Das Leben im Quartier

Spessartviertel-Bewohner wollen als Teil Dietzenbachs akzeptiert werden

Hochhäuser im Dietzenbacher Spessartviertel
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Allein in den fünf Hochhäusern am Starkenburgring leben viele Menschen dicht zusammen. Im Spessartviertel gibt es deshalb immer wieder Probleme.

Der Ruf des Spessartviertels hallt weit über die Stadtgrenzen hinaus. Nicht zuletzt Krawalle wie die im vergangenen Mai tragen zu dem Negativ-Image bei. Leidtragende sind neben Polizei und Feuerwehr insbesondere die Anwohner des Quartiers. Das ist aus Gesprächen mit verschiedenen Dietzenbachern herauszuhören.

Dietzenbach – Der 37-jährige Tariq Qazi etwa, der fast sein ganzes Leben im Viertel lebt, meint: „Die Täter sind eine Ausnahme, die alle, die hier leben, verunglimpfen.“ Auch den Familienvater Metin Fakir ärgert die die Gewalt gegenüber den Hilfskräften zutiefst: „Es ist eine Schande für unsere gesamte Stadt“ Und es habe Dietzenbach wieder mal deutschlandweit negative Schlagzeilen beschert.

Hoffnung, dass ein weiterer von der Stadt eingesetzter Streetworker bei Jugendlichen des Quartiers etwas erreicht, hat er wenig (wir berichteten). „Eigentlich sind es ihre Familien, die sie auf den richtigen Weg bringen müssen“, findet Fakir. Anders sieht es Tariq Qazi: „Es wird sicherlich helfen.“ Gut wäre jemand, der direkt aus dem Viertel oder zumindest aus der Kreisstadt komme, „denn nur derjenige kann wirklich nachvollziehen, wie es hier ist“, meint Qazi. Saliha El Achak, die viele Jahre in dem Ortsteil gelebt hat und nun in der Nähe der fünf Hochhäuser wohnt, ist davon überzeugt, dass ein Sozialarbeiter etwas bewirken kann. „ Es ist gut, wenn die Jugendlichen das Gefühl bekommen, dass sie gehört werden.“ Doch ob eine Person genügt, um den gesamten Bedarf abzudecken, bezweifelt Saliha El Achak hingegen. „In der Stadt wird viel zu wenig für junge Menschen gemacht“, findet die alleinerziehende Mutter.

Eine Ansicht, die Tariq Qazi teilt: „Es braucht dringend mehr Projekte, die die Jugendlichen von der Straße holen.“ Auch Vereine halte er für geeignet, um Heranwachsende möglichst von Fehlern abzuhalten. „Allerdings müssen die Menschen erst einmal erfahren, was für unterschiedliche Angebote es hier gibt.“. Denn in den Ländern, aus denen sie kämen, gebe es eine solche Möglichkeit der Freizeitgestaltung oft nicht, sagt Qazi. Hinzu komme, dass nach der Ankunft in Deutschland zunächst ein Sprachproblem bestehe. „Deshalb wäre es sinnvoll, über die Vereine in verschiedenen Sprachen zu informieren“, schlägt Qazi vor. Grundsätzlich sieht der Mediziner, wie Metin Fakir und Saliha El Achak gleichermaßen, die Perspektivlosigkeit vieler Jugendlicher im Spessartviertel als das große Problem. „Die Ursache dafür ist häufig, dass Schüler, die an sich begabt sind, aber ein Sprachproblem haben, meist nicht gefördert werden“, sagt Qazi. Das sei frustrierend. Sie benötigten mehr Unterstützung, um auf dem richtigen Weg in eine stabile Zukunft zu gehen. El Alchak ist indes davon überzeugt, dass ohne Hilfe viel Potenzial verschenkt werde.

Qazi sieht die Verantwortung aber auch bei den jungen Dietzenbachern selbst. Er habe lange bei der Hausaufgabenhilfe gearbeitet und dabei immer wieder festgestellt, „dass sich viele Deutschland nicht zugehörig fühlen, obwohl sie hier geboren sind“. Doch das gehe nicht, findet er, „man kann nicht hier leben und sich einem anderen Land zugehörig fühlen“. Das müsse man den Menschen immer wieder bewusst machen, fordert Qazi. Nur wer sich als Teil der Bundesrepublik begreife, dem seien die hiesigen Vorzüge sowie Rechte und somit eine Perspektive sicher. „Auch wenn die Bedingungen für jemanden, der im Spessartviertel lebt und eventuell einen Migrationshintergrund hat, nicht immer die Besten sind, kann man es schaffen, etwas aus sich zu machen“, ist Qazi überzeugt. Dabei ist er mit seinem Medizinstudium ein positives Beispiel.

Für eine erfolgreiche Zukunft brauche es, so sind sich Metin Fakir und sein Onkel Hassan Fakir indes einig, neben der Unterstützung von außen auch die sichere Hand der Familie. „Kinder hier im Spessartviertel zu erziehen, ist eine Kunst“, sagt Hasan Fakir. Dabei spielt er auf die Gefahr an, dass insbesondere Jungs schnell an Kontakte mit schlechtem Einfluss gelangen können. So hat etwa auch sein Neffe Metin genau im Blick, was sein 11-jähriger Sohn macht. Ihn einfach so laufen zu lassen, das ginge nicht. „Wenn du nicht aufpasst, hast du sie an die falschen Leute verloren“, sagt sein Onkel.

Nicht das allein belastet die beiden Väter. Auch die Situation in den Häusern setzt den beiden zu. „Wenn Werbeprospekte in den Briefkästen stecken, ziehen viele Bewohner sie raus und lassen sie einfach auf den Boden fallen“, sagt Hasan Fakir. Die blieben dann so lange im Hausflur liegen, bis die Putzfrau kommt und sie wegräumt. Doch auch die Jugendlichen, die sich insbesondere im Winter im Flur treffen und dort ihre Zeit verbringen, hinterlassen jede Menge Müll. „Wenn man sie dann darauf anspricht werden sie beleidigend“, sagt Hasan Fakir entnervt.

Nicht minder stören Tariq Qazi die immer offenen Haustüren. „Hier kann jeder raus und rein.“ Man wisse so nie, wer sich im Haus herumtreibt. Dabei habe die Hausverwaltung versprochen, dass die Türen repariert werden, sodass nur noch die Mieter Zugang haben. Insgesamt, so sind sich die drei Männer einig, wäre ein strikteres Durchgreifen seitens der Verwaltung dringend erforderlich.

Dass indes die Bebauung des Innenohrs – der Brachfläche zwischen Brückwiesenweg und östlichem Spessartviertel – vom Tisch ist, sorgt bei allen Bewohnern für große Erleichterung. Wünsche, was mit dem Areal passieren soll, haben sie auch. Diese reichen von einem Spielplatz bis hin zu kleineren Geschäften und Cafés. „Auch toll wäre es, wenn es hier einen Wochenmarkt gäbe, damit auch einmal Menschen aus den übrigen Teilen der Stadt hier her kommen und sehen, dass es hier nicht so schlimm ist, wie viele glauben“, sagt Tariq Qazi. Es wäre schön, wenn die Dietzenbacher das Viertel als Teil des Ortes sehen würden: „In all den Jahren, in denen ich hier lebe, habe ich das so nie empfunden. Das muss sich unbedingt ändern.“

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