Zwischen Proletariern und Wölfen

Künstler Harro Erhart sortiert sein Lebenswerk und arbeitet an einer Skulptur für den Friedhof in Dietzenbach

Mann hält Krönel fest und bearbeitet einen Stein
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Harte Arbeit: Der 81-jährige Künstler Harro Erhart bearbeitet seine „Fischstein“-Skulptur, die er der „Arbeitsgemeinschaft der Religionen in Dietzenbach“ für den Garten der Religionen auf dem Friedhof schenken wird.

Ein Leben für die Kunst. Anders kann der Werdegang von Harro Erhart gar nicht überschrieben sein. Doch Kunst bedeutet für den ehemaligen Städel-Meisterschüler nicht bloß die Freude, die er Menschen mit seinen Werken machen möchte. Kunst, seine Kunst, hat viele Metaebenen: „Sie ist immer politischer Ausdruck“, mystisch, naturverbunden, in seinem Frühwerk auch religiös – obwohl Erhart sich als Atheist bezeichnet. Aber sie ist vor allem: menschlich.

Dietzenbach – Erhart steht in seinem Garten – weißes Haar, von Handarbeit gezeichnete Hände, tiefe Furchen in der Stirn – hebt einen Krönel mit beiden Händen an und schlägt damit immer wieder auf eine Skulptur ein. Der Krönel wiegt viel, es fällt dem 81-Jährigen sichtlich schwer, sein Werk zu verfeinern. Die harte körperliche Arbeit ist eine Herausforderung. Einen rechtwinkligen Würfel aus Vogelsberger Lavastein hat er nun so weit bearbeitet, dass er keine Ecken mehr hat, „denn Geraden, Winkel und Ecken gibt es in der Natur nicht, nur im Kopf des Menschen“, meint Erhart. Nicht nur seine vielschichtigen Werke regen zum Nachdenken an. Er kann auch mit Worten: „Der Kapitalismus zerstört alles, was ihm nicht zur Ausbeutung dient“, sagt er ganz klar heraus. Er habe auch nie eine Uniform tragen wollen. „Ich bin Pazifist und Antikapitalist.“ Das zieht sich auch durch sein Lebenswerk. Proletarier aus Ton zieren etwa den Eingang zu seinem kleinen Haus. Seine Kunst zeigt die einfachen Menschen.

Erhart bearbeitet weiter den Stein. Der wirkt dynamisch, „ein Wellenlauf nach links“. Das Werk hat der in Frankfurt Geborene, der auf ein lebenslanges soziales Engagement zurückblickt, in den 1980er Jahren über drei Sommer lang mit Patienten in einer Offenbacher Psychiatrie als Beschäftigungstherapie begonnen, aber nie fertiggestellt. Nun hat er das Werk in seinem Garten so gut wie vollendet. Den „Fischstein“, so der Name der Skulptur, möchte er der „Arbeitsgemeinschaft der Religionen in Dietzenbach“ für den Garten der Religionen auf dem Friedhof schenken. Das wäre Erharts erste Skulptur im öffentlichen Raum in Dietzenbach. Ungewöhnlich für einen Künstler, der schon seit 1969 dort lebt und der etwa die Frankfurter Matthias-, die Neu-Isenburger Johannes- oder die Groß-Gerauer Versöhnungskirche mitgestaltet hat. Und der einige Techniken wie die Aufbaukeramik zu seinen Geistesblitzen zählen kann.

Zur Kreisstadt und speziell zum Garten der Religionen passt die Skulptur allzu gut. Nicht nur, weil der Fisch ein in nahezu allen Weltanschauungen bedeutendes Symbol ist, sondern auch, weil die Geschichte, die Erhart dazu angeregt hat, um den Globus führt. „Sockeyes“, Lachse, die im Kamtschatka River geboren werden, dann in den Pazifik schwimmen und in ihrem Leben „dreimal um die Erde ziehen“, bevor sie zum Sterben wieder in ihr Geburtsgewässer zurückkehren, haben Erhart inspiriert, zum dynamischen „Immer weiter“, zu den „Wellen des Lebens“.

Auch wenn Erhart beim Verfeinern seiner Skulptur angesichts des schweren Krönels langsam müde wird, die Geschichte der Sockeyes sprudelt nur so aus ihm heraus, als hätte er die Lachse ein Leben lang begleitet – von Kamtschatka bis Feuerland, von Australien bis zur Beringstraße. Erhart wohnt zwar in Dietzenbach, ist aber auf der ganzen Welt zuhause.

Bereits in den 1960er Jahren hat sich Erhart einen Namen bei verschiedenen Wettbewerben und Ausstellungen und bei der Gestaltung von Kirchen und Plätzen gemacht. Mit seiner „Galerie der Begegnung“ ist er in der längst vergangenen Sowjetunion, in Venezuela oder in Mexiko gewesen. „Ich habe unglaublich viele Menschen kennengelernt.“

Erhart legt den schweren Krönel ab, atmet tief durch und bittet ins Haus. An den Wänden: unzählige Porträts und Akte, Fotografien und Skulpturen, Szenen aus der griechischen oder chilenischen Mythologie – und immer wieder der Proletarier. Der Ausdruck der Menschen in seinen Werken lässt einen nicht los.

Aus einer Schachtel zieht er Plastiktütchen mit Ton hervor, „Farben aus der Erde“, die er sich von überall her mitgebracht hat und als Farbstoff nutzt. Das gibt seinen Werken – und davon gibt es Tausende – eine einzigartige Wärme. Erhart legt die Tütchen zur Seite und greift einen Stapel mit Zeichnungen. Die wolle er alle mal sortieren, sagt er, „dass das, worauf es ankommt, auch erhalten bleibt“.

Darunter fallen auch Erharts wohl meistbeachtete Zeichnungen, die der Wölfe Akbara und Taschtschajnar im gesellschaftskritischen Roman „Der Richtplatz“, die literarische Ouvertüre zur Perestroika des kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatow. Und obwohl die Sprachbarriere den Schriftsteller und den Zeichner trennte, waren sie künstlerisch und menschlich bis zum Tod Aitmatows 2008 eng verbunden. Aitmatow, dessen Liebesgeschichte „Dschamilja“ zur Pflichtlektüre in DDR-Schulen gehörte, sagte einst anerkennend über Erhart: „In seiner Auffassung habe ich wiedererkannt, was ich mir tatsächlich vorstellte, nämlich die Synthese von Glaubwürdigkeit und Mythos. Er hat die Philosophie meiner Werke erfasst.“

Erhart geht zurück zum Fischstein und richtet die Aufmerksamkeit auf ein Lavasteingebilde daneben. „Das Paar in der Trennung“ heißt es, auch dieses könne er sich vorstellen, für den öffentlichen Raum zur Verfügung zu stellen. Für die Menschen. (Von Ronny Paul)

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