Wenn der Zeitgeist auftrumpft

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Jürgen Winter präsentiert seine Sammelobjekte.

Dietzenbach - Wer Quartettkarten sammelt, braucht jeweils vier gleiche davon. Wer Quartettspiele sammelt, kann es über die Jahre auf eine Stückzahl von 4600 bringen. Von Volker Hofmann

In diesem Bereich bewegt sich jedenfalls die Anzahl der technischen Quartettspiele, die der Dietzenbacher Jürgen Winter inzwischen sein Eigen nennt. Nach Hersteller und Erscheinungsjahr sortiert, erzählen die Karten mit Autos, Schiffen, Flugzeugen und vielen anderen Motiven Geschichten aus einer anderen Ära.

„Jedes Quartett ist Ausdruck seines eigenen Zeitgeists“, sagt Winter. Auch wenn viele Kinder das Spiel wegen seiner „Trumpf-Funktion“ ins Herz geschlossen hätten, seien doch die ersten Spielkarten mit einem durchaus pädagogischen Anspruch verlegt worden. Diese Quartette erschienen auch nicht – wie inzwischen fast ausschließlich – mit bunten Bildern von Traumautos. Die ersten Sets waren geschmückt von Dichtern, ihren Werken oder von geografischen Informationen über deutsche Städte. Spielend und langsam sollten die Kinder an wichtige Themen herangeführt werden.

Der unbändige Fortschrittsgedanke der Wiederaufbaujahre und die erstarkende Kaufkraft der D-Mark brachte dann die motorisierten Kinderträume in den Fokus der Spielkartenhersteller, erzählt Winter. In den frühen 50er Jahren war es so weit: Das erste Autoquartett wurde auf den Markt gebracht. Es sollte der Jugend die bunte Welt der Automobile näher bringen. Es dauerte wohl nicht lange, bis die spielbereiten Kinder den lehrenden Anspruch übersahen und versuchten, sich gegenseitig mit den Daten ihrer heißen Schlitten zu überbieten. Das Trumpfspiel, wie es heute immer noch gespielt wird, war geboren.

Jagd nach immer neuen, alten Quartetten

Die Verlage erkannten schnell den neuen Markt für ihre Karten und begannen in den 60ern, das Quartett mit diesen Regeln zu vermarkten. In den 70ern nahm die Vielfalt unter den Spielmotiven weiter zu. Die Daten von Motor- sowie Segelyachten aber auch von Flugzeugen und Airlines konnten ab dann gegenseitig überboten werden.

Trotz dieser Veränderungen in der Aufmachung des Spiels gab es eine Konstante, versichert Winter: Die ewige Frage, wann welche Eigenschaft besser oder schlechter sei. Ein niedrigerer Preis zum Beispiel macht das Traumauto zwar erschwinglicher, aber führt zu dem Problem, dass dann die kleinere Zahl trumpfen würde.

Jürgen Winter laufen aus drei Arterien Blut in sein Sammlerherz und treiben ihn an, auf der Jagd nach immer neuen, alten Quartetten. Zunächst steht für ihn der künstlerische Aspekt im Vordergrund. Die Bilder der ersten Spiele waren noch weit entfernt von den hochauflösenden Grafiken der modernen Karten. Sie waren noch in Schwarz-Weiß gehalten und wurden erst später nachkoloriert. Was wie eine Nebensächlichkeit wirkt, hatte damals aber weitreichende Folgen, wie die Geschichte des Baustellenfahrzeugs Mercedes-Benz LAS 2220 anschaulich erzählt. In der ersten Auflage eines Lkw-Quartettes war der gesamte Laster noch in einem adretten Pink gehalten, erst auf Intervention der Stuttgarter Konzernführung wurde in der zweiten Auflage das Führerhaus grün und die Ladefläche braun koloriert. Den Beweis hält Winter in seiner Sammlung parat.

Quartet erzählt Geschichten

Der zweite Aspekt, der seine Sammelleidenschaft beflügelt, ist der in Kartenform gedruckte Zeitgeist. Auf die Frage, welches Quartett er mit auf eine einsame Insel nehmen würde, nennt Winter ein Spiel über das Bauen von hochseetüchtigen Tretbooten. In Ermangelung dessen würde sich der Dietzenbacher allerdings für ein besonderes Schmuckstück aus dem Jahr 1965 entscheiden. Das Quartett über Schiffe, das gleich als Zeitzeuge für zwei Geschichten herhalten kann.

Die erste Geschichte beginnt mit dem Titelfoto, das den amerikanischen Flugzeugträger U.S.S. Enterprise zeigt, der 1964 als erstes Schiff die Welt umrundete, ohne nachtanken zu müssen – dem Atomreaktor sei Dank. Das Besondere: Das Cover hat es selbst nicht ins Spiel geschafft.

Die andere Geschichte erzählt das Seebäderschiff Helgoland, das kurz nach dem Erscheinen des Quartetts als Hospitalschiff seinen humanitären Beitrag zum Vietnamkrieg leisten musste. Als Winter im Jahr 1965 nach den Osterferien eingeschult wurde, landete das Kartenspiel in vielen Schultüten, so auch in der von Jürgen Winter.

Auf dem Flohmarkt fing es an

Der dritte und letzte Aspekt der Sammelleidenschaft bezieht sich auf die abgedruckten, technischen Einzelheiten. „Kein anderes technisches Datenblatt weiß so zu begeistern wie die Trumpfkarten“, sagt Winter.

Angefangen hat seine Leidenschaft auf dem Dietzenbacher Flohmarkt, dort fiel Winter ein altes Spiel aus Kindertagen in die Hände. Mit einem Lächeln, das sehr spitzbübisch wirkt, erzählt er, wie ihn seine Frau noch eindringlich warnte, keine neue Sammlung anzufangen, aber sein Herz hatte er da schon verloren.

Als Quelle neuer Quartette kann der Flohmarkt aber nicht mehr herhalten. Zu speziell ist inzwischen der Markt. In den meisten Fällen ist das Internetauktionshaus E-Bay der bevorzugte Marktplatz, erläutert Winter, aber auch spezialisierte Internetseiten und Foren böten Wege zum Karten-Austausch.

Die aktuellen Quartette interessieren ihn hingegen weniger. „Das veränderte Design und das neue Format der Datenliste lassen den Charme der Vorgänger vermissen“, bedauert der Dietzenbacher. Aber auch ohne moderne Modelle wäre sein Schatz sicherlich ein hoher Trumpf, sollte es eines Tages mal ein Quartett über Sammlungen geben.

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