Poesie eines politisch Denkenden

Liedermacher Konstantin Wecker tritt in Dreieichenhain auf

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Vorhang auf: Texter, Komponist und Sänger Konstantin Wecker freut sich auf seine beiden Konzerte im Hayner Burggraben.

Dreieich/Frankfurt - Er zählt seit einem halben Jahrhundert zu den einflussreichsten deutschen Liedermachern: Am Samstag und am Sonntag bestreitet Konstantin Wecker das Finale der Burgfestspiele in Dreieichenhain. Mit Michael Forst spricht er über Kunst und Kampflust, warum Tagebuch besser als Facebook ist und welche Premiere das Publikum erwartet.

Ihr Programm heißt „Poesie ist Widerstand“. Wem sollten wir uns widersetzen?

Im Moment offensichtlich dem, was so brandgefährlich ist – dass dem Homo sapiens seine größte Errungenschaft, das Mitgefühl, die Empathie, ausgeredet werden soll. Dass so getan wird, als gebe es unterschiedliche Mitgefühle. Ich hätte Horst Seehofer gern geschrieben, dass im Grundgesetz nicht „Die Würde des Bayern ist unantastbar“ steht sondern „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Gewissenlose Potentaten versuchen uns einzureden, dass es richtig ist, Mitgefühl für zehn Jungs zu haben, die in einer Höhle eingeschlossen sind, uns aber nicht scheren soll, wenn 250 Menschen im Mittelmeer ertrinken.

Was kann Poesie ausrichten?

Sie kann im Herzen etwas entdecken: Mitgefühl. Poesie ist eine Sprache, die die Herrschenden nicht verstehen wollen, denn sie könnte in ihnen das wecken, was sie sich verbieten. Nicht von ungefähr werden in jeder Diktatur Dichter des Landes verwiesen, Bücher verbrannt, Kultur eingeschränkt.

Dass Musik Herzen öffnen kann: Wo haben Sie das persönlich erfahren?

Ich hatte das Glück, in ein Elternhaus geboren zu werden, wo Musik und Poesie eine große Rolle spielten. Mein Papa war Opernsänger, meiner Mama habe ich die Liebe zu Gedichten zu verdanken.

Was bedeuten die Ihnen?

In Songwriting-Kursen an der Uni Würzburg versuche ich zu erklären, dass Gedichte einem helfen, sich zu begegnen, etwas von sich zu erfahren. Ich bitte die Studenten, Gedichte zu schreiben, auch Tagebuch. Poesie lehrt uns zu reflektieren, sich dabei zu ertappen, wie man blind einer Ideologie folgt oder „Fake News“ aufsitzt.

Im deutschen Mainstream singen viele „Pop-Poeten“ mit bombastischen Chören aufgeblasene Lieder, die wie austauschbare Werbebotschaften klingen. Was macht diese Musik mit Ihnen?

Ich weiß davon, aber ich höre es nicht. Als Musiker würdest du sonst jedes Detail analysieren. So bitte ich Taxifahrer, das Radio auszuschalten, versuche nur in Lokale zu gehen, wo nichts im Hintergrund läuft. So komme ich nicht in den zweifelhaften Genuss, bestimmte Dinge zu hören.

Die aktuelle Musikszene ist Ihnen fremd?

Nein, ich lasse mir von meinen Söhnen oder Freunden Tipps geben. Und es gibt jenseits des großen Popgeschehens sehr viele junge Musiker, die aufregende Sachen machen. Roger Stein etwa, ein feinsinniger Komponist und kluger Texter. Er steht als Gast mit mir auf der Bühne bei den Burgfestspielen.

Sie schreiben seit mehr als einem halben Jahrhundert Lieder. Wie schwer ist es, sich nicht zu wiederholen?

Musikalisch passiert mir das dauernd. Wer mit Verdi, Puccini, Mozart aufwuchs, ist mit Melodien fürs Leben versorgt. Aber man bleibt mal in Klischees stecken. Hätte ich keine Filmmusik gemacht...

Sie haben für Helmut Dietls „Schtonk!“ komponiert...

Genau. Da bist du oft gezwungen, ganz andere Musik zu machen, wenn der Regisseur sagt: „Ich brauche etwas aus den 20er Jahren.“ Da lernt man sehr viel, auch bei der Arbeit mit dem Orchester. Trotzdem fällt man immer wieder ins eigene Klischee.

