Kissenschlacht und Schatzsuche

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Christian Hildenbrand und Uwe Mölter (rechts) sind zwar langjährige Spiele-Profis, haben aber immer noch ihren Spaß an neuen Entwicklungen und originellen Ideen – und sind mit Herzblut bei der Sache.

Dietzenbach -   Funkelnder Goldschatz, finstere Höhle und eine morsche Hängebrücke über einer tiefen Schlucht sind klassische Zutaten, aus denen Abenteuerfilme entstehen. Von Simone Weil

Brütet aber die Redaktion der Firma Amigo über diesen Bestandteilen, wird eine Familienunterhaltung ab acht Jahren für zwei bis vier Personen daraus. Das Würfelspiel „Die Brücke am Rio d’Oro“ kommt dabei ohne ein herkömmliches Brett aus, weil der Steg über der offenen Schachtel aufgebaut und je nach Glück mit mehr oder weniger trittsicheren Holzbrettern versehen wird.

Renner der „Amigo Spiel und Freizeit GmbH“, die zu den zehn großen Verlagen bundesweit zählt, sind so gelungene Produktionen wie „Halli Galli“ (über vier Millionen verkaufte Exemplare) und „Wizard“ (über eine Million verkaufte Exemplare), die es seit 20 beziehungsweise 15 Jahren gibt.

Doch weil sich kaum jemand auf seinen Erfolgen ausruhen kann, müssen ständig neue Spiele entwickelt werden, um den Käufern immer wieder spannende Anlässe zu bieten, um sich rund um den Tisch zu versammeln. Bis aber große und kleine Kunden Spaß haben und ihre Siege feiern können, vergehen im Durchschnitt etwa zwei Jahre – von der Idee bis zum herstellungsreifen Artikel. In dieser Zeit beschäftigt sich die dreiköpfige Redaktion intensiv mit dem Vorschlag eines Spieleerfinders. Zunächst schickt der Autor seine Idee per Mail oder auf dem Postweg ans Unternehmen an der Waldstraße oder stellt sie den Mitarbeitern bei den zwei wichtigen jährlichen Messen in Essen oder Nürnberg vor.

Abtauchen in eine andere Welt

„Von etwa 1000 Vorschlägen im Jahr, die an uns herangetragen werden, lassen wir uns etwa 250 spielbare Prototypen schicken“, erläutert Uwe Mölter. Diese werden dann genau unter die Lupe genommen und über Wochen und Monate in wechselnden Testrunden auf ihre Spielbarkeit getestet. Dabei geht es unter anderem darum, ob der Ablauf funktioniert und der Inhalt schlüssig ist. „Es muss etwas passieren, um den Spieler zu begeistern, dass er abtaucht, in eine andere Welt“, erklärt Christian Hildenbrand den Anspruch der Experten. Dass etwas gänzlich Neues entdeckt wird, ist dabei freilich die Ausnahme. Und doch ist Originalität gefragt. „Wir wollen keinen neuen Wein in alten Schläuchen verkaufen“, sagt Mölter. Immerhin stoße man immer wieder mal auf „einen neuen Kniff, der gut ankommt.“ Wichtig sei die Gesamtkomposition, die man immer Blick haben müsse, ergänzt Hildenbrand.

Auf alle Fälle sollte die Vorlage Lust machen, sich mit ihr zu beschäftigen und im Idealfall pro Durchgang nicht länger als maximal eine Stunde dauern. Ist der Ablauf sehr kompliziert, stehen die Amigo-Mitarbeiter vor dem großen Dilemma, das Regelwerk nicht knackig-kurz darstellen zu können. Doch dem Großteil der Kundschaft sind mehr als vier Seiten nicht zuzumuten, selbst wenn der Text durch grafische Elemente aufgelockert wird.

Etwa 20 bis 30 Spiele werden pro Jahr produziert

Parallel arbeitet die Redaktion an 50 bis 60 Spielen. Hergestellt werden letztlich aber nur zwischen 20 und 30 Stück pro Jahr. Ist in den halbjährlichen Programmkonferenzen vor den Messen die Entscheidung gefallen, was produziert wird und was nicht (zum Leidwesen der Redaktion keineswegs immer ihr Favorit), fungiert das Team als Entwicklungsabteilung: Jetzt müssen Materialien ausgesucht und in Zusammenarbeit mit Illustratoren und Grafikern die optische Gestaltung bestimmt werden – immer in Abstimmung mit der Marketingabteilung und dem Vertrieb. Bei diesen Entscheidungen spielen vor allem Herstellungskosten und Haltbarkeit eine wichtige Rolle.

Die Figuren werden gerne und häufig aus Holz produziert. Ausnahmen bestätigen aber die Regel: Beim Spiel „Voll in Fahrt“ entschieden sich die Unterhaltungsfachleute ganz bewusst dafür, quietschbunte Plastiklokomotiven zu nutzen, mit denen die Spieler ihre Züge machen – einfach weil die origineller und ansprechender sind. Ähnlich witzig ist auch die Umsetzung bei der „Kissenschlacht“: Dabei müssen tatsächlich kleine Kissen mit Katapulten treffgenau ins Bett (Unterteil des Kartons) geschleudert werden.

Text für Spielregeln „eine Wissenschaft für sich“

Erst zum Schluss werden die Spielregeln getextet. „Eine Wissenschaft für sich“, stöhnt Hildenbrand. Schließlich müssen die wichtigen Anleitungen für den Ungeübten genauso verständlich sein wie für die Kenner der Materie. Sie dürfen keine Interpretationsspielräume bieten und sollten deswegen möglichst eindeutig formuliert sein. Hinter dem Vergnügen, das die Käufer haben wollen, steckt oft also viel Tüftelarbeit. Davon soll der Spieler aber möglichst wenig merken, wenn der Karton geöffnet wird.

Doch auch wenn die Zahl der Freundeskreise zunimmt, in denen man sich zu Spielabenden zusammenfindet, kommt diese Freizeitbeschäftigung in der Familie aus der Mode. Uwe Mölter wünscht sich, dass die verschiedenen Generationen wieder häufiger zum Spielen zusammenkommen, weil die Interaktion wichtig ist: „Wer miteinander spielt, redet miteinander und lernt dabei auch, Konflikte zu bearbeiten.“

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