Es brodelt ordentlich

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Dietzenbach - "Ein „bisschen Frust“ verspürt Samuel Diekmann wenn es um die Stimme der Kirche zu den für ihn brisanten Fragen geht. Themen wie Rassismus, gerechter Lohn oder auch Menschenhandel würden leider meistens ausgespart, kritisiert er. Von Simone Weil

Doch als Christ, meint der Pastor der freikirchlichen Jesus-Gemeinde Dietzenbach, möchte er genau zu diesen Problemen Stellung beziehen. . Er sieht sich in guter Gesellschaft, denn er glaubt, Belege dafür in der Bibel zu finden und interpretiert die alten Texte in seinem Buch „Systemkritik des Meisters“ neu. Er legt das Augenmerk auf „die verschwiegenen Verse“ und fragt in seinem Werk, „was Christus an unserer Ökonomie, Ökologie und Sozialethik zu kritisieren hätte“. Dabei möchte Diekmann mit seiner Publikation nicht bevormunden, sondern Leser per Internetforum (www.systemkritik-des-meisters.de) einladen, mitzudiskutieren. „Das soll vor allem ein Mitmach-Buch sein“, hofft der Autor, der wegen der vielen Termine in der Adventszeit erst Anfang des neuen Jahres Lesungen in Frankfurt und Dietzenbach plant.

Mit der Initiative will er an längst verschüttete kirchliche Traditionen anknüpfen. „Da liegt vieles brach“, meint der 31-Jährige, der erst kürzlich für seine Predigt „Erlassjahr – ein Schuldenschnitt muss her“ vom Verlag für die Deutsche Wirtschaft ausgezeichnet worden war. Bezüge zu den Fragen unserer Zeit sind für den jungen Familienvater, der sich unter anderem auf Youtube und Facebook tummelt und auch in diesem Jahr wieder zum „Weihnachtsflashmob“ auf dem Roten Platz aufruft, ebenso selbstverständlich wie der Gebrauch der neuen sozialen Medien.

Aktion „Eine Schale Reis“

So will der Mitinitiator der peisgekrönten und vielfach kopierten Aktion „Eine Schale Reis“ für die Themen Armut und Hunger sensibilisieren. Außerdem meint er: Jesus habe den Geldwechslern unserer Zeit einiges zu sagen. Immerhin gehe es an mehr als 2000 Stellen in der Bibel um Geld, Schulden und Besitz. Grund genug für Diekmann in seinem „Krötengottesdienst – was die Bibel den Banken zu sagen hat“ systemkritische Fragen zu stellen und Christen zu verantwortlichem Tun zu motivieren. „Das ist doch eine wichtige Frage, was wir mit unserem Geld machen“, sagt er.

Als Theologe und politisch Interessierter ist der Pfarrer mit Blick auf die Occupy-Bewegung davon überzeugt, „dass da was brodelt“. Und er meint: Der Glaube gehöre zwar ins Private, habe aber auch eine gesellschaftliche Kraft. „Wenn Jesus über die Reichen spricht, dann sind nicht die Banker gemeint, sondern unser Land im globalen Vergleich“, ist Samuel Diekmann sich sicher. Gleich, ob nun Umweltschutz oder Ökonomie: Es dürfe keine Scheuklappen bei der Betrachtung der Bibel geben, plädiert das Vorstandsmitglied der Jesus-Gemeinde. Viele Themen aus seinem aktuellen Buch seien Nebenprodukte von Gottesdiensten und der Arbeit in der etwa 50 Mitglieder zählenden Gemeinde der vergangenen anderthalb Jahre. Schließlich wird im Europahaus einmal im Monat ein besonderer Gottesdienst zu gesellschaftlich relevanten Fragen gefeiert.

Samuel Diekmann, Systemkritik des Meisters (ISBN 978-3-8482-5195-7), 240 Seiten, Preis 14,90 Euro (Ebook: 7,49 Euro).

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