Auf Stand eines Neunjährigen

Vergewaltigungsprozess: Schuldunfähig wegen niedrigem IQ?

Dietzenbach - Ein Dietzenbacher hat sich am zweiten Tag auf der Anklagebank des Schöffengerichts in Offenbach verantworten müssen. Ihm wirft der Staatsanwalt Vergewaltigung, Nötigung und Körperverletzung vor, begangen 2015 an seiner damaligen Freundin. Von Stefan Mangold 

Über seine Anwältin lässt sich der 27-Jährige zur Sache ein. Richter Manfred Beck will nun dessen Schuldfähigkeit psychiatrisch begutachten lassen. Der Angeklagte soll, wie berichtet, unter anderem vor etwa drei Jahren seiner damaligen Freundin in Dietzenbach gedroht haben, deren Hund vom Balkon zu werfen und ihr die Finger abzuschneiden, wenn sie ihn nicht oral befriedige.

Zu Beginn des zweiten Prozesstages regt Pflichtverteidigerin Claudia Fennemann ein Rechtsgespräch an. Der Richter, die beiden Schöffen, Fennemann und Anwalt Jens Lorek, der die Nebenklägerin vertritt, separieren sich. Im Falle eines Geständnisses sollen die Verfahrensbeteiligten einen Korridor für ein zu erwartendes Strafmaß abstecken. Das Rechtsgespräch endet ergebnislos. Der Presse erklärt Lorek später, die Verteidigung habe auf eine Bewährungsstrafe gesetzt. Für die Nebenklage sei das keine Option.

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Die Mutter der mutmaßlich Geschädigten sagt noch einmal aus. Beim ersten Termin hatte das Gericht vergessen, zu ihrer Vernehmung die Öffentlichkeit wiederherzustellen. Fennemann setzt bei der Glaubwürdigkeit der Nebenklägerin an, die sich wegen eines Borderline-Syndroms wiederholt in therapeutischer Behandlung befand. Die Mutter erklärt, wenn sie mit ihrer Tochter telefonierte, als diese mit dem Angeklagten liiert war, habe sie gespürt, ihr gehe es schlecht und sie lüge sie an. Die Anwältin will wissen: „Hat ihre Tochter sie oft angelogen?“ Die Mutter konkretisiert: „Es kommt vor, dass ich meine Tochter frage, ,geht es dir gut?’ Dann sagt sie ,ja’, um mich zu schonen. Aber ihre Stimme verrät, sie meint ,nein’.“ Bei einem Besuch in der Dietzenbacher Wohnung habe sie an der Tochter Spuren von Verletzungen bemerkt.

Die Verteidigerin fragt ähnlich ausführlich wie am ersten Prozesstag, als sich die Verhandlung länger als sechs Stunden zog. Auch ein Grund, dass Fennemann und Lorek wohl keine engen Freunde mehr werden. Lorek mutmaßt, die Pflichtverteidigerin ziehe die Termine künstlich in die Länge. Und als Fennemann die Nebenklägerin fragt, ob sie einmal wegen einer bestimmten medizinischen Malaise eine Notaufnahme aufgesucht habe, hakt Richter Beck ein: „Helfen Sie uns auf die Sprünge, was hat das mit dem Fall zu tun?“

Fennemann liest später eine Einlassung vor, die sie für ihren Mandanten verfasste. Er bestreitet, gegen seine damalige Freundin Gewalt verübt zu haben. Als deren Hund zum wiederholten Mal ins Bett gesprungen sei, habe er das Tier keineswegs über den Balkon gehalten, sondern nur rhetorisch gefragt: „Was machst Du, wenn ich den runter werfe?“. Das sei nicht ernst gemeint gewesen. Die psychisch labile Frau habe dann tatsächlich gesagt, „dann spring ich hinterher“ und sich auf die Brüstung gesetzt, worauf ihr Mandant sie vor Schreck an den Haaren herunter gezogen habe.

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Geld habe er zwar vom Konto der Angeklagten abgehoben, aber ihr die Karte wieder gegeben und die Schulden später getilgt. Der Angeklagte ergänzt selbst, die Nebenklägerin habe ihm damals vorgeschlagen, er solle bei ihrer Arbeitsstelle einen Überfall auf sie fingieren und die Kasse mitnehmen. Von ihrem Mandanten erzählt die Anwältin, er habe die Sonderschule besucht, als 16-Jähriger einen Unfall mit massiven Kopfverletzungen überlebt. Fennemann liest aus einem Gutachten von 2010 vor, das ihm Arbeitsunfähigkeit und einen IQ von 54 bescheinigt: „Er befindet sich auf dem Entwicklungsstand eines Neun- bis Zwölfjährigen.“

Fennemanns Hinweis nimmt Richter Beck auf. Das Gericht lasse nun die Schuldfähigkeit des Angeklagten prüfen. Falls ein Gutachten diese verneint, kann das Gericht den Angeklagten auf unbestimmte Zeit in der geschlossenen Psychiatrie unterbringen lassen.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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