„Stadt Dietzebach, sollst lebe“

Über ein Gedicht zur 750-Jahr-Feier Dietzenbachs und seine Schöpferin

Dietzenbach aus der Luft
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Die Feierlichkeiten zum 800. Geburtstag Dietzenbachs mussten aufgrund der Pandemie ausfallen. 50 Jahre zuvor konnte das Fest zum Glück stattfinden. Über die „750-Jahr-Feier“ hat Klara Köhler ein Gedicht geschrieben.

Dietzenbach – Der 800. Geburtstag Dietzenbachs, der in diesem Jahr groß hätte gefeiert werden sollen, mit allerlei Veranstaltungen und einer Festwoche, stand unter keinem guten Stern. Das Coronavirus machte nahezu alles, was geplant war, unmöglich. Es hagelte Absagen. 1970, als Dietzenbach 750 Jahre alt wurde, sah all das glücklicherweise anders aus.

Johanna Uderstadt, die heute 93 Jahre ist, nahm das diesjährige Jubiläum zum Anlass, sich noch einmal zurückzuerinnern an die Zeit vor 50 Jahren, als ihr Heimatort nicht nur einen runden Geburtstag feierte, sondern auch die Stadtrechte erhielt. Sie wühlte in alten Papieren, suchte etwas ganz Bestimmtes. Und sie fand es. „Meine Mutter, Klara Köhler, hat damals ein Gedicht geschrieben zur 750-Jahr-Feier“, erzählt die Dietzenbacherin. Das sei ihr nun wieder eingefallen. Ein Werk mit dem Titel „Stadt Dietzebach, sollst lebe!“, mit vier Strophen, im Paarreim verfasst, das sogar in der Gemeinde-Post erschien.

Die Redaktion habe zum Anlass der 750-Jahr-Feier viele selbst geschriebene Lieder und Gedichte von Dietzenbachern erhalten, schreiben die Kollegen damals in der Gemeinde-Post. Eines, aus der Feder von Klara Köhler, geborene Fenchel, wolle man stellvertretend veröffentlichen. Die Zeilen der Frau vom Wingertsberg zeigten, dass Alt-Dietzenbach dem Neuen aufgeschlossen sei, und dass, mit Freude und etwas Wehmut an die Vergangenheit zu denken, nicht bedeute, den Fortschritt zu verteufeln. So sei ihre Mutter eben gewesen, sagt Johanna Uderstadt. „Der Zeit gegenüber immer aufgeschlossen.“

„Du Dietzebach als Bauerndorf, dich harre mer su gärn, jetzt werst du zur Stadt ernannt, jetzt soll alles annerscht wärn.“ So beginnt Klara Köhlers Gedicht. In den folgenden Zeilen schaut sie auf das, was mit der Stadtwerdung kommen wird und blickt auf das zurück, was sich in der wachsenden Gemeinde bereits bis 1970 verändert hat, schreibt etwa von Hexenberg und Wingertsberg, die längst verbaut sind. „Viel Gärte wärn jetzt abgeschafft, dess kann mer gor net fasse, un wu einst Zwiwwl wurn, do säht mer nor noch Rase.“ Und dort, wo einst noch Landwirtschaftsmaschinen brummten, dort fahren mittlerweile Autos.

Trotz aller Veränderungen, die sie über die Jahrzehnte hinweg miterlebt hat und jener, die noch kommen werden, trotz wehmütiger Erinnerung, lautet Klara Köhlers Urteil: „Mir liebe aach die neue Zeit, was kann es annerscht gebe, un schließe uns dem Fortschritt oo: Stadt Dietzebach, sollst lebe!“

Nicht nur beim Lesen ihres Jubiläums-Gedichtes, sondern auch beim Blick auf ihr Leben zeigt sich, dass Klara Köhler, die 1996 im Alter von 96 Jahren verstarb, für ihren Heimatort und dessen Bewohner brannte. Ihre Tochter erzählt, wie sie sich stets mit Engagement in das öffentliche Leben einbrachte, sich um die kümmerte, die Unterstützung brauchten. „Sie war zeitlebens sozial engagiert“, sagt Johanna Uderstadt. Bereits 1924 wurde Klara Köhler Mitglied in der 1921 gegründeten evangelischen Frauenhilfe, die sich in den ersten Jahren ihres Bestehens zunächst um die Notstände nach dem Ersten Weltkrieg kümmerte. „Ein besonderes Anliegen der Frauenhilfe und auch meiner Mutter war die Unterstützung beim Bau des evangelischen Gemeindehauses im Jahr 1932“, erzählt Johanna Uderstadt, auch der erste Kindergarten Dietzenbachs, die sogenannte „Kinderschule“ habe dazu gehört. Später hätten sich die Aktivitäten dann jeweils der Zeit angepasst. So sei etwa ein Dorf in der DDR unterstützt worden. Während ihrer langen Mitgliedschaft war Klara Köhler dann auch zehn Jahre Vorsitzende der Frauenhilfe. Als Würdigung ihres ehrenamtlichen Engagements erhielt Klara Köhler 1979 dann den Ehrenbrief des Landes Hessen.

Johanna Uderstadt berichtet, dass ihre Mutter auch bei der städtischen Senioren-Weihnachtsfeier einige Jahre aktiv gewesen sei. Dort habe sie die Gäste mit ihren selbst verfassten Prologen unterhalten. „Meine Mutter hat immer gerne gedichtet, dafür war sie bekannt“ Auch Geburtstage und Feiern im Familien- und Bekanntenkreis habe sie genutzt, um ihre Werke zum Besten zugeben. Und dann eben auch das Jubiläum der Stadt, der sie so verbunden war. (Lena Jochum)

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