Suche nach Balance

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Erziehung erfordert den langen Atem: So verlockend die Vorstellung auch ist, im Eifer des familiären Gefechts die richtigen Worte von einer Super-Nanny ins Ohr geflüstert zu bekommen - der Weg zu einer gelungenen Beziehung lässt sich nicht in kurzer Zeit zurücklegen.

Offenbach - Wenn es um die „richtige“ Erziehung geht, sind Eltern oft mit ihrem Latein am Ende. Einen Ausweg aus der Krise bietet im Kreis Offenbach die Erziehungsberatungsstelle in Dietzenbach (Max-Planck-Str. 2, Tel. 06074/8276-40). Die Einrichtung stellte eine sehr informative Elternbroschüre mit dem Titel „Beziehung kommt vor Erziehung“ vor.

Grundlage ist unter anderem eine Artikelserie zu Erziehungsthemen in unserer Zeitung. Mit Diethelm Sannwald, Leiter vom Beratungszentrum-Mitte des Diakonischen Werks, sprach unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey.

Sie sind jetzt schon lange Zeit in der Erziehungsberatung tätig. Was ist Ihr Eindruck: Haben sich Methoden oder Moden in der Erziehung zuletzt grundlegend geändert - oder bleibt der Kern von Erziehung gleich?

Diethelm Sannwald leitet das Beratungszentrum in Dietzenbach.

Ich finde es schwierig, bei Erziehung von Methoden zu sprechen, weil Eltern ja in der Regel nicht methodisch vorgehen, sondern überwiegend intuitiv, das heißt aus dem Gefühl heraus auf ihre Kinder reagieren und mit ihnen umgehen. Das ist Gold wert, wenn man über eine gute Intuition, also auch Einfühlungsvermögen, in Verbindung mit Standfestigkeit verfügt. Das kann aber auch desaströs werden, wenn man immer nur aus dem Bauch heraus reagiert und nicht gut in der Lage ist, sein eigenes Erziehungshandeln zu reflektieren und zu steuern. Die Moden ändern sich sicherlich. So war es gestern modern, Kinder weitgehend antiautoritär und mit einem Minimum an Regeln zu erziehen, während heute ja teilweise auch von Fachleuten wieder elterliche Autorität gefordert wird. Der Kern von Erziehungsarbeit bleibt aus meiner Sicht insofern gleich; für Eltern geht es immer wieder darum, eine Balance zu finden zwischen Einfühlung, Verständnis und Gewährenlassen einerseits und Grenzziehung, Normsetzung, Positionen halten andererseits. Das muss man natürlich für die unterschiedlichen Altersphasen der Kinder differenzieren.

Die Verunsicherung darüber wie man ein Kind erzieht, wächst offenbar. Die Deutschen geben Millionen Euro für Erziehungsratgeber aus. Hat die Flut der Ratgeber, die Berichterstattung über kaum mehr zu bändigende Kinder, die Welle der Erziehungssendungen Eltern so sehr sensibilisiert, dass sie beim kleinsten Wutanfall ihrer Kinder das Gefühl beschleicht, pädagogische Versager zu sein?

Ja, zum Teil ist das leider so. Und hinzu kommt mitunter, dass Eltern Angst vor Liebesentzug von Seiten der Kinder haben, wenn sie Verbote aussprechen oder ihre Kinder eingrenzen. Dann kehren sich die Machtverhältnisse in einer Familie scheinbar um: die Kinder nehmen allen Raum ein und sagen, wo es lang geht, und die Eltern haben nicht mehr viel zu melden. Mit einem solchen konfliktvermeidenden Verhalten macht man sich als Elternteil vielleicht in der Situation bei seinen Kindern beliebt. Aber die Liebe oder eine gute Eltern-Kind-Beziehung wird dadurch gerade nicht gestärkt. Die Redewendung: „Reibung erzeugt Wärme“ gilt in hohem Masse für zwischenmenschliche Beziehungen - auch und gerade zwischen Eltern und Kindern. Von daher kann ich Eltern nur ermuntern: Mut zu Konflikt und Auseinandersetzung mit fairen Mitteln. Das hat noch keiner Beziehung geschadet. In einer großen, deutschen Tageszeitung gab es vergangene Woche einen interessanten Artikel über den Zusammenhang von sozialer und ökonomischer Verunsicherung der Mittelschicht unserer Gesellschaft und den verstärkten Bemühungen, den eigenen Kindern eine optimale Erziehung und Ausbildung zu vermitteln. Da werden in bester Absicht soziale Abstiegsängste der Eltern in frühen Leistungsstress für die Kinder umgemünzt.

