Verantwortung für den Nächsten

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Auch Monate später lässt sie das Gesehene und Geschehene nicht los: Oktay Savas (links) aus Egelsbach und die Dietzenbacherin Susanne Bell griffen beherzt ein, als sie Zeugen einer schweren Schlägerei unter Schülern wurden. Staatsminister Axel Wintermeyer überreichte ihnen gestern in Wiesbaden dafür die erste „Hessische Medaille für Zivilcourage“.

Dietzenbach/Egelsbach ‐ Die Freude über die hohe Auszeichnung ist Oktay Savas anzumerken. Auch die Dietzenbacherin Susanne Bell ist froh. Von Barbara Scholze

Die „Hessische Medaille für Zivilcourage“, gestiftet von Ex-Ministerpräsident Roland Koch und gestern erstmals überhaupt in Wiesbaden vergeben, nahm Savas gerne entgegen – weniger aber zum Lob für sich selbst, sondern eher, um ein öffentliches Zeichen zu setzen und Nachahmer zu finden.

Gemeinsam mit der Dietzenbacherin Susanne Bell hatte der Busfahrer aus Egelsbach im Februar beherzt in eine brutale Schlägerei in der Nähe der Ernst-Reuter-Schule eingegriffen und so Schlimmeres verhindert. „Damit haben Sie eindrucksvoll gezeigt, was Zivilcourage bedeutet: Verantwortung für den Nächsten. Durch Ihr Verantwortungsbewusstsein und Ihre Charakterstärke unterscheiden Sie sich von denen, die weg- oder – was noch schlimmer ist – einfach nur zuschauen“, lobte der Chef der Hessischen Staatskanzlei, Staatsminister Axel Wintermeyer, der die silberne Medaille am rot-weißen Band überreichte.

Mutig entschlossen

 „Wir möchten Ihnen für diesen schnellen und couragierten Einsatz sehr herzlich danken“, beendete er seine Laudatio. „Sie haben, ohne sich selbst körperlich zu gefährden, mutig und entschlossen gehandelt und wichtige Erste Hilfe geleistet.“

Es war der 18. Februar, als Susanne Bell und Oktay Savas unversehens zu couragierten Helfern wurden. Die junge Mutter und der Busfahrer sahen unabhängig voneinander, wie auf dem Gehweg an der Bushaltestelle vor der Schule eine Auseinandersetzung zwischen etwa 20 Jugendlichen eskalierte und mischten sich ein. Lange überlegen musste Susanne Bell nicht, bevor sie tätig wurde.

Laut los geschrien

Die junge Frau peilte den ersten Parkplatz an, schärfte ihrem Sohn ein, im Auto zu bleiben und rannte auf das Handgemenge zu. „Ich habe laut losgeschrien, das müsse aufhören, ich hätte bereits die Polizei gerufen“, berichtete Bell, die kurz darauf Unterstützung von Oktay Savas erhielt. Der Fahrer eines Linienbusses fuhr die Haltestelle vor der Schule an, als er die Auseinandersetzung wahrnahm. „Ich bin sofort ausgestiegen und habe nachgeschaut, was los ist“, sagt er. Ein Junge sei schlimm zugerichtet gewesen. Auch ein Mädchen blutete schlimm und verlor kurz darauf das Bewusstsein.

Mehr Verletzungen ohne Herr Savas und Frau Bell

Im Nachhinein zeigte sich das folgenschwere Ergebnis der Prügelei: Ein 16-Jähriger trug üble Verletzungen davon, auf seine schwer verletzte, bereits am Boden liegende 15-jährige Freundin traten die Täter so heftig ein, dass sie mehrere Tage auf der Intensivstation verbringen musste. „Wahrscheinlich wäre es zu weiteren Verletzungen gekommen, wenn Frau Bell und Herr Savas das nicht verhindert hätten“, sagte Michael Berkefeld, Leiter der Regionalen Ermittlungsgruppe Ost der Polizei, bei einer Belobigung.

Jederzeit wieder eingreifen

In den vergangenen Monaten sind die mutigen Helfer durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen. Noch immer stehen sie in Kontakt, nehmen gemeinsame Termine wahr, so etwa erzählten sie beim Offenbacher Präventionstag von ihrer Tat. „Später fällt einem alles ein, was man hätte besser machen können“, überlegt Savas.

Geübt durch zahlreiche Erste-Hilfe-Kurse, habe er eher „automatisch erledigt, was zu tun war“. Obwohl er tatsächlich Diskussionen mit Fahrgästen hatte, denen die Weiterfahrt nicht schnell genug ging, würde er sich jederzeit wieder einmischen. So sieht es auch Susanne Bell: „Ich wäre auch dankbar, wenn meinem Sohn jemand helfen würde.“

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