Wenn Männer prügeln

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Behörden registrieren immer mehr Gewalt in Familien. Fast alle Opfer sind Frauen, die vom Partner geschlagen werden.

Über prügelnde Ehepartner wurde lange nicht offen gesprochen, mittlerweile ist „Häusliche Gewalt“ kein Tabuthema mehr. Die Übergriffe verüben meist Männer, selten werden auch Frauen gewalttätig. Von Peter Schulte-Holtey

Oft schämen sich die Opfer, wollen nicht, dass die Taten bekannt werden. Sozialpädagoge Thomas Quiring (Tel.: 06074/8276-0) bietet jetzt in Dietzenbach im Beratungszentrum-Mitte des Diakonischen Werks Anti-Gewalt-Beratung für Männer an. 749 Übergriffe registrierte die Polizei allein 2008 für Stadt und Kreis Offenbach (2007: 455 im Kreisgebiet). Er geht von einem großen Dunkelfeld aus. Mit Diethelm Sannwald, Leiter  des  Beratungszentrums, und Thomas Quiring sprach unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey.

Wird mehr über Gewalt in Familien gesprochen?

Ja! Es ist endlich in das Blickfeld der Gesellschaft gerückt. Unter anderem schon allein durch die massive Arbeit der Frauenunterstützungseinrichtungen, die einen langen Atem bewiesen haben und auch weiterhin beweisen. Das Thema wird behandelt. Wir müssen als Gesellschaft etwas gegen „Häusliche Gewalt“ tun, jeder auf seinem Feld. Das Beratungszentrum Mitte bietet daher Männern Beratung, um sich mit ihrer Gewaltbereitschaft gegenüber ihrer Partnerin auseinanderzusetzen. Nach dem Motto: Abweichendes Verhalten verstehen, aber nicht akzeptieren.

Wo fängt denn Gewalt an?

Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten, da der Übergang von Streitigkeiten und Gewalt fließend ist. Ob es sich schon um „Häusliche Gewalt“ handelt, wird man eher abschätzen können, wenn man sich mit dem eigentlichen Begriff auseinandersetzt. Im Allgemeinen liegt Gewalt vor, wenn das Handeln eines Menschen gegen den Willen seines Gegenübers erfolgt, mit dem Ziel einer Verletzung, einer Demütigung, einer Ausgrenzung u.a., keinen Regeln folgt und kein Schiedsrichter vorhanden ist. Um den Begriff der „Häuslichen Gewalt“ abzugrenzen, ist es wichtig, dass sie nur unter Erwachsenen in einer bestehenden, sich in Auflösung befindenden oder beendeten Paarbeziehung, stattfindet. Dabei ist es gleichgültig, ob sich das Paar in den eigenen vier Wänden aufhält oder nicht.

Sie sprechen also über körperliche Übergriffe?

Die Erscheinungsform ist vielseitig. So geht nicht nur die klassische physische oder sexualisierte Form. Von den Tätern werden auch andere Formen angewandt. Hier spreche ich die psychische Form wie zum Beispiel die verbalen Attacken, die Erniedrigung oder die Verunglimpfungen an. Auch das Einsperren in die eigene Wohnung bzw. Kontaktverbot zu anderen Menschen und damit folgend eine Ausgrenzung vom sozialen Leben ist „Häusliche Gewalt“. Vergessen darf man dabei auch nicht die wirtschaftliche oder ökonomische Variante. Dabei kommt keine Form alleine daher; es werden immer mehrere gleichzeitig auftreten. Letztendlich geht es für den Täter doch um Machtausübung.

Die schlimmste Folge ist der Tod des Opfers...

„Häusliche Gewalt“ kann auch andere körperliche Auswirkungen haben. Genannt seien hier nur Knochenbrüche, Hirnschädigungen, Narben und Entstellungen, Unterleibsverletzungen, erzwungene Abtreibungen. Daneben stehen die psychischen Folgen wie Angststörungen, Depressionen, Neigung zum Selbstmord, psychosomatische Störungen, Beziehungsstörungen um nur einige zu nennen. Bei einer Trennung kommen möglicherweise die wirtschaftlichen Folgen für das Opfer dazu.

Und die Familie?

„Häusliche Gewalt“ hat natürlich auch Auswirkungen auf die gesamte Familie, denn die Kinder bekommen die Gewaltanwendungen mit und sind so indirekt Opfer. Gerade für Jungen können schlagende Väter zu einem fatalen männlichen Rollenvorbild werden, welches dann unter Umständen auch im Erwachsenenalter nachgeahmt wird. Angesichts dieses Hintergrunds ist die Beratungsarbeit mit betroffenen Tätern immer auch ein Beitrag zum Schutz der Kinder.

Warum wurde Ihre Stelle geschaffen? Hat sich die Situation in der Region zugespitzt?

Wir haben gehandelt, weil es bislang kein verbindliches Beratungsangebot für diese Zielgruppe in unserem Bereich gab. Und zwar bei einer anhaltend hohen Zahl von angezeigten Fällen. 2007 waren das 455 Fälle im Kreisgebiet; in 60 Prozent der Fälle waren Kinder in der Familie. Und dabei handelt es sich nur um das in Fachkreisen sogenannte „Hellfeld“, also Fälle, die zur Anzeige kamen und dadurch erst Eingang in öffentliche Statistiken fanden. Bei Experten wird davon ausgegangen, dass es ein großes Dunkelfeld gibt, welches statistisch überhaupt nicht erfassbar ist, weil eben nur ein Teil der Fälle dieser Gewalt-Form zur Anzeige kommt.

Opfer trennen sich oft nicht von Tätern

Und jetzt will man vermehrt die Männer ansprechen...

In Fachkreisen ist die Erkenntnis gewachsen, dass das mittlerweile gut aufgestellte und gut organisierte Unterstützungsangebot für Opfer „Häuslicher Gewalt“, also für die Frauen, nur eine Seite der Medaille ist und es eben auch einer hilfreichen Intervention auf Seiten der Täter bedarf. Zumal viele Opfer sich eben nicht dauerhaft von ihren schlagenden Männern trennen, sondern die Beziehung weiterführen und somit erneut gefährdet sind, solange sich am Konfliktverhalten des Partners nichts geändert hat. Gute Vorsätze gibt es da zwar oft, aber die halten erfahrungsgemäß nicht lange.

Sicherlich ist es nicht einfach, die Männer zu erreichen, Herr Quiring...

Bei meiner Arbeit kommt es auf eine gute Kooperation mit Polizei, Justiz, Frauenunterstützungseinrichtungen und anderen Behörden an. Ohne diese Zusammenarbeit kann die Arbeit nicht klappen.

Viele kommen auf Weisung?

Ja - oder aufgrund von Auflagen durch das Gericht oder Staatsanwaltschaft, wegen der Auflage im Rahmen des Strafvollzugs, wegen der Bewährungsauflage oder wegen der Vermittlung durch andere Beratungseinrichtungen und weiteren Institutionen. Ein geringer Teil kommt durch Eigeninitiative. Im Einzelsetting, zwölf Treffen, und/oder Gruppensetting, etwa 20 bis 25 Treffen, wird dann die vorrangige Motivation erarbeitet. Der Täter muss mitbekommen, dass es Vorteile hat, gewaltfrei zu leben. Aus diesem Grund werden mit ihm Handlungsalternativen für die Konfliktbewältigung erarbeitet. Natürlich kann dies erst geschehen, wenn er sich intensiv mit seiner Gewaltbereitschaft auseinander gesetzt hat. Hier wird es um die eigentliche Tat, die Folgen und seine Vergangenheit gehen.

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