Seit einem halben Jahr hat das Boxprojekt neuen Leiter

Zwei Fäuste für den Lebenslauf

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Hossein Mehranfard (Achter von rechts) genießt bei den Teilnehmern des Boxcamps großen Respekt. Auch bei Barah Zabar (unten), der bald bei den Hessenmeisterschaften antritt.

Dietzenbach - Hossein Mehranfard ist seit einem halben Jahr städtischer Streetworker und Leiter der Boxprojekts. Wie sein Vorgänger Patrick Karger erwartet er mehr als bloß sportlichen Ehrgeiz. Von Christian Wachter 

Im Büro von Hossein Mehranfard gibt es ein Kommen und Gehen. Kaum ist der eine junge Besucher raus zu Tür – nachdem er freundlich Hallo gesagt hat – kommt auch schon der nächste. Höflichkeit und Respekt, das vermittelt Mehranfard seinen Schützlingen unentwegt, sind wichtige Tugenden. Seit etwa einem halben Jahr ist er Leiter des Boxprojekts, einer Kooperation zwischen Stadt und SG Dietzenbach an der Max-Planck-Straße, und damit Nachfolger von Patrick Karger. Fremd sind ihm die Geschichten vieler junger Boxer nicht. 1989 kam er als Flüchtling mit neun Jahren aus dem Iran nach Deutschland, lebte zuerst in Bayern und hat sich das rollende „R“ von dort bis heute erhalten. Er war schon bei den Anfängen des Dietzenbacher Boxprojekts dabei, wechselte dann ins Frankfurter Gallusviertel, und ist nun wieder zurück.

Klares und korrektes Deutsch, das sei ihm wichtig. „Kein ‘läuft bei dir’ oder ‘Digger’ und ‘Alter’, sagt er, während er einen Papierstapel auf seinem Tisch durchblättert. Es sind die Zeugnisse der Kinder und Jugendlichen, die regelmäßig zu ihm kommen. Das Boxprojekt versteht sich als umfassendes präventives Angebot, das konkret auch auf die Bedürfnisse jener jungen Menschen eingeht, denen es an Freizeitbeschäftigung mangelt und die vielleicht auch Erziehungsdefizite mitbringen.

Der schulische Erfolg ist da ein wichtiger Baustein. Deshalb gilt: Zu Beginn darf jeder Teilnehmer zweimal die Woche ins Boxtraining kommen. Wer das Angebot ein drittes Mal nutzen möchte, muss mit verbesserten Noten überzeugen und sich, wenn es nicht so läuft, in der Hausaufgabenhilfe zeigen. Um zu verdeutlichen, wie alles zusammenhängt, hat der Boxtrainer mit A-Lizenz eine Schautafel gebastelt. Drei Boxhandschuhe sind darauf gedruckt, auf dem ersten steht „Familie, Freunde, soziale Beziehungen“, auf dem zweiten „Sport, körperliche Aktivität, Fitness“ und auf dem dritten „Schule, Ausbildung, Bildung, Arbeit.“ Im Leben sei das schließlich wie beim Boxen: „Wenn die Deckung nicht oben ist, wirst du bestraft.“ Umfassend, das bedeutet für den gebürtigen Iraner aber auch die regelmäßige Absprache mit Schulsozialarbeitern oder der Polizei.

Ohne sportliche Erfolge, ist sich Mehranfard sicher, wären solche Projekte dann aber doch nur schwer möglich. Gut, dass das Boxprojekt bei den kommenden Hessenmeisterschaften über die SG gleich zwei Boxer ins Rennen schickt. Und auch, wenn sich beim Training am Abend rund 30 Kinder und Jugendliche einfinden, so sind die potenziellen Landesmeister doch schnell ausgemacht.

Denn nur, wer sich durch seine Leistungen ein blaues T-Shirt erarbeitet hat, gilt als Kämpfer und darf an Wettkämpfen teilnehmen. Im Training stehen sie deshalb größtenteils auch im Ring, trainieren mit Sparringspartnern und werden von Mehranfard besonders begutachtet. „Positioniere deinen Oberkörper richtig“, „such deine Chance“, „jetzt muss die Aktion kommen“, hallt es durch den Ring. Barah Zabar ist einer der beiden, die aus den Reihen des Boxprojekts bei den Meisterschaften antreten. Mit seinen 18 Jahren gehört er zu den Älteren in der Halle. Als er anfing, war er in der siebten Klasse und „nicht gerade der beste Schüler“. Heute geht er aufs Gymnasium. „Das hier ist mein Wohnzimmer und Boxen kein Sport mehr, ich liebe es einfach.“

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Nicht wenige eifern Zabar nach, Dijamant zum Beispiel. Er ist erst zwölf Jahre alt, hat aber schon bei einem Wettkampf mitgemacht. Er reist zum Training immer aus Nieder-Roden an. Wenn ihn die Eltern nicht fahren können, dann mit dem Fahrrad. „Ich will auch mal bei Meisterschaften boxen, bin aber auch hier, damit ich meine Aggressionen herauslassen kann und nichts anstelle“, meint er. Bei diesem Ziel helfen möchte Hassan Khateeb. Einer von drei Trainern, die Hossein Mehranfard abwechselnd unterstützen. Ohne diese meist ehrenamtliche Hilfe sei ein Training mit so vielen Teilnehmern nicht zu stemmen, lobt der Leiter. Khateeb musste er nicht lange bitten. Der Lehrer aus Rodgau ist überzeugt, dass er helfen kann. „Ich habe schon viele Teilnehmer gesehen, die hierdurch eine Ausbildung bekommen haben.“

Wenn das Training vorbei ist, helfen alle beim Aufräumen. Das fordert Mehranfard ein, vermittelt, dass das eine Selbstverständlichkeit ist. Genau wie der Umgang mit dem Material. Die Handschuhe etwa sind schon einige Jahre alt und sehen aus wie neu. Noch nie ist einer weggekommen. „Es ist das Erste, was ich Neulingen beibringe – das ist unser Zuhause.“ Willkommen ist jeder, der sich an die Regeln hält. In seiner zweiten Rolle, als Streetworker in der Robert-Koch-Straße, spricht er die Kinder und Jugendlichen auch direkt an. Es seien viele Osteuropäer darunter, meint er. Und je mehr Kulturen, Religionen und Schichten aufeinanderträfen, desto besser. Davon, dass das Boxen junge Menschen dazu verleiten könnte, auf der Straße auszuteilen, will er nichts wissen. „Studien belegen, dass sie ruhiger und selbstbewusster werden – oft fragen mich Eltern, was ich nur mit ihrem Kind gemacht habe, wenn es heimkommt und nur noch ins Bett will.“

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