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Stadt berichtet über Jugendliche im Spessartviertel

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Von: Anna Scholze

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Mit der Situation der jungen Menschen vertraut sind die Streetworker Yassir El-Mallah (von links) und Malte Althoff sowie Maud Möller vom Bildungshaus und Dieter Kliem Abteilungsleiter Jugendhilfe und Soziale Arbeit.
Mit der Situation der jungen Menschen vertraut sind die Streetworker Yassir El-Mallah (von links) und Malte Althoff sowie Maud Möller vom Bildungshaus und Dieter Kliem Abteilungsleiter Jugendhilfe und Soziale Arbeit. © ans

„Die Jugendlichen aus dem Spessartviertel gibt es nicht“, sagt Dieter Kliem, Abteilungsleiter für Jugendhilfe und Soziale Arbeit, und stellt damit klar, dass die jungen Menschen aus dem Viertel differenziert betrachtet werden müssen.

Dietzenbach - Sicher gebe es unter ihnen auch jene, die mit delinquentem, also kriminellem Verhalten auffielen. Doch davon, das machen auch die beiden neu eingestellten Streetworker Yassir El-Mallah und Malte Althoff (Bericht folgt) sowie Maud Möller, Leiterin des Bildungshauses, deutlich, könne man nicht auf alle schließen.

So gebe es einige junge Menschen, die sich engagierten. Zuletzt sichtbar geworden sei das im Sommer im Zusammenhang mit dem Projekt „Wir für unser Quartier“. Hierbei starteten Jugendliche die „Aktion sauberer Spielplatz“ und brachten Gestaltungsideen für das Innenohr ein. „Auch jetzt noch werden wir darauf angesprochen, wann die Vorschläge denn umgesetzt würden“, erzählt Yassir El-Mallah.

Beziehungen zu den Jugendlichen im Spessartviertel aufbauen

Deutlich gebremst wurde die Interaktion mit den Teenagern jedoch während der vergangenen zwei Jahre durch die Corona-Maßnahmen. Dass die Türen gerade in der Zeit einer weltweiten Pandemie verschlossen werden mussten, sei schwierig gewesen, macht Möller deutlich. Neben den Sorgen, die alle beschäftigt hätten, sei ihr bewusst gewesen, dass für die Bewohner des Viertels besondere Herausforderungen bestünden. Dabei führt die Bildungshaus-Chefin etwa das Thema Homeschooling an. Nicht alle hätten ein geeignetes Endgerät gehabt, sodass sich das Lernen als schwierig gestaltet habe.

„Mittlerweile ist aber wieder Beziehungsarbeit möglich“, fährt sie fort. Und dies sei durch die Einstellung der beiden Streetworker noch einmal ganz anders möglich. „Die Mobile Arbeit ist insbesondere im Hinblick auf jene jungen Dietzenbacher wichtig, die den Weg nicht von sich aus zu uns ins Bildungshaus finden.“ Dabei gilt es, wie Althoff und El-Mallah wissen, zunächst einmal Vertrauen aufzubauen. „Es ist wichtig, dass man gemeinsam etwas unternimmt“, sagt Althoff. Etwa beim Tischfußball oder Billardspielen komme man leichter ins Gespräch. Bei besonders verschlossenen Jugendlichen brauche es jedoch etwas Beharrlichkeit, erläutert El-Mallah. „Wir hatten einen jungen Mann, der uns mehrfach weggeschickt hat“, sagt der Sozialarbeiter. Erst nach einer Weile habe er mit ihm gesprochen. Sei dann erst einmal eine Beziehungsebene aufgebaut, wendeten sich die jungen Frauen und Männer durchaus mit ihren Problemen an die städtischen Mitarbeiter.

Jugendliche sind entsetzt über Vorurteile nach Attacke gegen Einsatzkräfte

In den Gesprächen, so berichtet Althoff, hätten sie festgestellt, dass die Frage, wo jemand wohne, durchaus eine sensible sei. Die jungen Menschen müssten erleben, dass der Wohnort Spessartviertel mit einer Stigmatisierung einhergehe. „Manch einer gibt deshalb bei Bewerbungen etwa die Adresse des Onkels in Steinberg an“, erzählt El-Mallah. Besonders schmerzlich erfahren, was es bedeutet, im Viertel zu leben, mussten die Jugendlichen im Jahr 2019. Damals hatten Heranwachsende die Feuerwehr und Polizei mit Steinen beworfen. „Viele waren entsetzt darüber, was die kleine Gruppe gemacht hat“, sagt Möller. Doch ebenso entsetzt gewesen seien die Jungen und Mädchen darüber, dass man sie aufgrund der Tat alle kriminalisiert habe. „Sie waren davon überzeugt, dass, wenn dies in einem anderen Stadtteil in Dietzenbach geschehen wäre, solche Vorurteile sich nicht gebildet hätten“, führt die Bildungshaus-Leiterin weiter aus. Manch eine Familie habe sich sogar überlegt, ob sie aus dem Viertel wegziehen soll.

Auch abseits jenes einschneidenden Ereignisses erleben die Jugendlichen Ausgrenzung. Etwa dann, wie Althoff erzählt, wenn sie in der Gruppe Fußball spielen wollten und auf dem Platz aufgrund ihres Wohnortes mit Beleidigungen begrüßt würden. „Auch gibt es Eltern aus anderen Stadtteilen, die nicht wollen, dass ihre Kinder ihre Freunde im Spessartviertel besuchen“, sagt der Streetworker. Gemeinschaft erleben die Jugendlichen hingegen im Bildungshaus. So gebe es etwa Studierende, wie El-Mallah berichtet, die, um in Ruhe lernen zu können, ins Bildungshaus kämen und im Gegenzug Schülern Nachhilfe geben. „Es hat etwas Familiäres“, sagt er mit Nachdruck. (Von Anna Scholze)

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