Fünf Hochhäuser in den Schlagzeilen

Spessartviertel in Dietzenbach: Wie ein Prestigeobjekt zum sozialen Brennpunkt wird

Seit fast 50 Jahren wiederholt sich im Spessartviertel in Dietzenbach rund um die fünf Hochhäuser an der Laufacher Straße ein Plot in einer Mischung aus Drama, Abenteuer, Action und Horror. 
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Seit fast 50 Jahren wiederholt sich im Spessartviertel in Dietzenbach rund um die fünf Hochhäuser an der Laufacher Straße ein Plot in einer Mischung aus Drama, Abenteuer, Action und Horror. 

Fünf Hochhäuser prägen das Stadtbild in Dietzenbach. Das Quartier steht seit seiner Entstehung immer wieder in den Schlagzeilen. Ein Blick auf seine Geschichte.

Dietzenbach – Starkenburgring, Rosenpark, Spessartviertel: Jede dieser Bezeichnungen steht für die fünf Hochhäuser, die seit ihrer Fertigstellung 1974 das Stadtbild Dietzenbachs prägen. In loser Reihenfolge berichten wir über die Entwicklung, die Menschen, die Projekte und die Politik rund um das Spessartviertel.

Spessartviertel in Dietzenbach: Ende Mai fliegen Steine auf Polizei und Feuerwehr

Die Geschichte des Viertels erinnert an das Kultstück „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Wie in einer Zeitschleife wiederholt sich im Spessartviertel rund um die fünf Hochhäuser an der Laufacher Straße seit fast 50 Jahren ein Plot in einer Mischung aus Drama, Abenteuer, Action und Horror. Anders als in der Komödie haben die Wiederholungen bisher keine Läuterung gebracht. Im Gegenteil: Ende Mai eskaliert einmal mehr die Stimmung in dem als „sozialer Brennpunkt“ bekannten Quartier: Polizei und Feuerwehr finden sich in einem Hinterhalt wieder, Steine fliegen durch die Luft und Scheiben zerbersten.

Spessartviertel in Dietzenbach: Neue Hochhaussiedlung sollte urbanen Flair vermitteln

Dabei hätte das Drehbuch die Chance gehabt, ein Märchen zu schildern. Ausgelöst durch ehrgeizige Ortsgranden soll die frisch gebackene Stadt Dietzenbach um die 1970er Jahre herum wachsen und einen exquisiten städtebaulichen Mittelpunkt im Rhein-Main-Gebiet bilden. Errichtet zwischen 1970 und 1974 unter dem Namen Rosenpark ist die neue Hochhaus-Bebauung in dem ehemals bäuerlich geprägten Dorf dazu gedacht, begüterte Menschen anzulocken, die dem Ort ein urbanes Flair verleihen.

Ein schick aufgemachter Prospekt – deutschlandweit verteilt – verspricht: „Die gesamte Wohnanlage ist mit allem Komfort ausgestattet. Personenaufzüge, Haussprechanlagen und Müllschlucker fehlen ebenso wenig wie Teppichböden, repräsentative Empfangshallen und seitlich mit Naturholz verkleidete Loggien.“

Spessartviertel in Dietzenbach: „Der Rosenpark – beinahe ein Lehrstück für die Entstehung eines Slums“

Aber: Nicht etwa das Murmeltier, sondern der Wurm spielt von Anfang an mit. Käufer gibt es zwar genug. Von den hohen Steuervorteilen profitieren sie aber nur dann, wenn sie die Wohnung nicht selbst nutzen. Als Anmieter treten Gesellschaften auf, die Endmieter suchen. Mit geringem Erfolg. Rollt doch auch die lange angekündigte S-Bahn nicht an.

Um die Finanzierungen zu halten, werden die als luxuriös bezeichneten Wohnungen am Ende wie sauer Bier und mit einer Mietbefreiung für die ersten drei Monate angeboten. Zur unglücklichen Entwicklung kommt Pech. Die Hamburger „Bauregie Rüster KG“, die für die Häuser die Baubetreuung übernommen hat, geht kurz vor Fertigstellung des Fünf-Türme-Projekts in Konkurs. Äußerst „hastig“ habe man die Bauten trotz vieler Mängel vollendet.

Spessartviertel in Dietzenbach: Wilde Partys und hohe Kriminalität in der Anlage

Im November 1973 ziehen die ersten Mieter ein. In den nächsten zwei Jahren entwickelt sich das Märchen zum Schocker. Im April 1975 titelt etwa die Frankfurter Rundschau: „Der Rosenpark – beinahe ein Lehrstück für die Entstehung eines Slums“. Die Rede ist von Ungezieferplagen, defekten Aufzügen, Kellereinbrüchen, wilden Partys auf den Gemeinschaftsfluren und einer hohen Kriminalität in der gesamten Anlage.