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Und textlich?

Da werde ich mich hüten, noch mal über einen Sommer, der nicht mehr weit ist, zu schreiben. Das war doch ziemlich gelungen damals.

„Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“ gilt als ein Klassiker, den Sie 1975 für Ihren Vater schrieben.

Ja. Bei Texten muss ich warten, dass sie mir passieren. In den letzten zwei Jahren habe ich wenig geschrieben. Immerhin: Auf meinen letzten Alben „Wut und Zärtlichkeit“ und „Ohne Warum“ kam ein Schwung Lieder, die kein Aufguss früherer Sachen waren. Die Wandlungen im Lauf der Jahre drücken sich auch in Gedichten aus.

Wenn Joan Baez bei Deutschland-Konzerten Ihr Anti-Kriegs-Lied „Wenn unsere Brüder kommen“ spielt, was bedeutet Ihnen das?

Eine große Freude. Es gibt auch zwei jüngere Songwriterinnen, die Lieder von mir neu gestaltet haben. Das ist wunderschön, dadurch bleibt ein Lied lebendig. Joan habe ich in den 80er Jahren bei einem Konzert der Friedensbewegung in Stuttgart kennengelernt. Sie hörte „Willy“ und verstand kein Wort. Das war ja Bayrisch. Dennoch sagte sie, sie habe gespürt, wovon ich gesungen habe. So haben wir uns befreundet, sind auf Tour gegangen. Vielen war „Wenn unsere Brüder kommen“ zu pazifistisch, die stießen sich an der Zeile „Dann wollen wir uns nicht wehren“. Veranstalter sagten mir: „Wehren müssen wir uns schon.“ Die verstanden die Symbolik dahinter nicht.

Und als Joan Baez das Lied übernahm...

... war es plötzlich eine Hymne! Da war alles okay. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Vor zwei Jahren sind wir uns nach 20 Jahren übrigens in München bei ihrem Konzert wieder begegnet. Ich war unangekündigt da, mit meinem 18-jährigen Sohn, der ein großer Joan-Baez-Fan ist. Sie spielte das Lied, holte mich dann auf die Bühne. Das war ein unglaublich bewegender Moment. Sie hat sich in 20 Jahren kein bisschen verändert. Eine tolle Frau!

„Varieté unter Sternen“ bei den Burgfestspielen Dreieich: Bilder

Als Poet, der auf sein Innerstes und die Welt um sich herum hört, braucht es viel Sensibilität, als Künstler im Haifischbecken der Musikindustrie aber auch Robustheit. Wie schwierig ist diese Balance?

Wie Sie aus meiner Vita wissen, habe ich es nicht immer hingekriegt. (lacht) Aber die Frage ist berechtigt. Ich habe das Glück, mit einem wunderbaren Team zusammenzuarbeiten. Aber noch vor drei, vier Jahren hatte ich eine Enttäuschung mit jemandem, so dass ich dachte: Mensch, hast du dich wirklich nur für deine eigenen Bedürfnisse an mich rangewanzt?

Wie gehen Sie damit um?

Ich habe mir früh gesagt: Ich lasse mir doch nicht mein grundsätzliches Vertrauen in die Menschen nehmen, nur weil es immer wieder welche gibt, die das ausnutzen. Es gibt einen Satz von den Sufis, der mich geprägt hat: Hass ist, wie wenn man sich selbst täglich Gift zuführt in der Hoffnung, den anderen damit zu vergiften.

Es gibt Sie solo, mit Band, als Duo mit Hannes Wader, zu den Burgfestspielen kommen Sie als Trio mit der Cellistin Fany Kammerlander und dem Pianisten Jo Barnikel. Was macht das mit Ihrer Musik?

Es ist die Chance, die Musik zu machen, von der ich herkomme. Hannes kam vom englischen Folk, ich von Schubert. Das ist meine Prägung, textlich wie musikalisch. Das deutsche Kunstlied hat meist großartige Texte, überleg mal, wer da alles vertont wurde: Goethe, Heine... In Dreieich werde ich zum ersten Mal ein Schubert-Lied singen. Und ganz sicher werde ich mich politisch nicht zurückhalten – und Parolen keine Chance geben!

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