Senioren stehen hinter der Kamera

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Digitale Eindrücke aus Sicht der Bewohner

Dietzenbach -  Der Spielenachmittag im großen Saal des DRK-Seniorenzentrums ist gerade in vollem Gang, als Günter Burkart vom Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Uni  hereinkommt. Begleitet wird er von fast 20 Studenten. Von Nina Beck

Die Damen und Herren, die gerade noch an verschiedenen Tischen grüppchenweise ins Mensch-ärger-Dich-nicht-Spiel vertieft waren, schauen auf. Die meisten von ihnen kennen Burkart, die meisten sind auch die regelmäßigen Besuche von Studenten gewohnt, und viele von ihnen wissen bereits, welches Projekt die jungen Erziehungswissenschaftler in diesem Semester angehen wollen. Dennoch erklärt es Burkart noch einmal für alle: „Wir haben hier sechs Digitalkameras dabei, die wir an Sie vergeben wollen, und wir möchten Sie bitten, diese zu nehmen und Ihre Sicht Ihrer Umgebung festzuhalten. Also Dinge zu fotografieren, die Ihnen gefallen, aber auch den Blick darauf zu richten, was man vielleicht noch verbessern könnte.“

Zur Auswertung werden die Studenten im Sommer kurze Interviews mit den Senioren zu deren Eindrücken führen, erläutert Burkart weiter. „Das nennt man reflexive Fotografie, aber das klingt jetzt vielleicht etwas zu wissenschaftlich. Wem darf ich denn schonmal eine Kamera geben?“

Seminar über alte Menschen in Einrichtungen

„Wie viele Aufnahmen sind denn da drauf?“, fragt ein Bewohner des DRK-Seniorenzentrums zurück, der sich schon vorab bereit erklärt hatte. „Prinzipiell unendlich, das sind ja Digitalkameras“, sagt Burkart, und die Studentinnen – bis auf einige wenige Ausnahmen sind es Frauen – lächeln leicht. Auch eine ältere Dame, etwas zögerlicher, aber von einer Pflegerin dazu ermutigt, würde gerne an dem Projekt teilnehmen. „Sie macht sich nur Sorgen, ob sie die Kamera ruhig halten kann. Aber dabei kann ihr ja dann auch einer von Ihnen helfen“, sagt sie in Richtung der Studenten.

Viele der Dritt- bis Achtsemester sind an diesem Tag zum ersten Mal in dem Seniorenzentrum zu Gast; das Sommersemester hat gerade erst begonnen. Entsprechend unsicher zeigen sich auch die eine oder andere, als es darum geht, sich in kleineren Gruppen auf die Wohnbereiche des Hauses zu verteilen und mit den Bewohnern ins Gespräch zu kommen. „Sie sollen sehen, was in solchen Bereichen passiert“, so Burkart. „Sie sollen es selbst erleben.“ Der Titel seines aktuellen Seminars lautet „Sozialpädagogisches Fallverstehen und alte Menschen in Einrichtungen“.

Studierende gehen mit den Senioren spazieren

Und all jene jungen Leute, die schon einmal hier waren, haben am ersten Tag natürlich etwas weniger Hemmungen. Ulrike Sacher zum Beispiel. Sie erkundigt sich bei Sozialdienstleiter Timo Schönlein gleich mal nach der Bewohnerin, die sie in einem früheren Semester regelmäßig besucht hatte. „Da haben wir noch Bewohner zugelost bekommen“, erzählt sie. „Die Frau, um die ich mich ein wenig gekümmert habe, war schon ziemlich dement. Wir haben uns jeden Montag aufs Neue kennengelernt, immer wieder die gleichen Lieder gesungen – aber es war nett! Wir sind spazieren gegangen, haben in der Adventszeit auch mal was Kleines gebastelt.“

Und so ist es auch sie, die schließlich die Initiative ergreift, in der zunächst etwas unschlüssig an der Treppe verharrenden Gruppe. Es ist gerade Kaffee- und Kuchenzeit, und so treffen die Studenten in einem der Gemeinschaftsräume auch vier Seniorinnen am Kaffeetisch an. „Ach, können Sie uns was singen?“ fragt eine gleich. „Ja, das können wir gerne mal machen“, sagt Sacher – auch wenn ihre Kommilitonin etwas erschrocken schaut...

Zur Abschlussfeier wird gegrillt

Doch auch ein Stockwerk weiter oben haben zwei Studenten ihre Scheu überwunden und eine ältere Dame angesprochen. Das erste Eis, es ist gebrochen. Und bis zur Abschlussfeier im Juli, bei der traditionell auf der Terrasse gegrillt wird, werden sicher noch etliche weitere sprichwörtlich aufgetaut sein – Studenten wie Bewohner.

Vielleicht lässt sich auf diese Weise ja auch noch der eine oder andere Bewohner für das Fotoprojekt hinzugewinnen. Fünf hatten sich bereits am ersten Tag gemeldet. Und was passiert im Anschluss mit den Bildern? „Wir könnten die eigentlich hier im Haus ausstellen“, überlegt Burkart. „Das wäre doch keine schlechte Idee.“

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