Milde Strafe für Messerstecher

Im Suff zugestochen

Dietzenbach - Mit einer milden Strafe von 15 Monaten Haft auf Bewährung endete vor dem Offenbacher Schöffengericht der Prozess gegen einen 52-Jährigen, der gestanden hatte, in Dietzenbach einem Arbeitskollegen mit einem Küchenmesser in den Bauch gestochen zu haben. Von Stefan Mangold

Die Prozessbeteiligten gehen von einer den Umständen geschuldeten einmaligen Tat aus. Manchmal kann es helfen, mehr Speck als nötig auf der Bauchdecke zu tragen. So dürfte es bei dem Geschädigten gewesen sein, der als Zeuge nicht erscheinen kann. Der Angeklagte hatte dem Mann im Oktober an der Hans-Böckler-Straße eine elf Zentimeter lange Klinge sechs Zentimeter in den Bauch gerammt. Mehr als eine wenig blutende Wunde trug das Opfer körperlich nicht davon.

Der Prozess gibt Einblick in den Existenzkampf polnischer Arbeiter. Er sei nach 14 Jahren wieder nach Deutschland zurückgekehrt, erklärt der gelernte KFZ-Mechaniker. Die Auftragslage in seiner Heimat habe mau ausgesehen. Der Mann ist Alleinverdiener und Vater von sechs Kindern. Zwei sind minderjährig, die Ehefrau an Krebs erkrankt. In Dietzenbach arbeitete er als sogenannter Subunternehmer auf einer Baustelle für zwölf Euro Stundenlohn.

Da hörte man zwar schon von schlechteren Löhnen, weil die Arbeiter offiziell jedoch als Gewerbetreibende gelten, müssen sie ihre Sozialabgaben alleine stemmen. Grippe zu haben bedeutet außerdem, der Lohn entfällt. Hinzu kommen die Kosten für den Schlafplatz in irgendeinem Kabuff. In einer Verhandlungspause berichtet Rechtsanwältin Monika Wrozyna von Osteuropäern, die 300 Euro Miete für ein Bett in einem Zimmer zahlen müssen, in dem mehrere Männer liegen.

Die Verteidigerin erklärt, ihr Mandant wolle aussagen. Richter Manfred Beck fragt an: „Sie machen doch so einen besonnenen Einruck, wie kam es denn dazu?“ Tatsächlich wirkt der 52-Jährige ruhig und höflich, keineswegs wie der Archetypus eines Messerstechers.

Er lebte damals mit vier Landsleuten in einem Dietzenbacher Kellerzimmer. Um im vergangenen Oktober das kurze Wochenende samstags einzuläuten, begann das Quartett nach Feierabend um 16 Uhr zu trinken. Der Angeklagte berichtet von einer Menge, die sich ohne Training nicht stemmen lässt. Sechs Gläser Wodka á 200 Milliliter, begleitet von sechs Dosen Bier á 0,5 Liter habe er bis Mitternacht getrunken. Währenddessen soll sich mit dem Geschädigten eine Diskussion über das Thema entwickelt haben, ob der Arbeitgeber der Truppe einen adäquaten Lohn bezahle. Der Angeklagte erzählt, der Kollege habe ihn schließlich auf dem Flur geschubst und geschlagen. Er habe daraufhin die Beherrschung verloren, sei in die Küche gerannt und habe das Messer geholt, mit dem er zustach. In seinem Schlusswort wird der Angeklagte, der seitdem in der Justizvollzugsanstalt einsaß, betonen, wenn der einstige Mitbewohner erschienen wäre, hätte er sich entschuldigt.

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Eine damals herbeigerufene Polizistin erzählt, der Angeklagte habe stark alkoholisiert gewirkt. Die Blutabnahme ergab später, dass er während der Tat drei Promille gehabt haben könnte. Der Verletzte hatte höchstens 1,25 Promille. In dessen Blut fanden sich aber auch Spuren des Amphetamins MDA.

Die Staatsanwältin sieht eine verminderte Schuldfähigkeit. Bei der Tat des nicht vorbestraften Mannes handele es sich um eine Ausnahme. Sie fordert 15 Monate Haft auf eine Bewährungszeit von drei Jahren, samt Aufhebung des Haftbefehls. Verteidigerin Monika Wrozyna betont: „Mein Mandant hat durch die fünf Monate im Knast seine Lektion gelernt.“ Sie hält zehn Monate auf Bewährung für genug.

Richter Manfred Beck und die Schöffen folgen der Staatsanwältin: „Das Gericht geht davon aus, dass sich so eine Tat nicht wiederholt.“ Der Angeklagte nimmt das Urteil sofort an.

Rubriklistenbild: © dpa

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