Interview mit Gayle Tufts über „American Woman“

Burgfestspiele: Heimat verloren, Zuhause gefunden

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Sie ist eine begnadete Entertainerin, die mit Comedy und Musik auf urkomische Weise eine Brücke baut zwischen den USA, wo sie herkommt, und Deutschland, wo sie wohnt.

Dreieichenhain – Die Rede ist natürlich von Gayle Tufts, die am Donnerstag, 18. Juli, um 20 Uhr bei den Burgfestspielen mit ihrem Solo-Programm „American Woman“ gastiert. Wir haben im Vorfeld mit ihr gesprochen.

Wie sieht der Tagesablauf bei Ihnen aus, wenn Sie abends nicht auf der Bühne stehen?

Das hängt davon ab, was gerade los ist. Wenn ich für meine Shows und Bücher schreibe, bin ich ein richtiger Morgenmensch. Ich stehe dann früh auf und möchte von 7 bis 11 Uhr arbeiten. Und wenn ich abends spiele, ist das total auf den Kopf gedreht. Dann bin ich ein Abendmensch. Das ist schon ein bisschen schizophren.

Sie waren ja bislang dreimal bei den Burgfestspielen. Was haben Sie für Erinnerungen und auf was freuen Sie sich am meisten?

Da habe ich Erinnerungen an die Vorbereitungen für mein Programm „Some like it heiß“. Es war so heiß, dass das Klavier total verstimmt war. Man konnte während des Soundchecks nichts machen. Wir haben gedacht, wir schmelzen dahin. Aber wir haben es geschafft und an den Abend habe ich eine total andere Erinnerung. Es ist wirklich toll, bei Euch zu spielen. Das Publikum ist herrlich und nachher mit den Leuten zu sitzen und ein Glas Wein zu trinken, ist immer ein Highlight.

Vor zwei Jahren gastierten Sie mit „Superwoman“, mit dem Sie in Ihrer unnachahmlich Art die Superpower der Frauen beschworen haben. Um was geht es nun in „American Woman“?

Es ist natürlich eine Lesung plus, sage ich immer. Ich kann nicht nur da sitzen und lesen, das bin ich nicht. Es ist ein Solostück nicht nur über mein Buch, das „American Woman“ heißt. Es fängt an mit meinem leichten Nervenzusammenbruch an dem Abend, an dem Trump gewählt wurde. Es geht weiter über das „What the fuck ist going on“-Gefühl über meine Zweifel an der politischen Landschaft in Amerika, aber auch über die Dinge, die ich dort noch immer liebe. Es geht um meine Familie, wie verrückt und wunderbar sie ist. Aber natürlich geht es auch um Deutschland, die Dinge, die ich bewundere und die, die ich schräg finde. Zum Beispiel gibt es das Kapitel „Meine Nacht mit Florian Silbereisen“ über den Auftritt in einer seiner Shows. Da blicke ich hinter die Kulissen, wie es ist, in einer solchen Wahnsinnshow zu sein und was man dort so macht – irgendwo zwischen Feliz Navidad und André Rieu. Und was hat Chris de Burgh mit allem zu tun? Das wird alles erzählt.

In Ihrer optimistischen Art?

Natürlich, ich möchte nicht nur so ein Trump-Bashing-Programm machen, auch wenn es so viel zu bashen gäbe. Ich möchte auch Hoffnung geben. Es gibt eine Gegenbewegung in Amerika. Ich war auf vielen Demos, als ich da war. Es gibt auch tolle Sachen. Außerdem sind die Deutschen und die Amerikaner gar nicht so weit voneinander weg. Die transatlantische Freundschaft, die deutsch-amerikanische Freundschaft gibt es noch immer zwischen den Menschen. Es gibt so viele Deutsche, die öfter da waren als ich und auch an Orten, wo ich nie war.

Es gibt an dem Abend natürlich Musik, Comedy und Geschichten. Manchmal ist es traurig und manchmal, so hoffe ich, sehr witzig. Es gibt auch Musik, weil ich ohne einfach nicht kann.

Aber ohne Klavierbegleitung?

Marian Lux (Anm. d. Red.: Der Klavierspieler, der Gayle Tufts bei den jüngsten Programmen begleitet hat) ist busy. Er schreibt Filmmusik und an einem Musical wie im vergangenen Jahr für die Brüder-Grimm-Festspiele in Hanau. Wir arbeiten aber zusammen an einem neuen Programm, das im kommenden Mai Premiere haben wird.

Ist es für Sie eine besondere Herausforderung, alleine auf der Bühne zu stehen?

