Wodka-Rausch: Urteil um beispiellosen Totschlag

Dietzenbach - Nach schwieriger Beweisaufnahme und vier Verhandlungstagen ist im Prozess um einen beispiellosen Totschlag am 4. Januar im Aschaffenburger Weg das Urteil gefallen. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Wegen vorsätzlichem Vollrausch sind den beiden polnischen Staatsbürgern Jerzy K. (46) und Pawel A. (28) gestern vor dem Landgericht Darmstadt Haftstrafen von zweieinhalb und drei Jahren auferlegt worden. Darüber hinaus ordnete Richter Philip Müller die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an mit den Worten „Das ist das Beste, was Ihnen noch passieren kann.“

Als einen „typischen Tag für die Angeklagten“ beschreibt der Vorsitzende der Schwurgerichtskammer in seiner Urteilsbegründung den Tathergang. „Sie sind morgens aufgewacht, hatten weder Arbeit noch sonst irgend etwas zu tun und trafen sich in gleicher Besetzung wie immer zum Saufen in der Wohnung des Opfers Johann K.“ Beide Angeklagten waren der Polizei keine Unbekannten und schon früher durch Gewalttätigkeiten und Schlägereien im betrunkenen Zustand aufgefallen.

Am Tattag kommt es erneut zum Streit

Am Tattag kommt es erneut zum Streit, den der 59-jährige Johann mit dem Leben bezahlt. Pawel streckt ihn mit Faustschlägen nieder, schleift ihn in den Flur und springt mit beiden Beinen auf seinem schmächtigen Brustkorb herum. Das unter 60 Kilogramm wiegende Opfer stirbt an inneren Blutungen. Jerzy – der bis zum Schluss seinen Tatbeitrag bestreitet und während des Tötungsakts eingeschlafen sein will – soll Pawel immer wieder mit den Worten: „Gib ihm eins!“ angefeuert haben.

Risse in Milz, Leber und Bauchspeicheldrüse, 17 (von 24 vorhandenen) teilweise mehrfach gebrochene Rippen, Jochbein und Oberkiefer vollkommen zertrümmert – der Bericht des Gerichtsmediziners klingt schauderhaft. „Die Empathielosigkeit erschüttert einen zutiefst!“, so die Anwältin der Nebenklage, Sigrid Huth-Kitlikoglu. Sie deutet die Entschuldigungen der Angeklagten als fremdveranlasst, echtes Bedauern oder Erklärungen fehlen ihr.

Obere Grenze von knapp fünf Jahren

Auch Staatsanwältin Wajia Ajub fordert innerhalb des Strafrahmens die obere Grenze von knapp fünf Jahren. Sie zweifelt stark an den Erfolgsaussichten einer Entziehungskur, denn Jerzy hatte vor Gericht immer wieder betont: Therapie ja, „aber nicht in der Geschlossenen“.

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Einzig Jerzys Verteidiger, Anwalt Achim Gröpper, sieht die Sache vollkommen anders. Er hält die Beweisaufnahme für mehr als zweifelhaft, da die einzige Zeugin, Pawels Mutter Dorotha S., fast vier Promille Alkohol im Blut gehabt und widersprüchliche Aussagen gemacht habe. Sie hatte bei der Vernehmung zuerst ihren Verlobten Jerzy beschuldigt und später den eigenen Sohn. Auch sie war nicht nur einmal Opfer der beiden Gewalttäter. Gröpper plädiert für Freispruch und behält sich vor, Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen.

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