Mit unfertiger Perfektion

Rolf Miller präsentiert sein Programm zum Auftakt der Veranstaltungsreihe „Kultur im Liegestuhl“

Breitbeinig auf der Bühne: Rolf Miller in Dietzenbach.
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Breitbeinig auf der Bühne: Rolf Miller in Dietzenbach.

„Und, schon geimpft?“ Eine Frage, die Gemüter erhitzen kann. Eine Frage, die der namenlosen Kunstfigur von Rolf Miller ganz unverhohlen über die Lippen geht. Der selbsternannte Meister der Halbsätze hat mit seiner Tour „Obacht, Miller!“ die Kabarett-Saison des Capitols eröffnet. Pandemiebedingt greifen die Veranstalter auf das Konzept „Kultur um Liegestuhl“ aus dem vergangenen Jahr zurück.

Dietzenbach - Der Wettergott hat es an diesem Abend gut gemeint. Plastikponchos über den Liegestühlen zeugen noch von den Regenstunden, die der Auftaktveranstaltung vorausgegangen waren. Da mag es den Besucher beim Anblick etwas frösteln, als Rolf Miller in kurzen Hosen die Bühne des Kinogeländes betritt. Neben dem Stuhl, auf dem er breitbeinig Platz nimmt, steht lediglich eine Wasserflasche; das Bühnenbild ist damit typisch minimalistisch für den Kabarettisten, der die Kunst des Themenwechsels bis zur unfertigen Perfektion beherrscht. In einem odenwaldfränkisch angehauchtem pfälzisch berichtet seine Kunstfigur von allerlei Themen, die den gemeinen Stammtischbesucher bewegen. Dabei nimmt er in sein Programm aktuelle Themen auf. So behauptet er von sich: „Ich bin ganz klar Verschwörungsleugner.“ In den Augen des Kabarettisten sei es in solchen Zeiten wichtig, keine Panik zu vermeiden, und jeder dritte Politiker sei mindestens so blöd wie die anderen zwei. Der 54-Jährige galoppiert von einem Gedanken zum nächsten. Er entführt damit das Publikum in seine Gedankenwelt, die zwar wirr erscheint, doch beim zweiten Hinhören klar durchdacht ist. Wenn man denn bei der Geschwindigkeit Schritt halten kann. Denn der Künstler versteckt etwa Gesellschaftskritik hinter tumben Sprüchen: „Unsere Frauen dürfen schon seit 1971 wählen – wie fortschrittlich.“

Bei Rolf Miller bekommen sowohl „Öko-Bio-Vegan-Gesichter“ als auch Prominente sowie übervorsichtige „Hubschrauber-Eltern“ ihr Fett weg. Stets in einem Maße, dass es sich okay anfühlt, als Zuschauer zu lachen. „Man fragt sich, ob man lachen darf oder nicht“, meint Besucher Carsten Horch. „Aber es ist einfach genial, wie er aktuelle Themen aufgreift und weiterspinnt“, fügt er hinzu. Sein Sitznachbar Alexander Gathof sieht Miller zum ersten Mal an. „Diese Wortverdreher sind einfach gut.“ Zufrieden sind die beiden Männer auch mit dem Konzept der Veranstaltungsreihe: Die Liegestühle stehen gebündelt – je nach Gruppe – beieinander und halten zu den nächsten Stühlen genügend Abstand. Auch wenn die Menschen noch ziemlich verhalten sind und der Jubel etwas leiser ausfällt als gewöhnlich, ist die Atmosphäre auf dem Open Air-Kinogelände ausgelassen.

Das Team vom Capitol hat die Kapazität auf 200 Menschen begrenzt, auf dem Areal herrscht die Maskenpflicht. Zur Auftaktveranstaltung – gewappnet mit Gummistiefeln und Regenponcho – sind 65 Besucher gekommen. „Das ist ein guter Anfang, wir sind froh darüber“, sagt Chantal Dick vom Veranstaltungsteam. „Wir haben auch genug Regenponchos für kommende Veranstaltungen“, verspricht sie.

Als nächster Kabarettist befindet sich der ausgebildete Pilot Marco Büser im Landeanflug auf die Bühne und erreicht sein Ziel am kommenden Donnerstag ab 20 Uhr. Das komplette Programm und Bestellmöglichkeiten für Tickets finden Interessierte auf der Homepage der Stadt, Karten gibt es auch an der Theaterkasse im Capitol (Europaplatz 3). (Lisa Schmedemann)

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