Ich fühle mich beim Auftritt nicht allein. Ich habe ja das ganze Publikum mit mir. Wie Sie wissen, gibt es bei mir keine vierte Wand. Es ist ein Ongoing-Gespräch zwischen dem Publikum und mir. Natürlich muss ich da auch ein bisschen spotten, als Botschafterin zwischen den Kulturen.

Ein Markenzeichen von Ihnen ist das „Denglisch“. Hat sich das über die Jahre verändert, je länger Sie in Deutschland sind.

Nein (lacht). Neulich habe ich im ICE nach Hamburg zufälligerweise Max Goldt getroffen, den Dichter und Schreiber. Ich habe mit Max Ende der 80er Jahre auf Tournee gesungen. Wir haben uns lange nicht gesehen und er sagt, du sprichst immer noch genauso. Aber so ist es. Mein Akzent wird nie weggehen. Auf der Bühne gibt es auch mehr Möglichkeiten, Witze zu machen, wenn man beide Sprachen benutzt. Dadurch entstehen auch glückliche accidents.

Es macht Riesenspaß, das zu hören.

Ich hoffe.

Was bedeutet für Sie Heimat? Der Untertitel Ihres Buches lautet ja, „how I lost my Heimat und found my Zuhause“.

Ich glaube, Heimat ist da, wo man geboren, wo die Familie und der Ursprung sind. Hier ist man ja mit Lukas, der Lokomotivführer aufgewachsen. Es gibt Dinge, die man hat und über die man lachen kann. Und mit der Familie erinnert man sich an Urlaube.

Für mich ist das Amerika, wo ich groß geworden bin, so what. Ich bin Amerikanerin und es wird trotz meiner Einbürgerung so bleiben. Ich bin lauter und schriller als die normalen Deutschen. Ich komme aus Massachusetts. Dort gibt es einen bestimmten Humor. Und es gibt ein besonderes Licht in Cape Code, wo meine Familie ist. Dieses wunderbare Licht hat der Maler Edward Hopper berühmt gemacht. Und es gibt ein bestimmtes Essen. Das sind Erinnerungen, die man hat. Das ist meine Heimat, aber ich könnte da nicht mehr leben. Ich bin fast 30 Jahre in Berlin und das ist mein Zuhause. Ich bin einfach Berlinerin und fühle mich als Teil dieser Stadt.

Sie haben ja schon über Trump gesprochen? Haben Sie die Hoffnung, dass die Demokraten einen geeigneten Kandidaten finden werden, der ihn im kommenden Jahr besiegen kann?

Natürlich, ich bin sehr inspiriert, auch wenn es ein großes Feld ist. Ich bin ein Fan von Kamala Harris, die sich in der Debatte der demokratischen Präsidentschaftskandidaten gut geschlagen hat. Das gilt auch für Elizabeth Warren. Ich glaube, es ist Zeit für eine Frau, für jemand jüngeres und vielleicht für jemanden, der nicht weiß ist. Rassismus ist ein großes Problem in Amerika. Und Trump nutzt das. Aber Amerika ist am besten, wenn es divers ist, wenn es unterschiedlich ist. Das macht Amerika aus. Fast niemand kommt aus Amerika, alle sind dahin gegangen. Von 1776 an – freiwillig oder nicht. Da sei nur an die Sklaven erinnert. Wir müssen das aufarbeiten. Bis jetzt haben wir das nicht gemacht. Und das ist ein großes Problem. Langsam fangen wir an. Es gibt aber auch hier viele Probleme. Es gibt an so vielen Orten Populismus – wie hier, in Polen, Ungarn und Großbritannien. Das ist alles schrecklich. Es geht nicht, Grenzen zu ziehen und nur auf uns zu schauen. Unsere Unterschiede machen uns stärker. Wir müssen einen Weg finden, auf unserem kleinen bunten Planeten zusammenzuleben. Ich bekomme auch eine große Inspiration durch Fridays for Future. Die jungen Leute sind clever.

Was wünschen Sie sich für Ihren Auftritt in Dreieichenhain?

Ich wünsche mir viel und ein gemischtes Publikum, dass wir lachen, ein wenig weinen, noch mehr lachen und nachher bei einem Weinchen zusammensitzen. Ich freue mich auf Dreieichenhain.

Das Gespräch führte Holger Klemm.

Karten für „American Woman“ am Donnerstag, 20 Uhr, gibt es im Ticket-Service des Bürgerhauses, z 60000, oder an der Abendkasse der Burgfestspiele, z 6000-88 (öffnet eine Stunde vor Beginn).

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