Ein Stück Geschichte geschenkt

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Lina Weilmünster †

Dietzenbach (scho) ‐ Ihre Erinnerungen hat Lina Weilmünster schon vor drei Jahren aufgeschrieben und veröffentlicht. „Fast ein Jahrhundert“ steht als Titel über dem 92-seitigen Lebensbericht, der auch ein Stück Dietzenbacher Geschichte ist.

Wertvolles Zeitzeugenmaterial hat die 1916 geborene überzeugte Sozialistin den Folgegenerationen ebenso mit dem Werk „Aus eigener Kraft“ geschenkt. Gemeinsam mit Ehemann Richard erzählt sie in dem 1980 herausgegebenen Buch von der Historie der örtlichen Arbeiter-, Sport- und Kulturbewegung. „Es gibt aus der Zeit des Hitler-Faschismus’ oder aus der Zeit der Verfolgung von Kommunisten und anderen Demokraten in der Adenauer-Ära sonst fast nur noch mündliche Überlieferungen“, heißt es dort.

Solcherart Geschichtsschreibung hat der engagierten Dietzenbacherin unter anderem den Kulturpreis ihrer Heimatstadt eingebracht. Nun ist Lina Weilmünster, wie jetzt bekannt gegeben wurde, am 20. Oktober im Alter von 93 Jahren verstorben. „Sie hat einen bedeutenden Beitrag zur Stadtgeschichte geleistet“, betont Dirk Steuernagel vom Vorstand der Kulturgesellschaft Dietzenbach im Nachruf.

1937 heiratete sie Heinrich Weilmünster

Lina Weilmünster, eine geborene Schickedanz, wurde am 21. August 1919 in Dietzenbach geboren. Sie wuchs in einer kommunistischen Arbeiterfamilie auf und trat 1931 dem kommunistischen Jugendverband bei. „Diese Ortsgruppe und die Arbeitersportbewegung wurden Lina zu einem zweiten Zuhause, dort entwickelte sie ihr politisches Bewusstsein und teilte ihre Freizeit mit Gleichgesinnten“, erzählt die Historikerin Heidi Fogel in ihrem Vorwort zur Lebensgeschichte Weilmünsters. In der Dietzenbacher „Roten Sportunion“ lernte Lina schließlich Heinrich Weilmünster kennen, den sie Ende 1937 heiratete. Trotz Verfolgung durch die Nazis blieb sie auch während des Faschismus ihrer Überzeugung treu. Auch wenn sie erleben musste, wie ihr Mann schließlich von einem Nazi-Gericht ins Straflager Rollwald eingewiesen wurde, weil er bei der Beerdigung ihres Bruders Philipp, einem der führenden Dietzenbacher Kommunisten, einen Kranz getragen hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Lina Weilmünster im Gruppenvorstand der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), von 1952 bis 1957 war sie Kreissekretärin des Demokratischen Frauenbundes Deutschland.

Laut Fogel ist Lina Weilmünster ihren politischen Idealen stets treu geblieben. Gemeinsam mit Richard hatte sie gehofft, dass ihre Vision von einer sozialistischen Gesellschaft in der DDR verwirklicht werden würde. Linas Enttäuschung über die Entwicklung der jungen Bundesrepublik Deutschland unter der Regierung Adenauer und über die Verbote gegen kommunistische und sozialistische Organisationen seien nie verblasst, schrieb die Historikerin.

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