Mütter und Väter sind also verunsichert?

Meines Erachtens ist die Verunsicherung vieler Eltern im Hinblick auf die eigene Erziehungskompetenz auch ein Ausdruck einer Verunsicherung hinsichtlich des eigenen sozialen Status und der eigenen Lebensperspektiven. Man könnte sagen, dass in gewisser Hinsicht globale gesellschaftliche Prozesse, wie die Flexibilisierung und Beschleunigung speziell in der Arbeitswelt, sowie die sinkende Arbeitsplatzsicherheit und die Zunahme prekärer Lebensverhältnisse direkt in Familien hineinwirken und dort für Stress und Verunsicherung der Erwachsenen und damit auch der Kinder sorgen. Ich verstehe den ganzen Ratgeber-Hype als eine Antwort auf diese allgemeine Verunsicherung und den Wunsch von Eltern, ihren Kindern die bestmögliche Erziehung und bestmögliche Startchancen mit auf den Weg zu geben, damit ist sie gut gewappnet ins Leben gehen. Tragisch ist, dass dieser „Schuss“ mitunter nach hinten losgeht, dass man durch ein Zuviel an ,Richtig-machen-wollen’, ein Zuviel an Förderung der Kinder, genau das Gegenteil dessen bewirken kann, was man eigentlich erreichen wollte. Wir haben ja im Nachgang zu der Artikelserie zu Erziehungsthemen in Ihrer Zeitung jetzt auch eine Elternbroschüre neu herausgebracht und haben ihr den Titel „Beziehung kommt vor Erziehung“ gegeben. Damit wollen wir ausdrücken, dass es uns nicht darum geht, den Zigtausendsten neunmalklugen Ratschlag zu geben, sondern dass wir vielmehr Eltern ermutigen möchten, eine lebendige Beziehung zu ihren Kindern zu pflegen.

Fragen Eltern zu oft nach Kinderwünschen, sind sie zu nett?

Das glaube ich gar nicht. Nett sein und nach den Wünschen fragen heißt ja nicht, dass ich auch alle Wünsche erfülle und Auseinandersetzungen und Konflikte vermeide. Wenn die Nettigkeit und das Nachfragen in einem ernsthaften Interesse an den Bedürfnissen und dem Wohlergehen der Kinder begründet sind - und davon gehe ich bei fast allen Eltern aus - dann kann ich das nur begrüßen. Entscheidend ist, was man daraus macht - und ob man versteht, wann es wichtig, ist Kindern Raum zu geben, Wünsche und Bedürfnisse auszuleben, und wann man als gute Eltern besser Nein sagt und begründet und dann auch dabei bleibt.

Erziehungsexperten verweisen darauf, dass Kinder immer häufiger allein gelassen werden. Wäre es nicht wichtig, mehr staatliche Hilfen anzubieten?

Es gibt sicherlich Eltern, die so sehr mit der Bewältigung der eigenen Lebenssituation und der eigenen Probleme beschäftigt sind, dass sie kaum noch innere Kapazitäten frei haben, um sich um ihre Kinder zu kümmern. Eltern. die womöglich völlig erschöpft abends nach Hause kommen und nur noch ihre Ruhe haben wollen. Oder die aufgrund einer schwierigen Lebenssituation so unter Druck und gestresst sind, dass sie kaum noch in der Lage sind, Zuwendung zu geben oder Anteil zu nehmen.

Solche Eltern brauchen eine Entlastung im Alltag ...

