-Jährigen ein intaktes Erinnerungsvermögen und ein hohes Maß an Reflexionsfähigkeit. Anschuldigungen gegen den Angeklagten wirkten glaubhaft, „weil sie sehr stark individuell verflochten sind“. Mehrere Stunden hatte sich die Psychologin mit der Nebenklägerin unterhalten.

Die Schilderungen beschrieben die Atmosphäre und die Ambivalenz ihrer Gefühle homogen, auch das eigene unterwürfige Verhalten gegenüber dem Angeklagten. Den mutmaßlich erzwungenen Oralverkehr ummantele sie nicht mit unmittelbarer Gewalt, sondern lediglich mit deren Androhen, das spreche für Wahrhaftigkeit. Jacoby bescheinigt der Nebenklägerin „mit hoher Wahrscheinlichkeit glaubhaft“ zu sein. Mehr geht in der Diktion der Gutachter nicht.

Schier endlos befragt dann Pflichtverteidigern Claudia Fennemann die Psychologin. Die Anwältin zielt vor allem auf vermeintliche Differenzen zwischen Aussagen bei der Polizei, vor Gericht und im Gutachten. Jacoby erkärt: „Erinnerungen stehen nicht immer gleichmäßig zur Verfügung.“ Probleme, Erlebnisse chronologisch zu ordnen, seien normal. Fennemann stellt die Borderline-Störung ins Zentrum. Sie glaube der Nebenklägerin jedes Wort, „aber ich glaube nicht, dass es so passierte“.

Gewalt in deutschen Gefängnissen ist Alltag

Der Psychiater Dr. Volker Hofstetter begutachtet den Angeklagten, dem er in Folge des Unfalls eine „organische Persönlichkeitsstörung“ attestiert. Der Gutachter beobachtet „dissoziale Tendenzen“. Reue und Empathie habe er nicht feststellen können. Der Angeklagte führe eine parasitären Lebensstil, immer eng gekoppelt an die jeweiligen Partnerinnen, was mit dem eigenen Männlichkeitsbild divergiere. Gewalt setze er meist gezielt ein, um Interessen durchzusetzen. Hemmungsmechanismen funktionierten nicht. Insgesamt sieht Hofstetter volle Schuldfähigkeit, „er hat die Einsicht in sein Handeln“. Seit dem Gutachten nach seinem Unfall habe sich der Stand seiner Intelligenz deutlich verbessert.

Claudia Fennemann deutet zum Ende der Verhandlung an, dass ihr Mandant sich zum nächsten Termin einlassen will. Dann soll auch das Urteil fallen.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion