„Wir tappen völlig im Dunkeln“

Unbekannte zerstören Hochsitze 

Jäger Dieter Dracker vor einem zerstörten Hochsitz an einem Maisfeld im Westend.

Dietzenbach - Zwei Hochstände im Westend haben Unbekannte in den vergangenen Wochen zerstört. Und nicht nur das. Was die Motive sind, darüber ist sich Jäger Dieter Dracker völlig im Unklaren. Von Ronny Paul 

Dieter Dracker ist seit sieben Jahren Jäger. Das, was in den vergangenen Wochen passiert ist, hat er nach eigener Aussage in all der Zeit noch nicht erlebt. Unbekannte haben zwei von zehn Hochsitzen in dem rund 250 Hektar großen Jagdbezirk 4, das von der Schilflache in Steinberg bis kurz vor Götzenhain reicht, zerstört. Was zunächst nach einem Jugendstreich klingt, scheint tiefer motiviert zu sein. Dracker berichtet, zunächst hat er Kot in einem der Fütterungskästen entdeckt – anschließend entsorgt und einen neuen Kasten für die Tiere aufgestellt. Tage später das gleiche Bild: Kot auf einem der Hochsitze. „Merkwürdigerweise immer am Wochenende“, sagt der Inhaber des Autohauses Dracker an der Assar-Gabrielsson-Straße. So auch bei den zerstörten Hochsitzen an einem Maisfeld im Westend, zwischen Frankfurter Straße und Friedwald. Dracker schildert: „Wir haben einen Hochsitz neu aufgebaut, nach drei Tagen war dieser abgesägt.“ Zusammen mit seinen beiden Jagdkollegen im Revier 4 hat er die Kanzel wieder aufgestellt. „Am Wochenende darauf war der Hochstand wieder abgesägt.“ Doch damit nicht genug. Die Leiter wurde von den Unbekannten in kleine, etwa 30 Zentimeter große Stücke gesägt und etwa 300 Meter weiter an einer Fütterungsstelle abgelegt, berichtet der Jäger. Wieder an einem Wochenende wurde dann ein zweiter Hochsitz unbrauchbar gemacht. Ein angesägter Hochsitz oder versehrte Treppensprossen seien für die Jäger vor allem im Dunkeln sehr gefährlich, betont Dracker.

Was die möglichen Motive der Täter sein könnten, darüber kann er nur spekulieren. „es gab keine Veränderungen bei uns, wir haben auch keinen wildernden Hund erschossen, gar nichts“. Er zuckt mit den Schultern. Sein Kollege habe seit 50 Jahren einen Jagdschein und solch Vandalismus noch nie erlebt. „Wir haben keine Vermutung und tappen im Dunkeln“, sagt Dracker.

Auf Nachfrage beim Polizeipräsidium Südosthessen sagt deren Sprecher Rudi Neu: „Im Kreis Offenbach werden eher selten Hochsitze zerstört.“ Wenn dann seien das in der Vergangenheit Einzelfälle gewesen. So ist im Februar etwa ein Hochsitz in Heusenstamm abgebrannt. Dort vermuteten die Jäger Brandstiftung, da sie nur wenige hundert Meter von der verbrannten Kanzel eine Art Plakat gefunden haben, auf der Satz „Jagd ist Mord“ stand.

Bei der Polizei hat Dracker den Vandalismus angezeigt, allerdings haben die Beamten sich vor zwei Tagen bei ihm gemeldet und ihm mitgeteilt, dass die Ermittlungen aus Mangel an Beweisen vorläufig eingestellt seien. Was allerdings nicht heiße, dass mögliche Zeugen sich nicht mit Hinweisen an die Polizei wenden sollen. Gebe es neue Erkenntnisse, werde der Fall wieder aufgenommen, betont Neu. Wer also auf den Feldern beziehungsweise am Waldrand zwischen Frankfurter Straße und Friedwald im Westend Verdächtiges beobachtet hat, meldet sich auf der Dietzenbacher Wache unter der Nummer 06074/8370.

Bilder: Diese sieben Tierarten sind in Hessen unerwünscht

Waschbär: Er hat einen Siegeszug hinter sich. Ursprünglich 1934 in Nordhessen ausgesetzt, hat er sich bundesweit verbreitet. Auch in Hessen sind die Tiere fast überall anzutreffen. Jäger dringen zwar immer wieder auf eine Abschaffung der Schonzeit, aber Umweltministerium und Umweltschützer halten dies für sinnlos.

Die Bestände des Waschbären seien durch die Jagd nicht wirklich begrenzbar, erklärt beispielsweise der Naturschutzbund (Nabu). Der wichtigste Faktor seien Nahrungsangebot und Lebensraumbedingungen. Der Waschbär sei in Hessen schon so weit verbreitet, dass er als heimisch gelten könne.

Roter Amerikanischer Sumpfkrebs: Wie andere Krebsarten ist auch diese in die freie Natur gelangt, weil einzelne Exemplare ausgesetzt wurden oder aus einer Haltung entkamen. Die Art mit charakteristischen roten Dornen an den Scheren ist der weltweit meistgezüchtete Süßwasserkrebs.

Die bis zu 15 Zentimeter großen Allesfresser verdrängen mit ihrer hohen Vermehrungsrate nicht nur einheimische Tiere, sie verbreiten auch eine für diese gefährliche Krankheit, die Krebspest. Die Sumpfkrebse selbst sind dagegen immun. Zudem stehen sie in Verdacht, einen Pilz zu übertragen, der für Amphibien gefährlich ist. In Frankfurt und Offenbach wurden Exemplare schon in Badessen und einem Freibad entdeckt.

Blaubandbärbling: Der kleine Zierfisch stammt aus China und Ostasien und gelangte zwischen den 1960er und 1980er Jahren nach Deutschland, vermutlich mit der Einfuhr von Graskarpfen. Vor allem Aquarianer und Naturschützer sorgten für seine Verbreitung, sagt der Sprecher des Verbands Hessischer Fischer, Günter Hoff-Schramm.

In guter Absicht, damit der Eisvogel auch im Winter etwas zu fressen habe, hätten beispielsweise Vogelschützer die maximal zehn Zentimeter großen Blaubandbärblinge gekauft und ausgesetzt. Und so mancher Aquarianer schütte seine Zierfische ins Süßwasser, wenn sie ihm zu groß oder langweilig würden. Der Blaubandbärbling vermehre sich überproportional und nehme einheimischen Fischen die Nahrung weg.

Nutrias: Spaziergänger verwechseln die niedlichen Nager mit Knopfaugen und Überbiss häufig mit Bibern - doch Nutrias stammen eigentlich aus Südamerika. Mittlerweile fühlen sie sich fast überall in Deutschland zu Hause.

Die Biberratten werden bis zu 65 Zentimeter lang und bis zu zehn Kilogramm schwer. Bei dieser Größe entwickeln sie nicht nur einen gehörigen Appetit und fressen einheimischen Tierarten das Futter weg, sie haben auch kaum natürliche Feinde. Hinzu kommt, dass Nutrias bereits mit sechs Monaten geschlechtsreif sind und theoretisch dreimal im Jahr einen Wurf mit bis zu sechs Jungtieren haben können.

Nilgans: Die aus Afrika stammenden Vögel mit dem charakteristischen dunklen Augenfleck wurden vergangenes Jahr von der EU auf die Liste invasiver Arten aufgenommen; sie kommen hessenweit vor. Wohl fühlen sie sich beispielsweise am Mainufer, in den Parks und sogar den Schwimmbädern Frankfurts.

Vergangenes Jahr wurden in Frankfurt zur Abschreckung einige Tiere erschossen, weil der Kot der Tiere das Wasser und die Liegewiesen verunreinigte. Das gleiche Problem gibt es auch in den Parks; die Stadt setzt hier in einem Pilotprojekt auf einen speziellen Sichtschutzzaun, um die Tiere vom Wasser abzuhalten. Nach Angaben des hessischen Umweltministeriums werden Maßnahmen gegen die weitere Ausbreitung der Vögel gerade bundesweit abgestimmt.

Grundeln: Die bis zu 20 Zentimeter großen Grundeln sind nach Einschätzung der Fischer das größte Problem für das hessische Süßwasser. Die Fische gelangten im Frachtwasser großer Transportschiffe aus dem Donaugebiet in den Main und machten sich über den Laich etwa der Weißfische her. "Die sind dadurch merklich reduziert worden", sagt der Sprecher des Verbands Hessischer Fischer.

Die Grundeln seien im Main und seinen Nebenflüssen sowie in der Lahn stark verbreitet. Das Problem sei seit etwa zehn Jahren bekannt, seit rund fünf Jahren machten sich die Zander - bodennahe Raubfische - über die Grundeln her. Die Amurgrundel steht auf der Liste invasiver Arten, nicht aber die Schwarzmeergrundel. "Sie darf nach europäischem Recht nicht gelistet werden, weil sie im Donaudelta in Europa natürlicherweise vorkommt", heißt es im Umweltministerium.

Chinesische Wollhandkrabbe: Die chinesische Wollhandkrabbe ist eine ursprünglich im Reich der Mitte beheimatete Krabben-Art. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde sie nach Europa eingeschleppt. Laut Fischerei-Experten gelangten die Krabben mit dem Ballastwasser von Handelsschiffen in Elbe und Weser. Von dort breiteten sie sich rasch aus.

Ärgerlich: Mit ihren scharfen Scheren zerschneidet die Wollhandkrabbe die Netze der Fischer, so dass der Hauptfang verloren geht. Auch Reusen können sie beschädigen, oder sie fressen Teile des Fangs. Natürliche Feinde haben die bis zu 30 Zentimeter großen Tiere nicht. Aber: Es gibt auch Köche, die die Krabben-Art auf den Teller bringen.

Er wolle aber nicht aufgeben, die Hochsitze wieder aufbauen. Natürlich mit privatem Geld, sagt Dracker. Einen Hochsitz zu bauen, kostet die Jäger rund 200 bis 500 Euro. Und schließlich sind die Jäger für die Pflege der Wildtiere und ihrer Lebensräume zuständig. Zu den wichtigsten Aufgaben gehören die Bestandsregulierung und die Bekämpfung von Tierkrankheiten oder Schädlingen. So achten sie derzeit darauf, dass die afrikanische Schweinepest in der Gegend nicht ausbricht. Daher dürfe bei Wildschweinen aktuell der Bestand reduziert werden, sagt der passionierte Jäger.

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