„Boro"-Schäfer ist süchtig nach Musik

Rock'n'Roll als Lebenselixier

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In Ehren ergraut. Ein Leben ohne Musik kann sich Norbert „Boro“ Schäfer auch mit 66 Jahren nicht vorstellen.

Dreieich - Einmal hat Norbert Schäfer ernsthaft ans Aufhören gedacht. In den 70er Jahren war das. Von Manuel Schubert

Die Musik war elektronischer geworden, Diskotheken schossen wie Pilze aus dem Boden, Bands waren plötzlich nicht mehr gefragt. Schäfer hängte seinen Bass an die Wand, gründete eine Familie. „Aber irgendwas hat gefehlt“, erinnert er sich. „Es war wie ‘ne Sucht. “.

Natürlich hat er weitergemacht. Bis heute. Was wäre die Dreieicher Musikszene auch ohne ihn? Und so steht Schäfer, den alle nur „Boro“ nennen (der Spitzname entstand in Anlehnung an eine Zigarettenmarke), auch mit 66 Jahren noch regelmäßig auf der Bühne, spielt rund 30 Konzerte im Jahr.

In einem blau-rot-gestreiften T-Shirt, einer schwarz-weiß-karierten Stoffhose und mit Adiletten an den Füßen öffnet der Musiker die Tür zu seinem Reihenhaus im Herzen Sprendlingens. Die grauen Haare und der Bart sind immer noch lang, im Mundwinkel klemmt eine Pfeife. Der Hausherr bittet in den zweiten Stock, über eine enge Treppe geht es hoch bis unter den Dachgiebel. An der Wand hängen Beatles-Poster, in einer Ecke lehnt ein zerkratzter Kontrabass, auf dem Laminatboden liegt eine schwarze Westerngitarre. Im laut aufgedrehten Radio laufen die Dire Straits.

Schäfer kann stundenlang von der Musik erzählen. Von all den Klubs, in denen er gespielt hat, von all den Musikern, mit denen er sich die Bühne geteilt hat. Und natürlich von seinen unzähligen Bands. Manche gingen durch die Decke, andere waren von so kurzer Dauer, dass ihm heute nicht einmal mehr der Name einfällt.

Seine Liebe zur Musik entdeckte er Mitte der 60er Jahre. Und das, obwohl der deutsche Schlager gerade Hochkultur hatte. Schäfer schüttelt sich. „Im Radio lief nur Mist. Freddy Quinn war der große Star“, lästert er. Doch dann, mit 13 Jahren, überredete er seine Eltern, ihm ein Transistorradio zu kaufen. Damit konnte man auch AFN und Radio Luxemburg empfangen. Schäfer hörte zum ersten Mal die Beatles. Ein einschneidendes Erlebnis. „Das war wie ein Hammerschlag, das hat mich total verwirrt.“

Bilder: Rock'n'Roll Days im Bürgerhaus Sprendlingen

Mit ein paar Schulfreunden beschloss er: Wir gründen eine Band. Doch der Spaß währte nur kurz. Schäfer konnte immerhin ein paar Gitarrenakkorde, seine Kumpels gar nichts. „Sie haben’s nie kapiert“, sagt er und lacht. Mit 16 Jahren landete er durch einen Mitschüler bei The Black Sheep, die einen Sänger suchten. Schäfer hatte es sich zum Hobby gemacht, die Frontmänner seiner Lieblingsbands – The Byrds und die Stones – nachzuahmen und deren Texte auswendig zu lernen. Plötzlich stand er in Frankfurt und Neu-Isenburg auf der Bühne. „Jede Woche gab es neue Bands“, erzählt Schäfer, „eine fantastische Zeit.“

1970 kaufte er sich für 100 Mark seinen ersten Bass („Das war damals ein Vermögen“). Unterricht nahm er keinen. Er schmierte sich Grifftabellen auf den Notizblock, ging auf Konzerte und beobachtete andere Bassisten. Doch dann begann die Discozeit. Schäfer musste zum Bund und war plötzlich raus aus dem Musikgeschäft.

Ein paar Jahre später sah der gelernte Maschinenbauschlosser im Bürgerhaus jedoch eine Tanzcombo. „Da dachte ich mir: Das machste auch!“ Schäfer gründete die Jokers – ein voller Erfolg. Die Band spielte Chart-Hits und kam gut an. „Das ist total explodiert“, erzählt Schäfer. Die Jokers wurden für Karnevalssitzungen, Tanzschulen, Hotels und Schützenbälle gebucht, tourten sogar mit den Jacob Sisters. „Das gab Kohle ohne Ende“, sagt Schäfer. „Aber vier Stunden lang Tusch spielen – irgendwann ging das nicht mehr.“

Norbert Schäfer mit erstem eigenen Bass, aufgenommen im Jahr 1970.

Also zurück zur Rockmusik. Zusammen mit dem Jokers-Keyboarder gründete Schäfer Ende der Achtziger The Fab Four. Handgemachte Musik war wieder im Kommen, das Quartett spielte Hits von den Stones und den Beatles, wurde schnell Stammgast auf den Bühnen der Region. Schäfer arbeitete bei einer Fluggesellschaft, sein Chef war Musikliebhaber und ließ ihn freitags oft früher gehen, wenn er zum Konzert musste. In der Stadthalle Offenbach durften The Fab Four regelmäßig das Vorprogramm für größere Bands bestreiten: The Tremeloes, The Swinging Blue Jeans, Bay City Rollers. „Das waren meine Heroes“, schwärmt Schäfer. „Und auf einmal waren wir deren Vorband.“ Zwölf Jahre lang blieben The Fab Four zusammen.

Bilder der großen Turnschau in Dreieich

2004 gründete Schäfer Sissi-A, eine Band, die ausschließlich Songs von Creedence Clearwater Revival covert, und bis heute zusammengeblieben ist. Es sollte sein erfolgreichstes Projekt werden. Schnell wurde das Quintett überregional bekannt, spielte in Belgien, der Schweiz und allen Ecken Deutschlands. Auch für eine einwöchige Mittelmeerkreuzfahrt wurde die Formation gebucht, bei einem Open-Air in Losheim am See spielten Sissi-A mit Manfred Mann’s Earth Band und Barclay James Harvest vor vielen tausend Zuschauern. Nur die vierwöchige USA-Tour, die 2015 das Highlight der Bandgeschichte hätte werden sollen, platzte kurzfristig: Die fünf Musiker bekamen keine Arbeitserlaubnis.

Heute spielt Schäfer noch in zwei anderen Bands: Der Blues-Rockband Fine Rip und der Oldieband Fab Five. Doch auch Rock’n’Roller werden irgendwann älter. „Wenn ich früh morgens mit gebücktem Gang von einem Konzert nach Hause komme – das merkt man schon ein paar Tage.“ Mittlerweile denkt er darüber nach, kürzer zu treten. Die langen Autofahrten, die durchzechten Nächte – so langsam spielt der Körper da nicht mehr mit. „Der Geist ist willig, aber das Fleisch lässt nach. Und die Groupies werden auch immer älter.“

Trotzdem will er weitermachen, so lange er es noch auf die Bühne schafft. Denn ganz ohne Musik? „Das geht nicht“, sagt Norbert „Boro“ Schäfer, und schüttelt den Kopf. „Unmöglich.“

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