Ja! Damit sie mal zur Ruhe kommen können, durchschnaufen, ein wenig Zeit für eigene Bedürfnisse haben, um Energie und Kraft zu sammeln fürs Eltern-Sein. Da ist es dann wirklich wichtig, dass es unterstützende Angebote gibt, die nicht viel kosten und unbürokratisch in Anspruch zu nehmen sind. Das entlastet und nimmt Druck aus den Familien. Unsere Aufgabe in der Beratung ist es ja mitunter auch, Mütter zu bemuttern, damit sie selber wieder in die Lage versetzt werden, ihre Kinder zu bemuttern. Wenn ich selber sehr bedürftig bin und das Gefühl habe, dass meine Akkus leer sind, dann kann ich nichts oder nur sehr wenig geben.

Sicherlich ist die Zeit, in der die Kinder in die Pubertät kommen, die schwierigste Phase in vielen Familien. „Ist das noch mein Kind?“, das fragen sich besorgte Mütter und Väter doch oftmals, wenn ihr Kind in die Pubertät kommt. Plötzlich ist er ein fremdes, unbekanntes Wesen. Was sind die häufigsten Fehler, die Eltern machen?

Die Frage lautet nach meiner Erfahrung eher: Wo ist die liebe Tochter, der liebe Sohn von gestern abgeblieben, womit habe ich es verdient, so einen garstigen Teenager vor mir zu haben? Die Gefahr für Mütter und Väter ist, glaube ich, das Abweisende, Aggressive, Widerspenstige der Jugendlichen für bare Münze zu nehmen und sich davon übermäßig beeindrucken zu lassen. Sei es, dass man genau so aggressiv und heftig dagegenhält, sei es dass man sich von den Jugendlichen ins sprichwörtliche Bockshorn jagen lässt. Beides ist unangemessen und wird der Situation nicht gerecht.

Was ist denn hilfreich?

Wenn man sich als Eltern vergegenwärtigt, dass hinter der wütenden und ablehnenden Fassade meines pubertierenden Kindes ein sehr verunsichertes Ich steckt, das gerade dabei ist, zu einer erwachsenen Persönlichkeit heranzureifen. Und das ist wirklich keine leichte Aufgabe. Das werden die meisten Eltern bestätigen können, die sich noch an ihre eigene Zeit der Pubertät erinnern können. Dieses Erinnern hilft häufig dabei, die eigenen Kinder in ihrer schwierigen Lebensphase besser zu verstehen und Ihnen ein verlässliches Gegenüber zu sein.

Was halten Sie denn von einer sogenannten Vereinbarung in Familien: Sie könnte ja lauten, dass der Junge nicht länger als zwei Stunden täglich am Computer spielen, dafür aber am Wochenende mal länger als gewohnt in die Disco oder zu Partys darf. Wenn er sich nicht an die Vereinbarung hält, bekommt er vier Tage Fernsehverbot. Ist das der richtige Weg?

Vereinbarungen sind immer dann gut, wenn sie altersangemessen sind. Wieso soll der Sohn als Gegenleistung für die Begrenzung der Zeit am PC am Wochenende länger ,wegdürfen’? Das Eine hat mit dem Anderen nichts zu tun. Zwei Stunden täglich am PC reicht, Punkt! Das kann man auch begründen als Eltern. Und wie lange der Sohn am Wochenende abends wegbleiben darf, kann in der Tat Verhandlungssache sein, aber dann sollte auch die Sanktion bei Nichteinhalten der Vereinbarung gleich mit verhandelt werden. Das erleichtert dann später die Durchsetzung derselben. Schwierig finde ich immer, wenn Eltern sehr drakonische Strafen in Aussicht stellen, weil diese erstens nicht leicht durchzusetzen und durchzuhalten sind und man damit zweitens sozusagen sehr schnell das Ende der Fahnenstange erreicht. Denn: Was will man dann noch draufsetzen, wenn eine weitere Vereinbarung nicht eingehalten wird? Deshalb ist es sicherlich besser, kleine, aber spürbare Strafen oder Verbote zu vereinbaren, die dann auch wirklich umgesetzt werden. Anderenfalls wird man als Eltern unglaubwürdig.

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