Das Schäfereck vor dem Abriss bewahrt

Hausbesetzer in Dietzenbach: Die ersten Bewohner erinnern sich an die Anfänge der Besetzung

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1981 und 2019: Die Scheune fiel der Baggerschaufel zum Opfer, doch die „Eisdortel“ konnte durch die Hausbesetzer vor dem Abriss bewahrt werden. Armin Gaussmann war ein Bewohner der ersten Stunde.

Die Wahl des Logos zur 800-Jahr-Feier hat es wieder gezeigt: Die Dietzenbacher lieben ihre Altstadt. Neben dem modernen Bau des Rathauses und dem Aussichtsturm repräsentiert verwinkeltes Fachwerk das Dorf im Wiesengrün.

Dietzenbach – Wenn sich im Sommer die grünen Weinreben mit den braunen Holzbalken vereinen und der Efeu über Mauersteine wächst, ist die Idylle komplett. Viele Bewohner wissen ihre Schmuckstücke zu schätzen, restaurieren sie aufwendig. Doch hätten sich die Bebauungs- und Sanierungspläne der Deutschen Stadtentwicklungsgesellschaft (DSK) aus den 70er Jahren durchgesetzt, würde die gesamte Altstadt nicht mehr existieren.

So malerisch wie heute sah das Fachwerk vor rund 50 Jahren allerdings nicht aus. Der Herrenhof, der einst neben der Christuskirche stand, bildet dabei das Beispiel, das diese Zeit gut repräsentiert: Das Dach stellenweise eingebrochen, Ziegel fehlten, die Balken morsch. Das Fensterglas längst zersplittert und die Fassade teils in Trümmern. So ist es fast nachvollziehbar, dass die verrottende Bausubstanz manchen Dietzenbachern ein Dorn im Auge war und Begriffe wie „Schandfleck“ laut wurden. Die Einwohnerzahl des Dorfes nahm rapide zu, der Wohnraum wurde knapp und der alte Ortskern verlor seine Bedeutung als „Stadtzentrum“. Die Modernisierung schritt voran und die engen Gassen, die einst für Füße und Hufe, nicht aber für breite Reifen, gedacht waren, verstopften. Blechlawinen rollten durch das Dorf und belasteten die Anwohner mit Abgasen und Lärm.

Ein Modell zur Sanierung des alten Ortskerns, das im Juni 1971 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, zeigt mehrstöckige Betonbauten. Viel wiederzuerkennen ist allerdings nicht. Von diesem Vorhaben zeugen zumindest das Ärztehaus und das Gebäude, das heute die Volksbank Dreieich beherbergt, sowie der „Rote Platz“ und das angrenzende Parkdeck. Gegen die weitere Umsetzung dieser Flächensanierung setzte sich der Aktionskreis „Rettet das Dorf in der Stadt“ ein. Eine Gruppe von Dietzenbacher Künstlern machte damit auf die Schönheit des alten Dorfes aufmerksam und bewirkte unter anderem die Freilegung des verschütteten Trinkborns im Jahr 1978.

Zu dieser Zeit rumorte es in der Politik immer wieder, die Jugend war aktiv. Angespornt durch die Geschehnisse wie die Demonstrationen zum Ausbau der „Startbahn West“, die aufstrebende Friedensbewegung und der Umweltschutz schwelte der Tatendrang auch im Jugendhaus der Stadt. Der Wunsch nach einem Jugendzentrum in Selbstverwaltung spiegelte den Zeitgeist wider. Auch die Frage nach bezahlbarem Wohnraum war damals so aktuell und akut wie heute. Seinerzeit besuchten Armin Gaussmann und Andreas Buehring häufig die Einrichtung. In Gesprächen mit Thomas Kircher erfuhr Gaussmann, dass die Pläne der Ortskernsanierung noch nicht vom Tisch waren. Die schmalen Häuser im Schäfereck waren das nächste Ziel der wuchtigen Baggerschaufeln. Die „Eisdortel“, die heutige Weinstube „Korkenzieher“, sollte dem Erdboden gleichgemacht werden, die Scheune war bereits den Maschinen zum Opfer gefallen. Vielen ist das von Georg Martin und Dorothea Gaubatz geführte Café ein Begriff. Nicht nur ein Begriff, vielmehr eine Ansammlung von Anekdoten und Erinnerungen. Zuletzt führte das Paar ein „Sportcafé“, Gaussmann verbindet mit dem Häuschen viele Momente seiner Kindheit. „Ich war mit meinen Eltern oft da, später dann nach der Schule zum Eis essen“, erinnert sich der heute 60-Jährige. Dieser Glanz der „Dortel“ schimmerte Anfang der 80er nur matt, denn die Stadt, die die Häuser im Schäfereck zwischenzeitlich gekauft hatte, nutzte diese für Feuerwehrübungen. Ein Todesurteil für das alte Fachwerk.

Angesichts der Wohnraumknappheit entschlossen sich Buehring und Gaussmann dazu, die leer stehende „Dortel“ zu besetzen. „Es ging uns nicht darum, die Stadt zu provozieren oder zu schmarotzen – wir hatten schließlich schon abgeschlossene Berufsausbildungen“, betont Buehring. Es ging um die Rettung der traditionsreichen Häuschen, die selbst wahrscheinlich Bände zu erzählen wüssten, könnten sie sprechen. Der Idee, aus der Wohnungsnot heraus eine Wohngemeinschaft zu gründen, die sich um die Restauration des Gebäudes bemüht, schlossen sich rasch weitere Hausbesetzer an. Am 29. August 1981 verewigten sich die „Instandbesetzer“ in einer Tontafel, die fortan kennzeichnen sollte, was in der „Dortel“ vor sich ging. Ein Baugerüst legte schnell seine schützenden Arme um das Haus und zeigte deutlich, dass dort nun etwas geschieht. „Wir verlegten Strom- und Wasserleitungen, zogen Wände und Balken ein“, sagt Sven Röttger, der zusammen mit Buehring und Gaussmann einer der ersten Bewohner war. Neben dem Schäfereck wurde die Schäfergasse 15 ebenfalls besetzt und renoviert. „Schließlich erwirkten wir einen Nutzungsvertrag mit der Stadt“, erzählt Gaussmann.

„Eigentlich ziemlich blauäugig“ begannen die Jugendlichen das Projekt. Schnell wuchs ein Netzwerk, jeder konnte andere Erfahrungen mit einbringen. Die Bagger, die bereits an der Fassade gekratzt haben, mussten wieder abrücken. Nach einem Jahr beherbergte die „Dortel“ neben der Gemeinschaftsküche das erste Bad mit fließendem Wasser. Das Netzwerk wuchs, das Leben kehrte in die Eisdortel zurück und die Ära der Hausbesetzer begann.

VON LISA SCHMEDEMANN

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