Kindertagesstätte Kinderland

Unkomplizierte unter sich

+
In jeder Gruppe in der Kita gibt es einen Anteil von Jungen und Mädchen mit einer Behinderung.

Dietzenbach -  Was in der Erwachsenenwelt Thema ist, wird von jungen Augen ganz unbewusst ignoriert. In der Integrativen Kindertagesstätte Kinderland spielen Jungen und Mädchen mit und ohne Behinderung miteinander, ohne, dass jemand als anders gilt. Von Christian Wachter 

Draußen, vor dem Turnraum, wird die Erde umgegraben. Dank Schaufeln und Baggern im Miniaturformat sieht die Fläche auch gleich ganz anders aus. Gut, dass die Kinder Gummistiefel anhaben. Ganz bewusst, berichtet Daniela Herbert, Leiterin der Integrativen Kindertagesstätte Kinderland, habe man dort nichts vorbereitet. Die Regel ist das nicht auf dem Areal an der Rodgaustraße. Da gibt es zum Beispiel das in den Boden eingelassene Trampolin, das für Kinder mit und ohne Behinderung geeignet ist. Der eine hüpft, der andere kann sich mitziehen lassen. Damit steht es sinnbildlich für einen Grundgedanken der Einrichtung, allen Kindern bestmögliche Entwicklungs- und Lernbedingungen zu bieten.

Nach einem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung im März des vergangenen Jahres (wir berichteten) gab es grünes Licht dafür, auch die einzige Regelgruppe in eine integrative umzuwandeln. Die schrumpfte damit zwar ab August von 20 auf 15 Plätze, kann aber dafür fünf statt der bislang zwei Kinder mit Behinderung aufnehmen. Vier dieser Gruppen für Kinder zwischen drei und sechs Jahren gibt es, dazu noch eine für die jüngeren. In dieser haben zwei von zehn Kindern eine Behinderung. „Wir haben 2016 den Antrag gestellt, weil viele Kinder nicht versorgt waren“, sagt die Leiterin Daniela Herbert. Auch bei den Ablegern in Offenbach und Hainburg gebe es eine große Nachfrage, betont Alfred Fippl, Geschäftsführer des Trägers, der Behindertenhilfe in Stadt und Kreis Offenbach. Mit der Stadt sei man gut bedient, „eine Kommune, die so dahinter steht, ist sehr hilfreich“. Die Nachfrage werde auch noch zunehmen, vermutet der Fachbereichsleiter Peter Panthöfer. So sei es dem medizinischen Fortschritt zu verdanken, dass viele Kinder überlebten, bei denen es früher schwerwiegendere Komplikationen gegeben hätte.

„Oft fällt bei uns tatsächlich gar nicht auf, welches Kind zur integrativen Gruppe gehört und welches nicht, das ist das Schöne an unserer Arbeit“, berichtet Herbert. So ganz ausgeräumt seien aber bei Eltern die Bedenken nicht. „Sie kommen immer noch mit Ängsten, fragen, ob wir auch Kinder mit Down-Syndrom bei uns haben, es gibt diese Stigmata noch.“ Die Kinder selbst seien da unkomplizierter, fügt Panthöfer hinzu. „Sie leben einfach mit der Diversität, es wäre schön, wenn sich das durch die Gesellschaft zöge.“

Natürlich gebe es auch Eltern, die das soziale Lernen schätzen, sagt Herbert. Und so kommt regelmäßig eine Gruppe von zehn bis zwölf Müttern zusammen, die sich beim Elterncafé austauscht. Eigentlich, so Herbert, sei das Ganze ja für ein bis zwei Stunden angelegt gewesen, inzwischen bleiben die Mütter aber, bis sie ihre Kinder wieder mit nach Hause nehmen.

Dass die Kita in direkter Nachbarschaft zum Spessart-Viertel steht, macht sich auch an einer anderen Statistik bemerkbar. Rund 80 Prozent der Kinder haben einen Migrationshintergrund. „Wir werden hier sehr gut angenommen, die Eltern kommen, weil sie unserer integrativen Arbeit zustimmen.“ Generell steht ihr Büro daher immer offen, ob für die Kinder oder die Väter und Mütter. „Mir ist das Tür-und-Angel-Gespräch wichtig, schon eine kurze Info, etwa darüber, dass es einen Trauerfall in der Familie gibt, kann sehr hilfreich sein.“

Ein weiterer Ansatz ist es, die Lern- und Erfahrungsfelder so vielfältig wie möglich zu gestalten. Da gibt es zum Beispiel die zwei Matschräume, die aussehen wie große Badezimmer, und in denen sich Kinder mit Farbe, Ton oder anderen Dingen austoben können, die anderswo wohl eine etwas aufwendigere Reinigung nach sich zögen. Für den Matschraum reicht ein Wasserschlauch. Im Snozelraum hingegen finden die Kinder Ruhe und können auf einem Wasserbett, das sich über eine Musikanlage in Schwingung bringen lässt, ein Mittagsschläfchen machen. Schließlich, erläutert Herbert, sei es für Dreijährige eine lange Zeit, von 7.30 bis 17 Uhr in der Kita zu bleiben. „Wir setzen auf unterschiedliche Sinneserfahrungen.“ Dementsprechend ist in anderen Räumen der Tagesablauf mit Bildern visualisiert, die für den Morgenkreis oder das Frühstück stehen. „Das nimmt Kindern auch die Angst, sie interpretieren das ,bis gleich’ der Eltern nämlich ein bisschen anders.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare