Schule, die zum Schüler kommt

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Therapeutisches Reiten (links im Bild Reittherapeutin Kerstin Maas) als I-Tüpfelchen auf einer besonderen pädagogischen Arbeit.

Dietzenbach ‐ Edeltraud Ehlert kennt sie, die Hilferufe der Kinder. Viele sind laut wie Kriegsgebrüll – aggressiv, unversöhnlich, eindeutig. Einige sind leise wie ein Flüstern – unaufdringlich, aber eindringlich. Manche sind stumm. Von Barbara Hoven

Das sind die, die man erst hört, wenn man genau hinsieht. Ein Echo erzeugen sie in den pädagogisch geschulten Ohren der Rektorin und denen ihrer Kollegen in der „Dezentralen Förderschule für Erziehungshilfe und seelisch Kranke“ alle. Es ist eine Schule, die Lehrer, Schüler und eine Abkürzung hat: DFE. Aber abgesehen von einigen Bürowänden des Kreishauses keine Mauern. Die DFE ist immer genau dort, wo im Kreis Offenbach der Hilferuf eines Schülers zu lange nicht verstanden wurde. Und der Auftrag ihrer Lehrer ist nicht das Einpauken von Bruchrechnung – Mathe kommt später.

Die Aufgabe ist es vielmehr, erzieherische Brüche zu kitten und pädagogische Ohnmacht zu bekämpfen. Vor sechs Jahren wurde die Institution gegründet und in Kooperation mit der Jugendhilfe aufgebaut, um Schülern mit „sonderpädagogischem Förderbedarf“ das Sonderschul-Schicksal zu ersparen, das oft einhergeht mit Chancenlosigkeit oder auch Stigmatisierung.

Mehr als 30 Lehrer sind es inzwischen, die meisten mit Zusatzqualifikationen. Förderschullehrer, Sozialpädagogen, Musik- und Kunsttherapeuten. Sie betreuen im Auftrag des Staatlichen Schulamts 120 Schüler an 45 Regelschulen, darunter kaum mehr als eine Hand voll Mädchen. Für jedes Kind soll eine passgenaue Hilfe entwickelt werden. „Es gibt Fälle, in denen ein Kind nur in seine Klasse darf, wenn wir als Bodyguard dabei sind“, erläutert Ehlert. „Bei anderen reicht es, wenn wir einmal pro Woche vorbeischauen.“

Betreuungsangebote und Präventionsarbeit erweitert

Neben dem Engagement im Unterricht gibt es Einzelförderung, Arbeit in Kleingruppen, Beratung für Lehrkräfte und Eltern. „Es ist auch schon passiert, dass ich mit einem Schüler spazieren gegangen bin, um mal in einem anderen Umfeld mit ihm zu reden“, erzählt Lehrerin Christina Baum. Immer erfordere die Betreuung Geduld, Offenheit und verbindliche Absprachen, vor allem auch in der engen Zusammenarbeit mit Regelschule und Eltern.

Im laufenden Schuljahr hat die DFE ihre Betreuungsangebote und die Präventionsarbeit wiederholt erweitert und ist als offizielles Beratungs- und Förderzentrum für Erziehungshilfe gestartet. „So können wir Schulen auch beratend unterstützen, ohne dort einzelne Schüler zu betreuen“, erklärt Ehlert.

Bisher hatte die besondere Schule kaum Berührungspunkte mit der Öffentlichkeit. In den ersten Jahren eine bewusste Entscheidung, „um unsere Schüler zu schützen“, sagt Baum. Das soll sich nun jedoch ändern: Im Oktober ist ein Förderverein angetreten, um als Schnittstelle zwischen Schule und Öffentlichkeit tätig zu werden. Sieben Vorstands- und knapp 30 Mitglieder wollen unter Führung der Vorsitzenden Elisabeth Prefi die Arbeit der Schule bekannter machen und in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft besser vernetzen – vor allem auch, um Spendengelder zu sammeln und damit neue Projekte für die Schule umzusetzen, beispielsweise in den Bereichen Musik, Kunst und Sport. Erste Mutmacher gibt es: Die Weihnachtsspende unserer Zeitung ging bereits an den Förderverein.

„Unser Team hat viele Projekte in der Schublade, für die aber noch das Geld fehlt“, sagt die stellvertretende Vorsitzende, Elke Buschardt-Schäfer. Überwunden werden soll langfristig auch die Raumnot der Schule. Derzeit teilen sich mehr als 30 Lehrer im Kreishaus ein kleines Büro mit zwei PC-Arbeitsplätzen als Lehrerzimmer, dazu gibt es ein Besprechungszimmer. „Wir haben kaum Platz für Gespräche und Supervision, sind immer darauf angewiesen, bei den Regelschulen hausieren zu gehen“, bedauert Buschardt-Schäfer. Dieser Zustand sei für eine mittlerweile beträchtlich gewachsene Einrichtung nicht haltbar.

Viele Projekte warten in der Schublade

Als erste große Amtshandlung haben die Förderer im letzten Jahr das Projekt „Heilpädagogisches Reiten“ initiiert. Die individuelle Förderung mit dem Pferd auf dem Eichenhof, einem Reitstall für Sport und Therapie in Dreieich-Offenthal, ist sehr begehrt, die Warteliste lang. Bei zehn Kindern ist die einmal wöchentliche Arbeit mit Reittherapeutin Kerstin Maas schon fester Bestandteil des Stundenplans, für mehr reicht das Geld bislang noch nicht.

Kontakt: Förderverein der Dezentralen Förderschule für Erziehungshilfe und seelisch Kranke, Werner-Hilpert-Straße 1, 63128 Dietzenbach, unter Tel.: 06074/81804158 oder über die Internetseite der Dezentralen Förderschule.

Spendenkonto: Volksbank Dreieich, Bankleitzahl: 505 922 00, Konto-Nummer: 4 80 40 40.

Die Schüler holen die Pferde von der Koppel, putzen und satteln sie, reiten aus. Vor allem gehemmte sowie aggressive Kinder sollen auf diese Weise viel über den Aufbau von Beziehungen lernen. Die Erfahrung etwa, vom Pferd getragen zu werden. Das könne zeigen, was es heißt, in einer Beziehung ausgehalten zu werden, so der Verein. Die Erfahrung, das Pferd beeinflussen zu können, gebe dem Kind Selbstbewusstsein und helfe, Ohnmachtsgefühle durch Aktivität zu überwinden.

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