Ein flugs gegründeter Mieterverein, der gegen die Beeinträchtigungen der Wohnqualität vorgehen möchte, kann das Desaster nicht aufhalten. Die Hochhäuser, kaum im dritten Lebensjahr angekommen, werden bundesweit als „Betonklötze eines Denkmals asozialer Architektur“ gehandelt; die hoffnungsvoll auf Profit schielenden Eigentümer aus Mertingen, Bremen, Kirchheim, Stuttgart oder Ludwigshafen, darunter viele Ärzte, sind mit der Situation überfordert und wollen den Besitz so schnell wie möglich wieder loswerden.

„Rosenpark“: Diesen Titel trägt das 1986 geschaffene Bild des Ende 2019 verstorbenen Künstlers Karl Heinz Wagner.

Spessartviertel in Dietzenbach: Auch Gerichte können keine Strukturen schaffen

Parallel zum ersten Akt entwickelt sich von Beginn an ein komödiantisch anmutendes Spiel der Hausverwaltungen, die bis heute wie der Kasperl aus der Kiste auf- und abtauchen. Die „Allgemeine Beteiligungs- und Bautreuhand AG“ (ALBAG) hat gebaut, die ALBAG-Tochter „VAB“ vermietet, die „Stadtgrund-Immobilien“ verwaltet, alle drei Unternehmen sitzen in Bonn. Es folgen Namen wie „Habitat“, „Wobera“, „Süd-Nord-Immobilienverwaltungs- und Vermietungs GmbH“, „Goßmann und Lott“, „Kappelmann Immobilien“ und „Abendschein und Hetschold“. Einer klagt den anderen raus oder rein, auch aktuell, nach fünf Jahrzehnten, sind die Gerichte nicht in der Lage, geordnete Strukturen zu schaffen.

Spessartviertel in Dietzenbach: „sozialen Brennpunkt mit Auswirkungen, die weit über Dietzenbach hinausgehen“

Im November 1997 beauftragt die Stadt die Nassauische Heimstätte Gesellschaft für innovative Projekte (NHGiP) mit einem Konzept zum Nachbarschafts- und Quartiersmanagement. In einem Gutachten heißt es: „Wohnanlage und Wohnumfeld sind von gravierender Verwahrlosung gekennzeichnet.“ Kurz darauf erfolgt die Aufnahme in das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“, das Sanierungsprojekt, anfangs berechnet mit drei Millionen Euro, startet unter Beteiligung von Bund, Land und Stadt. Eine „Strategiekommission“ unter der Leitung des ehemaligen Landrats Peter Walter (CDU) stellt fest: „Wir haben einen sozialen Brennpunkt mit Auswirkungen, die weit über Dietzenbach hinausgehen.“

Spessartviertel in Dietzenbach: Scheitern der aufwendigen Sanierung?

Erschreckend früh geistert die Idee eines Abrisses oder zumindest eines Rückbaus der Häuser im Rosenpark durch die Stadt. Ende der 1990er Jahre gründet sich ein Verein unter dem Namen „Besser leben und wohnen in Dietzenbach“ mit dem ehemaligen Grünen-Stadtrat Lothar Niemann an der Spitze, der diese Idee vehement vorantreibt. Indes fällt die Entscheidung zugunsten einer Sanierung. Es folgen Jahre voller Aktivitäten im Inneren und auf dem Außengelände der Häuser.

Mancher spricht von Kosmetik, andere loben den Fortschritt der Arbeiten. Ein Concierge-System in den Eingangsbereichen entsteht, Videosicherheitssysteme werden gebaut, die Etagenflure gestrichen, Klingelanlagen und Beleuchtung erneuert, Müllsammelplätze angelegt und Gemeinschaftsräume geschaffen. Dazu kommen soziale Projekte wie die Stadtteilwerkstatt und das Nachbarschafts-TV.

Spessartviertel in Dietzenbach: Unruhen in 2005 - Bildungshaus bringt Erfolge

Doch es dauert nicht lange, bis die Diskussionen über ein „Scheitern der Sanierung“ beginnen. 2005 fordern Unruhen ihren Tribut, es brennen Autos und Container. Vertreter der Stadt, des Landes und der Polizei rücken zusammen und versuchen erneut, der Entwicklung Einhalt zu gebieten. Vor acht Jahren startet das Bildungshaus mit seinem Angebot, Initiativen wie das Boxprojekt, aufsuchende Sozialarbeit und ein intensives Engagement der Polizei, etwa mit Kontaktbeamten, bringen Erfolge. Auch wenn bis heute immer wieder Drogendelikte, Körperverletzungen und Vergewaltigungen gemeldet werden. (Von Barbara Scholze)

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