80-Jähriger in Wohnung überfallen

Staatsanwalt fordert lebenslange Haft für Mord am Wertheimer Weg

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Die Feuerwehr löschte den Brand in einer Erdgeschosswohnung am Wertheimer Weg und fand eine Männerleiche.

Darmstadt/Dietzenbach - Der Prozess um den Tod eines 80-jährigen Afghanen steht kurz vor dem Ende. Gestern wurden die Plädoyers gehalten, heute Mittag soll das Urteil verkündet werden. Von Silke Gelhausen-Schüßler

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Unter großem Medieninteresse sind die Plädoyers vor dem Landgericht Darmstadt im Fall des in seiner Wohnung im Wertheimer Weg getöteten Raubopfers vorgetragen worden. Die drei Angeklagten Mohammed I. (21), Abdul P. (22) und Shirzad N. (17), allesamt Asylbewerber aus Afghanistan, sollen den 80-jährigen Landsmann um Mitternacht des 16. Aprils 2015 überfallen, gefesselt und solange gewürgt haben, bis der Senior erstickte – angeblich „aus Versehen“. Hintergrund der Tat: I., der das Opfer schon länger kannte und mittags noch bei ihm zum Tee eingeladen war, vermutete eine große Geldsumme in dem kleinen Appartment im Spessartviertel. Ob die Tötung geplant war oder nicht, wird mit absoluter Sicherheit wohl nie aufzuklären sein, vielmehr ist dies Auslegungssache der umfangreichen Beweisaufnahme. Hier gehen die Meinungen von Anklage und Verteidigung naturgemäß diametral auseinander.

Oberstaatsanwalt Alexander Homm machte in seinem 75-minütigen Plädoyer keinen Hehl daraus, dass er nicht den geringsten Zweifel am Vorsatz und den typischen Mordmerkmalen hat. In diesem Fall Habgier und niedrige Beweggründe. Für ihn kommt nur eine Verurteilung wegen gemeinschaftlichen Mordes infrage. Das würde für die beiden älteren Angeklagten lebenslänglich bedeuten, für den Jüngsten, N., greift das Jugendstrafrecht. Er soll laut Homm mit neun Jahren und vier Monaten Jugendarrest für die Tat büßen.

Homm scheut sich auch nicht, die Brücke zum derzeit alles beherrschenden politischen Thema Flüchtlinge zu schlagen: „Die Brisanz dieses Verfahrens ist jedem klar. Was hinterlassen Sie mit Ihrem Verhalten für ein Bild in dem Land, in das Sie vor Gewalt und Tod geflohen sind? Damit müssen Sie sich nun als Asylbewerber messen lassen!“ Bereits in der Unterbringung hätten die Angeklagten zum Teil massive Probleme gemacht. Homm: „Die Art, wie man sich Teilhabe zu verschaffen suchte, wirft ein besonderes Licht auf die Angeklagten.“ Es sei absurd, dass keiner der drei etwas davon mitbekommen haben will, dass die Strangulierung mit dem roten Schal für den alten Mann tödlich war. „Die Rechtmedizinerin hat uns hier deutlich geschildert, wie Kopf- und Gesichtshaut mit Stauungsblutungsaustritten übersät waren als Folge der akuten Unterbrechung des Blutabflusses im Gehirn. Dafür ist kein kurzes Würgen ausreichend, um den Mann an seinen Hilfeschreien zu hindern. Hierfür braucht es minutenlanges, gewaltsames Zuziehen des Schals“, so der Oberstaatsanwalt. Auch macht er deutlich, was er von den geständigen Einlassungen der drei Täter hält: „Heute wurde die mindestens fünfte Version des Tatablaufes zum Besten gegeben. Bei keinem der Drei gibt es eine Konstanz in der Aussage.“

Die fünf Nebenklagevertreter, die einen Teil der zehn Kinder des Opfers vertraten und nicht gerade durch Prozessanwesenheit glänzten, schlossen sich in sehr kurz gehaltenen Vorträgen uneingeschränkt den Ausführungen Homms an; vergaßen aber nicht, für eine Übernahme der Nebenklagekosten durch die Angeklagten zu plädieren. Ein Umstand, der Verteidiger Thorsten Peppel Anlass zur Kritik gab: „Alle Kinder haben nach der Scheidung der Eltern ihren Kontakt zum Vater abgebrochen. Am dritten Verhandlungstag, als die Sache im Prinzip gelaufen war, kommt plötzlich eine Armada von Anwälten in die Sitzung und meint zu wissen, worum es hier geht." In Übereinstimmung mit seinen zwei Kollegen plädiert er für eine Verurteilung wegen Raubs mit Todesfolge: Er hält für N. siebeneinhalb Jahre Jugendstrafe als ausreichend. Anwalt Fatih Kantekin hält I. noch für reifeverzögert, plädiert für zehn Jahre Jugendstrafe, Anwalt Rene Reissner fordert für P. 14 Jahre. Die Urteile sollen morgen Mittag vor der zweiten Strafkammer in Darmstadt verkündet werden.

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