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Rundgang zu religiösen Spuren in der Dietzenbacher Altstadt

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Von: Lisa Schmedemann

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Verräterisches Mauerwerk in der Pfarrgasse: Stadtführer Dagobert Dobrowolski deutet auf den Eingang zu einem Bunker unter dem Kirchhof.
Verräterisches Mauerwerk in der Pfarrgasse: Stadtführer Dagobert Dobrowolski deutet auf den Eingang zu einem Bunker unter dem Kirchhof. © liz

Zweimal verschoben und nun bei bestem Wetter nachgeholt: Die Kolping-Familie St. Martin hat zu einem Altstadt-Rundgang mit Heimatforscher Dagobert Dobrowolski eingeladen. Der Fokus lag dabei aber nicht auf der Historie des Dorfes. Die Teilnehmer bewegten sich diesmal „auf religiösen Spuren“ unter dem Titel „Von Christus, dem Teufel und Wilden Männern“. Wie dieser Name schon andeutet, startete die „Pilgerschaft“ an der Christuskirche an der Darmstädter Straße.

Dietzenbach – Vor dem Haupteingang zum Kirchhof lohnt es sich, innezuhalten und den Blick auf Details zu lenken. Auf den Säulen, die den Eingang säumen, befinden sich zwei schuppige, spitz zulaufende Skulpturen. Der Referent bezieht die Teilnehmer mit ein: „Was, vermutet ihr, stellt das dar?“ Nach ein wenig Grübeln, welches religiöse Zeichen sich dahinter verbergen könnte, lauten erste Vermutungen „Hopfen“ oder „Tannenzapfen“. Letzteres ist der heißere Tipp. Dobrowolski klärt auf: „Es handelt sich dabei um Pinienzapfen, weil diese besonders viele Kerne beinhalten.“ Diese stehen wiederum für Fruchtbarkeit und für die Ewigkeit. Stilisierte blühende Pflanzen zieren die Säule – ein Verweis auf den Garten Eden. „Schon am Tor wird uns also gesagt, dass wir an diesem Ort Gott nahekommen können“, erläutert der Heimatforscher.

Ob damals der Teufel seine Finger im Spiel hatte?

Nachdem die Gruppe die Stufen – ein weiteres Symbol, dem Himmel näherzukommen – erklommen und die Kirche betreten hat, liest Dobrowolski die Symbolik des Gotteshauses wie ein offenes Buch: Während der Eingang der 1753 erbauten Kirche sehr düster wirkt, wird der Altar vom Sonnenlicht, das durch die großen Fenster hereinfällt, nahezu erleuchtet.

An der Empore finden sich weitere Pflanzenmotive, die aus der Barockzeit stammen. Der hintere Teil des Schiffs weist romanische und gotische Elemente auf. „An dieser Stelle hat schon einmal ein Gotteshaus gestanden“, erzählt Dobrowolski. Schon im 9. Jahrhundert soll dort eine Kultstätte existiert haben. Um 1634 wurde sie im Zuge des Dreißigjährigen Krieges schwer beschädigt. Ein notdürftiger Interimsbau überstand schließlich schwere Unwetter nicht, sodass man sich 1753 daran machte, den heutigen Barockbau zu errichten, der 1754 geweiht werden konnte.

Seither besuchen Menschen diesen Ort, um etwa Schutz zu suchen. Nur einige Meter weiter unter dem Kirchhof, der bis 1825 als Friedhof gedient hatte, verbirgt sich ein verschlossenes Geheimnis. Aufmerksame Betrachter bemerken in der Kirchhofsmauer eine Unregelmäßigkeit – der Eingang zu einem Bunker, der im Zweiten Weltkrieg nach einem Luftangriff 1941 gebaut worden ist. Ob damals der Teufel seine Finger im Spiel hatte?

Die Gruppe wandert die Darmstädter Straße hinab bis zum „Ausscheller“, der auf ein Grundstück schaut, das einst die Familie Knecht bewohnte. In eben jener „Bombennacht“ vom 20. auf den 21. September wurde das Wohnhaus beschädigt. Ob der Spruch „Ditzebach hat de Krach, do sitzt de Deiwel unnerm Dach“ daher rührt, dass unter dem Dachsparren eine kleine Teufelsfigur auf dem Balken stand, könne nur vermutet werden, so der Heimatforscher. „Vermutlich sollte aber auch das Teufelchen Böses von dem Wohnhaus fernhalten.“ Warum sich die Dietzenbacher dafür ausgerechnet den Teufel ausgesucht haben, sei schwer zu sagen. Abschließend führt Dobrowolski die Gruppe in die Brunnenstraße und macht am Trinkborn halt. Gegenüberliegend eröffnet sich der Blick auf Fachwerkfassaden – die gelesen werden können. So stehen zwei gekreuzte Balken etwa für den Apostel Andreas. Eine andere Deutungsweise kann der griechische Buchstabe Chi sein, der wiederum für Christus steht. „Von beiden hat man sich Schutz erhofft“, erläutert er Stadtführer.

Etwas opulenter kommt jedoch der „Wilde Mann“ daher: Dobrowolski deutet auf Gebälk, das an einen breitbeinig stehenden Mann erinnert, der die Arme weit ausstreckt. Diese mythologische Figur eines großen, behaarten Mannes, der im Wald lebt, stammt aus germanischen Sagen und wurde im Mittelalter in Kunst und Literatur als Motiv aufgegriffen. Im kirchlichen Verständnis dient der Wilde Mann dazu, die Überlegenheit über das Wilde und Niedere zu verdeutlichen – und wird damit ebenfalls zum Schutzsymbol.

Ralf Drücke, Vorstandsmitglied der Kolping-Familie und Organisator, lobt: „Das ist mal was anderes, was man hier erfährt.“ (Lisa Schmedemann)

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