Sturmschäden noch allgegenwärtig

Dietzenbacher Christdemokraten wandern mit Förstern und Bürgern durch den Wald

Auf Einladung der CDU: Dietzenbacher informieren sich über den Zustand des Waldes.
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Auf Einladung der CDU: Dietzenbacher informieren sich über den Zustand des Waldes.

Es war ziemlich genau um die Zeit, als ein Jahr zuvor auf Dietzenbacher Gebiet die ersten Bäume gefallen sind: Kurz nach 18 Uhr am 18. August trifft sich am östlichen Waldrand der Stadt eine Gruppe Interessierter, die wissen möchten, wie es nach der großen Unwetterkatastrophe von 2019 um den Wald in der Kreisstadt bestellt ist.

Dietzenbach – Eingeladen zu der Tour der „Verwüstung“ hat der CDU-Stadtverband im Rahmen seiner neuen Stammtisch-Reihe. „In meiner Freizeit bin ich viel und gerne in der Natur unterwegs und sehe, wie erschreckend die Auswirkungen des Sturms immer noch sind“, begründet Stadtverbandsvorsitzender Christoph Mikuschek den Ausflug. Als Experten hat die CDU zwei Vertreter von HessenForst eingeladen, die mit den Dietzenbacher Bäumen bestens vertraut sind. Michael Löber, Bereichsleiter Produktion beim Forstamt Langen, und Gabriele Rutschmann-Becker, Revierleiterin Dietzenbach, schildern mit Engagement und Fachwissen die aktuelle Situation. Und die ist alles andere als erfreulich. „Dabei ist die Lage für Dietzenbach noch überschaubar, manche Nachbarkommune hat es viel härter getroffen“, stellt Löber fest.

„Das wurde alles auf einen Schlag niedergebügelt.“

Die Gruppe komme in einem Bereich zusammen, der besonders geschädigt sei, teilen die Förster mit. Auf dem Areal entlang dem östlichen Teil der Vélizy- und der Waldstraße ist die Zerstörung der Natur noch immer sofort sichtbar. Umgestürzte Bäume, abgebrochene Äste, vertrocknete Rinden, welke Blätter und dörres Gestrüpp geben das Bild einer Wüstenei ab. „Hier war einmal einer der schönsten Waldteile der Kreisstadt“, sagt Rutschmann-Becker. Ein großer Buchenbestand habe da gestanden, aus einem Guss und runde 120 Jahre alt. „Das wurde alles auf einen Schlag niedergebügelt.“ Bei einer ersten Besichtigung am Tag nach dem Sturm seien noch nicht einmal mehr Wege zu identifizieren gewesen, keine Rückegassen, also forstwirtschaftliche Wege zum Transport von gefällten Bäumen, und keine Kennzeichnungen. „Anfangs waren wir nur auf der Suche nach einer Struktur“, erzählt die Försterin.

Auch ein paar Schritte weiter steht anstatt eines schön gewachsenen und geschlossenen Kiefernverbandes heute – nichts. „Dort haben wir höchstens noch Teilflächen“, sagt Rutschmann-Becker. Und noch immer seien die professionell mit dem Wald Beschäftigten ein wenig ratlos, wie es weitergehen soll.

Denn das singuläre Ereignis „Downburst“, wie der Sturm genannt wurde, ist nicht der einzige Grund für das anhaltende Waldsterben. „Die Hitze und die Trockenheit der letzten Jahre setzen den Bäumen zu, sie sind gestresst und haben keine Abwehrkräfte mehr“, erklärt Michael Löber. Einen raschen Tod erleide vor allem die Buche. „Sie wirft zu ihrem Schutz das Laub ab, dadurch prallt die Hitze noch mehr auf Stamm und Äste, ein sogenannter Sonnenbrand lässt die Rinde aufplatzen und dann geht es ganz schnell.“ Dazu komme, dass das Holz durch die anhaltende Trockenheit entwertet wird und noch nicht mal als Brennholz zu verwenden ist.

5000 Festmeter Buchenholz und ebensoviele Festmeter Nadelholz zur Verwertung

Entsprechend sei neben dem ökologischen Schaden auch der Wald als Bestandteil der deutschen Wirtschaft genau zu betrachten. Etwa die Hälfte des deutschen Holzes gehe in den Export, das meiste werde von China und Schweden geordert. „Derzeit sind die Preise im Keller“, sagt Löber. Als Nachwirkung des Sturms gibt es ein großes Angebot, allein in Dietzenbach stehen rund 5000 Festmeter Buchenholz und ebensoviele Festmeter Nadelholz zur Verwertung an. „Das ist etwa das Vierfache dessen, was wir sonst pro Jahr einschlagen.“ Die Nachfrage nach Holz seitens der Bauindustrie sei vorhanden. Sei diese allerdings erst einmal befriedigt und werde der Baumbestand kleiner, sei mit steigenden Preisen zu rechnen. „Schlimmstenfalls können wir dann nicht mehr liefern und müssen selbst exportieren, wenn es ganz hart kommt, aus Brasilien, also dem Regenwald“, befürchtet der Bereichsleiter. Eine Aufforstung im großen Rahmen sei alles andere als einfach und viel zu teuer, zumal eine in den nächsten Jahren anhaltende Trockenheit die Bäume wieder zerstören könnte. Auch ein Versuch mit südländischen Bäumen in Frankfurt habe noch keine durchgreifende Lösung gebracht.

„Wir sind also mitten in einem spannenden Prozess, der uns noch lange beschäftigen wird“, stellen die beiden Forstbeamten fest. Es gelte beständig abzuwägen, ob Bäume stehen bleiben oder eingeschlagen werden. Das eine bedeute ein Baum mehr für die Zukunft. Es könne aber auch sein, dass er geschädigt ist und dann doch der Säge zum Opfer fällt.

„Aber egal, wie wir weiter vorgehen, wir müssen immer an einen Zeitraum denken, den wir selbst nicht mehr erleben“, sagt Löber. Eine Buche werde bis zu 150 Jahre alt, „das sind ganz andere Dimensionen“.

Die Stadtverwaltung hat nun auf Nachfrage erklärt, es sei für Ende Oktober ebenfalls gemeinsam mit der Forstverwaltung eine öffentliche Begehung des Waldes geplant. Stark geschädigt seien aktuell auch etwa 500 Bäume im Straßengrün, die nur zu einem geringen Teil ersetzt werden konnten. (Barbara Scholze)

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