Wenn Jugendliche nur noch digital leben

Experten zeigen Dietzenbacher Jungen und Mädchen Wege aus der Internetsucht

Computerspiele sollen Senioren fit halten
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Videospiele werden laut Psychologen so konzipiert, dass sie Jugendliche bei der Stange halten.

Chatten, surfen, spielen, alles klingt harmlos und ist bei Jugendlichen fester Teil des Lebens. Doch nicht immer ist die Nutzung der Internetmöglichkeiten dienlich oder gar harmlos. Eine sogenannte Internetsucht wird diskutiert, auch wenn zumindest im europäischen Raum die Klassifizierung innerhalb der Suchterkrankungen noch offen ist.

Dietzenbach – So kann auch das Team des Suchthilfezentrums Wildhof (SHZ) mit Beratungsstelle in Dietzenbach ein Lied davon singen, was passiert, wenn Videospiele, Streaming, also die Übertragung von Video- oder Audiodaten, oder digitale pornografische Inhalte zum Lebensmittelpunkt werden. 71 Ratsuchende, davon 29 direkt Betroffene im Alter von zwölf bis 20 Jahren und 42 Angehörige haben vergangenes Jahr die Beratungsstelle zum Thema „Internetsucht“ aufgesucht.

„Die Angehörigen spielen eine wichtige Rolle, oft spüren sie das Problem früher als diejenigen, die darunter leiden“, sagt Mechthild Rau, Vorstand des Suchthilfezentrums. Kritisch sei die Situation, wenn die digitalen Angebote keine anderen Aktivitäten im Leben mehr zulassen. „Wir haben Diagnosekriterien, um festzustellen, ob wirklich eine Sucht vorliegt“, sagt Rau. Dabei geht es um Fragen wie: „Wie viel Raum nimmt das Internet ein?“, „Wie oft beschäftige ich mich gedanklich damit?“ oder „Bin ich nervös oder gereizt, wenn ich es nicht nutzen kann?“ Gerade Eltern wollten oft wissen, ob eine bestimmte Stundenzahl der Nutzung riskant sei. Daran könne man das Ausmaß einer möglichen Sucht aber nicht festmachen, betont Rau. „Es kommt darauf an, wie tief das Verhalten bereits in das Leben des Betroffenen eingedrungen ist.“ Gerade bei den Spielmöglichkeiten ließen die Jugendlichen sich zeitraubend binden. „Die Industrie steckt Milliarden von Euro in die Entwicklung von Produkten, die ein Suchtpotenzial bereits in sich tragen“, weiß Ulrich Gremm, therapeutischer Mitarbeiter beim SHZ. Mit Hilfe von Psychologen werde so immer wieder ein Anreiz geschaffen, um die jungen Nutzer bei der Stange zu halten.

Die Folgen einer Internetsucht seien vielseitig, erzählen die Fachleute. Die Auswirkungen reichen von Depression, sozialen Ängsten und ADHS bis zu Haltungsschäden, Augenproblemen oder Kopfschmerzen. Solcherlei Beschwerden kennt auch Thies Häfner, der mit seinem Kollegen Bülent Aynal eine Praxis für Kinder- und Jugendmedizin in der Kreisstadt führt. „Eine regelrechte Sucht erleben wir selten, dafür sind unsere Patienten meistens zu jung“, sagt er. Eine entsprechende Nachfrage gehöre aber zur Vorsorgeuntersuchung, die mit zwölf Jahren ansteht. Falle den Ärzten etwas auf, stehe meist zuerst ein Gespräch mit den Eltern an. „Wir weisen darauf hin, dass es auch zu Suchtverhalten kommen kann, können allerdings nur tätig werden, wenn eine akute Gefährdungssituation vorliegt.“ Grundsätzlich sei bei jungen Patienten aufgrund von Handy-, Tablet- und Computernutzung zunehmend eine Minderbewegung feststellbar. Auch beim Thema Kopfschmerzen gehe die erste Frage nach der Häufigkeit der Handynutzung. Bereits die Kleinsten im Kindergarten mit digitalen Medien vertraut zu machen, ist aus Sicht Häfners ein falscher Weg. „Mit einem Tablet umzugehen, können die Kinder auch später noch lernen, in dem Alter sind da ganz andere Sachen dran.“

Auch die Pädagogen der Ernst-Reuter-Schule wissen um die Risiken des digitalen Lebens. Grundsätzlich ist die Handynutzung an der Bildungsstätte verboten, mitführen dürfen sie diese aber. „Manchmal nutzen wir die Mobiltelefone für Unterrichtszwecke, die Jugendlichen sollen auch den sachgemäßen Umgang damit lernen“, sagt Schulleiter Georg Köhler. Aufmerksamkeit und Prävention stünden immer im Vordergrund. „Wir haben einen Medienschutzbeauftragten, veranstalten einmal im Jahr einen Projekttag und haben auch Kontakt mit dem SHZ“, teilt Köhler mit. „Und es gibt vor allem beim Thema Mobbing Null Toleranz, das melden wir der Polizei.“

Um aus einer Suchtspirale rauszukommen, müssten die Jugendlichen ihre Situation erkennen und verändern wollen. Mit einem Konzept, das auch Gruppenarbeit vorsieht, arbeitet das SHZ anhand von zehn Modulen, die unter anderem Risikosituationen analysieren und eventuelle Rückschritte aufgreifen. „Es geht darum, die verschiedenen Säulen im Leben wieder aufzubauen, Leben braucht Vielfalt, Ausgewogenheit und Balance“, sagt Mechthild Rau. (Von Barbara Scholze)

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