„Auf dem Gipfel habe ich geweint“

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Der in Dreieich lebende Bulgare Emil Konstadinov hat ein Buch über seine Bergsteigerei geschrieben. In Bulgarien war das ein Bestseller.

Dreieich ‐ Er wirkt so gar nicht athletisch, eher schmal und drahtig, fast zerbrechlich. Aber vielleicht braucht man einen solchen Körper ohne ein Gramm Fett, um das zu schaffen, was Emil Konstadinov vollbracht hat. Dabei geht es nicht nur um das Bergsteigen, obwohl er darüber gerade ein Buch vorgelegt hat. Von Emil Pathe

Schon als Kind erlebte er viel Leid. „Aufgewachsen bin ich mit geschiedenen Eltern. Schon im Alter von sechs Jahren musste ich ganz schnell erwachsen werden. Damals hat uns mein Vater verlassen“, schreibt er in seinem Buch „Eiger – Traum und Wirklichkeit“. Und weiter: „Die Verantwortung, der Mann im Haus zu sein, lastete schwer auf meinen Schultern und schonte nicht mein verletzliches Kinderherz.“

Er begann 1990 ein Studium in Sofia

Wenn im frühen Schicksal von Emil Konstadinov überhaupt ein Sinn zu erkennen ist, dann der, dass es ihn nicht verzweifeln ließ, sondern stark machte. Er begann 1990 ein Studium in Sofia, bekam ein Stipendium, aber das reichte gerade dazu, sich zu ernähren. Obwohl er häufig in den bulgarischen Bergen kletterte, besaß er doch keine Kletterschuhe. Auch die restliche Ausrüstung war mehr schlecht als recht.

Am Ende seines Studiums lernte er auf einer seiner Solo-Touren Stanimir kennen. Mit ihm plante er, die Eigernordwand zu besteigen. Zu dieser Zeit hatte er ein Studium an der Fachhochschule in Dieburg aufgenommen und bereits das Matterhorn im Alleingang bezwungen. Doch es kam anders: Stanimir verunglückte auf einer Tour im Balkangebirge tödlich.

Auch eine zertrümmerte Ferse hielt ihn nicht ab

Zu keiner Zeit dachte Konstadinov daran, das Bergsteigen aufzugeben. Im Buch erinnert er sich: „Bis Grindelwald fuhr ich per Anhalter und in der Nacht stieg ich bis zur Station Kleine Scheidegg. Dort stand ich vor der Wand, der Wind liebkoste meine Wangen und die Augen waren voller Tränen. Ich war bereit und fühlte das, was ich eigentlich bin und was ich immer sein wollte. Es war der Traum, den ich gemeinsam mit Stanimir verwirklichen wollte, bevor er ums Leben kam.

Auch eine zertrümmerte Ferse nach einem Sieben-Meter-Sturz konnte Emil Konstadinov nicht von seinem Plan abhalten; allerdings muss er zunächst weitere Tiefschläge hinnehmen. Für Deutschland erhielt er keine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis mehr, kehrte zurück nach Bulgarien, war arbeits- und wohnsitzlos und ernährte sich aus Mülltonnen. Aber seine Liebe zur Natur und zum Klettern konnten durch die Schicksalsschläge nicht zerstört werden. Schließlich lernte er Ignat kennen, der sein Kletterpartner und bald auch sein Freund wurde. Mit ihm wollte er seinen und Stanimirs Traum verwirklichen und plante die schwierigste Route an der Eigernordwand. Am 12. Juli 1998 war es soweit.

Im Ferrari zum Aufstieg

Emil und Ignat begaben sich in das Abenteuer einer 2000 Kilometer langen Reise per Anhalter von Bulgarien an den Fuß des Berges. 200 Kilometer entfernt davon überließ ein Ferrari-Fahrer das Steuer seiner Nobelkarosse Emil, weil er selbst zu müde war, um weiterzufahren.

Nach einem unglaublich dramatischen Aufstieg mit drei Biwaks in der Felswand und einem Absturz in der 900 Meter hohen Eigernordwand standen beide auf dem Gipfel in 3970 Meter Höhe.

Hey, wir hatten es geschafft, ja, geschafft! Geschafft… Geschafft! Wir sind zu einem kleinen Teil der Geschichte dieser unheilvollen Wand geworden, hey, wir hatten es geschafft!“ schreibt Emil Konstadinov in seinem Buch und gesteht, dass er vor Ergriffenheit geweint hat. „Wir erklommen diese Wand für uns selbst, das war unser Wunsch. Wir suchten nicht nach Ruhm oder irgendeinen Nutzen, das war ein persönliches Treffen nur von uns beiden an einem Ort, an dem wir uns selbst testen konnten.“

Weitere Aufstiege hat Emo, wie er von seinem Freund Ignat genannt wird, niedergeschrieben und erlaubt dabei Einblicke in seine Seele.

Reflektionen auch mit einer Prise Humor verfasst

Per E-Mail an die Adresse eigerbook@gmx.de kann das Buch für 19.95 Euro bestellt werden.

Der Aletschgletscher, die Mönch-Besteigung, die Eiger-Traverse – das Buch des in Dreieich lebenden Diplomingenieurs ist ehrlichen Herzens zwischen teils philosophischen Reflektionen, aber auch mit einer Prise Humor verfasst und in Bulgarien zu einem Bestseller geworden. Die deutsche Übersetzung besorgte Udo Siffermann.

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