Behindertenhilfe neu ausrichten

Brücken zwischen Welten bauen

Dreieich - „Für meinen 45-jährigen Sohn ist der Club wie eine zweite Familie. Er kommt jedes Mal wie verwandelt von den Treffen zurück.“ Von Holger Klemm 

Der bewegende Beitrag von Elke Blum vom Förderverein Behindertenhilfe Dreieich in der Sitzung des Ausschusses für Soziales, Kultur und Sport am Dienstagabend unterstreicht eindrucksvoll die Bedeutung des Angebots für alle Beteiligten. Und doch steht eine Neuausrichtung an. Angesichts rückläufiger Teilnehmerzahlen sollen sich die Clubs auch für Nichtbehinderte öffnen. Das Stichwort lautet Inklusion.

Die bereits seit 38 Jahren bestehende Behindertenhilfe mit ihren fünf Clubs und Freizeiten für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung in städtischer Regie sei einzigartig, betont Bürgermeister Dieter Zimmer. Doch im Rahmen der Diskussion zum Kienbaum-Gutachten wurde der Rotstift auch bei der Behindertenhilfe angesetzt und Freizeiten verkürzt. Heftig diskutierten die Stadtverordneten damals, wie man damit umgehen soll, dass einige Nachbarkommunen für ihre Teilnehmer in den Clubs nicht zahlen. Schließlich gab es die Entscheidung, nur noch neue Teilnehmer aus Städten aufzunehmen, die zahlen. Das sind im vollem Umfang Neu-Isenburg und Egelsbach, Beiträge kommen auch aus Langen und Dietzenbach. Zimmer: „Die bisherigen Mitglieder sollen aber bleiben können, koste es, was es wolle. Das sind wir ihnen schuldig.“

Neue Regelung, sinkende Teilnehmerzahl

Allerdings führte die neue Regelung zu einer sinkenden Teilnehmerzahl. Aber auch die zunehmend umgesetzte Inklusion in den Schulen und auch das zunehmende Alter im Club Nachtschwärmer sorgen für eine zurückgehende Nachfrage, wie Ursula Zimmermann von der Behindertenhilfe in ihrem Vortrag hervorhebt. Deshalb gab es Überlegungen, mit anderen Trägern wie der Behindertenhilfe Offenbach (BHO) zu kooperieren. Die Gespräche waren nach Angaben des Bürgermeisters schon weit gediehen, bis rechtliche Bedenken aufkamen. Demnach wäre nur ein Betriebsübergang in eine andere Institution möglich – mit der Folge, dass die Stadt keinen Einfluss mehr habe. Die Arbeit sei aber für das Zusammenleben in der Gemeinschaft so wichtig, dass sie von der Kommune selbst gesteuert werden sollte. Deshalb sehen die Mitarbeiter eine konzeptionelle Weiterentwicklung als Weg zur Zukunftssicherung.

Zimmermann macht in ihrem Vortrag darauf aufmerksam, dass angesichts der Inklusion und neuer Ansätze in der Pädagogik eine Änderung sowieso vonnöten sei. Deshalb schlägt sie vor, die Kinder- und Jugendgruppen spätestens ab 2016 für alle Interessierten zu öffnen. Sollte es dafür nicht genügend Mitglieder geben, sei auch an Inklusionsprojekte für einzelne Kinder gedacht. Wichtig sei die Kooperation mit der Jugendförderung, Institutionen, Vereinen und Schulen. Die Gruppen im Erwachsenenbereich sollen weiter bestehen bleiben, ergänzt durch inklusive Projekte und Veranstaltungen. Als Motto für die Neuausrichtung nennt Zimmermann das Zitat: „Inklusive Freizeitangebote bauen Brücken zwischen Lebenswelten.“

Spielfest für Schüler mit Behinderungen

Spielfest für Schüler mit Behinderungen

Der Magistrat möchte nun von den Stadtverordneten eine Entscheidung, ob die Behindertenhilfe weiter in der Trägerschaft der Stadt bleiben soll und ob sie einer Öffnung in Richtung inklusiver Teilhabe zustimmen. Die Ausschussmitglieder sagten zu, bis zur nächsten Sitzung die Meinung ihrer Fraktionen zu erfragen.

Erarbeitet wurde das Konzept auch in Zusammenarbeit mit dem noch jungen Förderverein Behindertenhilfe Dreieich, der einen Beitrag zum Erhalt der Clubarbeit leisten möchte. In dem Flyer des Vereins wird von einer Sozialleistung der Stadt gesprochen, die ihresgleichen sucht. Vorsitzende Jeanette Parg freut sich in der Sitzung über die hohe Spendenbereitschaft. „Vielen Dreieichern ist es wichtig, für Menschen in der eigenen Kommune zu spenden.“ Durch die Unterstützung könnten nach Möglichkeit auch die finanziellen Kürzungen in dem Bereich gemildert und Freizeiten wieder verlängert werden.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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