Unfallfreies Rauschempfinden

Projekt „KlarSicht“

Dietzenbach - Die schwierigste, aber wohl auch interessanteste Station steht direkt vor dem Tor. Dort, wo Schüler sonst beispielsweise zielgerichtet den Handball werfen, torkeln Jungen und Mädchen leicht koordinierungslos durch die Gegend. Von Barbara Scholze

Die Acht- und Neuntklässler der Ernst-Reuter-Schule (ERS) – zu Gast sind auch Schüler der Helen-Keller- und der Rudolf-Steiner-Schule – nehmen teil am Projekt „KlarSicht“, einem Mitmach-Parcours der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zu Tabak und Alkohol.

In den unkontrollierten Zustand versetzt hat sie der sogenannte Drunk-Buster. Die Rauschbrille, die an eine Taucherbrille erinnert, schränkt die Wahrnehmungs- und Koordinationsfähigkeit ein und simuliert dem Träger einen Alkoholgehalt von etwa 1,3 bis 1,5 Promille. Was heute für die Schüler ein Spiel ist, wird am freien Wochenende oft zum Problem. „Flatrate-Trinken ist immer noch Trend“, sagt Peter Frech, der im Auftrag der BzGA das Projekt organisiert. Zum Beweis präsentiert er die neusten Zahlen: Ein Fünftel der 14- bis 17-Jährigen trinkt einmal im Monat bis zum Vollrausch, etwa 15 Prozent der 12- bis 17-Jährigen rauchen regelmäßig.

Eine Kooperation des Suchthilfezentrums Wildhof mit Polizeibehörden, Abteilungen des Landes und des Kreises sowie der städtischen Jugendarbeit hat „KlarSicht“ für zwei Tage in die ERS-Halle geholt. „Unsere interaktive Ausstellung ist heiß begehrt, wir besuchen 52 Städte pro Jahr und haben eine lange Warteliste“, sagt Frech.

Etwa 300 Dietzenbacher Schüler können die insgesamt fünf Stationen des Parcours’ nutzen. Jeweils zu zwölft wandern sie durch die Halle, an jedem Stand, der von zwei Moderatoren begleitet wird, haben sie eine Viertelstunde Zeit. Lehrer sind dabei nicht erwünscht „Die Schüler sollen unbefangen reden können.“

So auch an der „TrinkBar“, einem Ausschank, an dem zwar leere Flaschen stehen, allerdings nur der Wissensdurst gestillt werden kann. Im netten Gespräch mit zwei jungen Herren von der Polizei geht es dort um interessante Fragen. Wie lange braucht Alkohol, bis er wirkt? Wie viel reiner Alkohol ist in den beliebtesten Getränken enthalten? Spätestens da kommt Staunen auf: Sind es beim Schnaps gerade mal drei, bringt das Gläschen Bier schon zwölf Gramm mit sich. „Ich habe schon einiges zum Thema Alkohol gewusst, aber es ist doch interessant“, sagt der 15-jährige Alex.

So auch bei der Station „Images“, die sich der Werbung widmet. Dort nutzen die Jungen und Mädchen die Gelegenheit, ein eigenes Produkt zu bewerben. Klar, dass Alkohol und Tabak cool sind und Spaß, Attraktivität, Erfolg, Freiheit und Genuss versprechen. „Manchmal verwenden die Jugendlichen aber auch negative Begriffe, die so nie in der Werbung vorkommen würden“, erzählen die Moderatoren. Zeit also für eine Lektion zur Wirkweise von Reklame. Auf solcherart Mischung aus Realität und Fiktion setzt auch die Station „Talkshow“, bei der die Schüler in einer Art Rollenspiel zum Lebensberater werden. „Natürlich wünschen wir uns bei allen Jugendlichen totale Abstinenz“, betont Frech. Tabak etwa solle gar nicht erst ausprobiert werden. „Beim Alkohol steht aber eine Erziehung zum kritischen Konsum im Vordergrund.“

Die Ausstellung habe ein tragfähiges pädagogisches Konzept und spreche die Sprache der Schüler, lobt Schulleiter Georg Köhler. „Solche Angebote sind uns jederzeit willkommen. Wir können dabei immer auf die Unterstützung der Stadt setzen, aber auch auf das Verständnis der Vereine, die kurzfristig die Halle nicht nutzen können.“

Angetan zeigt sich auch Sozialdezernent Dietmar Kolmer: „Die Aktion reiht sich gut in die präventiven Maßnahmen ein. Unsere Stadt ist ja überschaubar, und mit den Schulen pflegen wir ein enges Netzwerk, in dem keiner allein gelassen wird.“

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