Melodram gegen den Strich gebürstet

Programmänderung bei Burgfestspielen: „Carmen à trois“ statt „Der Alchemist“

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Aus Georges Bizets eigentlich tragischer Oper „Carmen“ hat Michael Quast mit Sabine Fischmann ein komisches Volksstück gemacht.

Dreieichenhain - Kann man eine personalintensive Oper mit nur zwei Darstellern besetzen? Ja, wenn man Michael Quast heißt. Von Maren Cornils

Der Chef der „Fliegenden Volksbühne“ hat aus Georges Bizets „Carmen“ von 1875 ein komisches Volksstück gemacht, in dem mehr gesprochen und viel gelacht wird. Lachen im Melodram um tragisch endende Liebe? Tatsächlich ist „Carmen à trois“, wegen Erkrankung von Matthias Scheuring kurzfristig für „Der Alchemist“ auf den Plan der Burgfestspiele Dreieichenhain genommen, nah am Original. Begleitet wird Quast von der nicht minder bekannten Sabine Fischmann, Dritter im Bunde ist Marcus Neumeyer am Piano. Ein Trio, das bestens eingespielt ist und das Drama um die Liebenden Carmen und José aus dem Effeff beherrscht.

Freunde klassischer Oper sind bei den Dreien falsch. Wie immer, wenn Quast sich einen Stoff vorknöpft, bürstet er ihn genüsslich gegen den Strich. Soll heißen: Regieanweisungen („Umbau!“) werden gesprochen, Arien nur angesungen, Szenen ins Klamaukige verkehrt. Dazwischen bleibt Spielraum für Pantomime, Improvisation und witzige Ideen.

So ergeht sich Quast mehrmals in langatmigen Schilderungen über die „brütend heiße andalusische Sonne“, Fischmann darf ihren Hang zu Grimassen ausleben, und beide sorgen mit Tröte, Tamburin und Kastagnetten dafür, dass Neumayer an den Tasten fast ins Hintertreffen gerät. Fächer werden gezückt, ein Stierkampf ohne Stier wird gezeigt, Fischmann glänzt als feurige Zigeunerin mit gelispeltem Spanisch und gerolltem R, schlüpft in die Rolle von Leutnant Zuniga („Höhöhähä“) und der schwäbelnden Micaela.

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Quast, mit biederem Seitenscheitel, Fliege und beigem Altherrenpullunder schon optisch eine Parodie, brilliert als grunzender Schankwirt Lillas Pastia, beide als Soldaten „mit ausgedörrten Hirnkästen“ oder kichernde Mädchen aus der Zigarettenfabrik. Als wäre das nicht genug des Unsinns, gibt es zum Hinweis „Auf der Bühne wird nicht geraucht“ die Warnung, dass „Rauchen tödlich sein kann“, bevor „Komm doch mit auf den Underberg“ intoniert wird.

Für Schmunzler sorgen Anspielungen auf Hessen: Eine Szene spielt an der Konstablerwache, stellenweise wird gebabbelt. Bei aller Verfremdung dürfen „Habanera“ und „Toreromarsch“ nicht fehlen. Die Gestaltung ist gerade wegen ihrer künstlerischen Freiheiten ein Genuss und schafft es, selbst überzeugte Opernhasser zu begeistern.

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