Eulerwald

Der Wald und sein Wert

+
„Bevor der Abbau kommt, müssen die Bäume weg“, sagt Naturschützer Rudolf Keil. Der Verlust wäre in seinen Augen immens.

Trotz eines entsprechenden Beschlusses der Stadtverordnetenversammlung ist der Quarzsandabbau im Eulerwald noch nicht vom Tisch. Letztlich entscheidet das Regierungspräsidium Darmstadt. Naturschützer Rudolf Keil will deutlich machen, was dabei alles auf dem Spiel steht.

Dietzenbach – Langfristiges Denken, das vermisst Rudolf Keil derzeit in Dietzenbach. Geht er durch den Wald zwischen Kreisquerverbindung und Vélizystraße, den sogenannten Eulerwald, kann er nicht verstehen, wie überhaupt jemand auf die Idee kommen konnte, dort Quarzsand abzubauen. Schon wieder. Denn unweit des Areals, für das sich derzeit die Firma Q-Sand interessiert, wurde bereits vor Jahrzehnten Sand abgebaut.

1956 nahm die Gebrüder Willersinn KG die Arbeiten in der Grube auf, bis 1980 lief der Abbau, wurde dann eingestellt. Der nördliche Teil der Grube wurde verfüllt, der Rest blieb offen, noch heute prägen steil abfallende Böschungen das Gelände. 1987 wurde das nach den Gebrüdern Willersinn benannte Gebiet, die Willersinn‘sche Grube, als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Seit gut 15 Jahren ist Rudolf Keil von Hessenforst als Gebietsbetreuer eingesetzt. Keil, der auch bei den Kolping-Naturschützern aktiv ist, ist häufig dort, mindestens einmal die Woche, entsprechend gut kennt er sich in der Grube aus.

Schnellen Schrittes wandert er durch das aufgeforstete Areal, spricht dabei über die Besonderheiten der früheren Sandabbaustätte. „Zwölf Meter tief haben die hier gegraben“, sagt er. Zwar sei die Grube aufgefüllt worden. „Aber das ist kein Humus, keine Muttererde.“ Bemerkbar macht sich das noch heute, rund 40 Jahre später. In Reih und Glied stehen die im Zuge der Aufforstung gepflanzten Kiefern und Eichen, sie sind klein, haben schmächtige Stämme. „Es gibt hier eben keinen gescheiten Waldboden.“ Es dauere 100, 200 Jahre, bis der Boden wieder so beschaffen sei, wie es sich für Waldboden gehört. Zwar habe sich die ehemalige Abbaustätte dank intensiver Pflege zum wertvollen Biotop entwickelt, dennoch sei durch den jahrelangen Sandabbau viel verloren gegangen, einiges unwiederbringlich. Rudolf Keil geht davon aus, dass Gleiches der Fläche droht, auf der nun erneut Sand abgebaut werden soll. „Was weg ist, ist weg“, sagt Keil. Niemand könne es anschließend wieder so hinbekommen, wie es war. Ihm ist es ein Anliegen, die Menschen in Dietzenbach dafür zu sensibilisieren, was auf dem Spiel steht, wie wertvoll der Wald für Menschen und Tiere ist.

Raus aus der Willersinn‘schen Grube und zurück auf dem Waldweg sind es nur wenige hundert Meter, bis Rudolf Keil stehen bleibt. „Hier soll das neue Abbaugebiet anfangen.“ Er streckt die Arme aus, deutet auf das Gelände vor sich. Genau dort habe der Forst in den vergangenen zwei bis drei Jahren entsprechende Lebensbedingungen für den im Eulerwald ansässigen Ziegenmelker geschaffen. Der aus Afrika stammende Vogel braucht Lichtungen, außerdem Platz zum Brüten auf dem Boden. Vorbei am Ziegenmelker-Revier geht es durch ganz unterschiedlich beschaffene Waldstücke. Rudolf Keil hält erneut inne. „Hier zum Beispiel wachsen Kiefern, junge Buchen und Birken.“ Ein Stück weiter, Keil zeigt die Richtung an, ist ein Eichenwald. Auch einen Buchenwald gibt es. Keil schätzt, dass die Buchen dort über 100 Jahre alt sind. „Die sind sehr wertvoll.“

Der Spaziergang führt ihn noch tiefer in den Eulerwald, unter dem dichten Blätterdach der Bäume hindurch. Dabei hat der Naturschützer alles im Blick. Der Wald, der – sollte es tatsächlich zum erneuten Quarzsandabbau kommen – weichen müsste, sei ein sehr vielfältiger. „Das heißt auch, dass hier viele verschiedene Tiere finden, was sie zum Leben brauchen.“ Rudolf Keil hebt den Arm, weist nach rechts. Das zum Beispiel, das sei Schwarzspechtgebiet. Aber auch Grau-, Bunt- und Mittelspecht, Hohltaube und Bussard leben im Eulerwald. Immer wieder, erzählt Keil, seien auch Fledermäuse zu beobachten. „Wir haben hier noch sehr viel Natur.“ Aber wenn der Abbau kommt, müsse das alles weg, sagt Keil und befürchtet nach wie vor, dass der Fall tatsächlich eintreten könnte. In der jüngsten Stadtverordnetenversammlung haben die Parlamentarier zwar entschieden, dass der Magistrat die Planungen für den Sandabbau im Eulerwald nicht weiter vorantreiben soll. Letztlich liegt die Entscheidung darüber aber in erster Linie beim Regierungspräsidium Darmstadt. „Ich glaube nicht daran, dass das Thema vom Tisch ist“, sagt Rudolf Keil und hat einfach kein Verständnis dafür, dass wirklich in Erwägung gezogen wird, all das, was den Eulerwald ausmacht, aufs Spiel zu setzen.

Der Naturschützer verlässt den Weg, steht dann inmitten mächtiger Bäume mit dickem Stamm, es sind wieder Buchen. Er schaut sich um. „Das sind Momente, in denen ich mir denke: Leute, schaut euch das doch an.“ Für Keil hat der Wald eine besondere Bedeutung, er schenkt Erholung und Ruhe. Das, so hofft er, wird auch noch denen bewusst, die den Quarzsandabbau befürworten. „Wir leben von heute auf morgen. Aber was ist, wenn in 50 Jahren kein Baum mehr da ist?“ Langfristiges Denken, das vermisst Rudolf Keil in Dietzenbach.

VON LENA JOCHUM

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare