„Traum von der herrschaftsfreien Welt“

Poet und Revolutionär: Konstantin Wecker zum Festspiel-Abschluss

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Mit 71 Jahren fängt das Leben für Konstantin Wecker nicht an. Aber es geht munter weiter wie gehabt!

Dreieich - Mag Konstantin Wecker sein aktuelles Programm auch in den Dienst der Poesie gestellt haben: Altersmilde ist der 71-jährige Liedermacher nicht. Das beweist der Münchner beim Gastspiel in der Hayner Burg, wo er den Samstagabend mit einem flammenden Appell ans Publikum eröffnet. Von Maren Cornils

Zu den Klängen von „Willy“ liest der streitbare Musiker allen die Leviten, die den Neoliberalismus predigen und nicht verstanden haben, dass in Deutschland und andernorts eine Generation herangewachsen ist, in der sich jeder selbst der Nächste und Mitgefühl in Vergessenheit geraten ist. „Was ist geworden aus unseren Idealen?“, fragt der Alt-68er, um vor der „braunen Brühe“ zu warnen, die salonfähig geworden sei. Auch den Seitenhieb auf US-Präsident Donald Trump, Türken-Chef Recep Tayyip Erdogan und Bundesinnenminister Horst Seehofer und ihr „unmenschliches Taktieren“ kann und will sich einer, dessen Berufung das Mahnen ist, nicht verkneifen.

So wie er sich wundert, dass hierzulande geweint wird, wenn die deutsche Nationalelf ein WM-Fußballspiel gegen Mexiko verliert, nicht aber, wenn ein Boot voller Flüchtlinge auf See kentert. Klare Worte, für die Wecker Applaus erntet. Auch wenn er weiß, dass der „Traum von der herrschaftsfreien Welt“ selten unrealistischer war.

Wecker wäre nicht Wecker, würde ihn das daran hindern, seinen Mitmenschen die Leviten zu lesen. Nur die Art, in der er das tut, ist neu. „Poesie ist Widerstand“, erklärt er. So vereint er Musik, die früher bei ihm nicht zu erleben war: Franz Schuberts Lied vom „Leiermann“ oder ein Novalis-Gedicht, das Wecker – wie immer musikalisch begleitet von der fantastischen Cellistin Fany Kammerlander und dem Pianisten Jo Barnikel – neu vertont und um zwei Strophen ergänzt hat.

Unermüdlich stellt Wecker, Poet und Revolutionär, der Macht des Geldes die Poesie des Wortes gegenüber („Erst wenn Gedichte und Geschichten das Herz wieder gerade richten“), macht deutlich, dass überall etwas im Argen liegt, wo Dichter und Denker des Landes verwiesen und unterdrückt werden.

Viel vom Repertoire dieses XXL-Programms zum letztjährigen 70. Geburtstag ist alt. Klar weiß der Künstler, was sein Publikum hören will. Doch Wecker hat auch Lust auf lange Lesepassagen – das neue Buch „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“ liegt seit Kurzem in den Regalen der Händler. Wie früher beschwört er Erinnerungen herauf: an die Kindheit, den pazifistischen Vater. An die erste Liebe. An Fehltritte, an Toskana-Jahre und die Geburt seiner Söhne, die ihn lehrte, die Welt mit den Augen eines Kindes zu sehen.

„Varieté unter Sternen“ bei den Burgfestspielen Dreieich: Bilder

„Ich war nie perfekt. Wie könnt‘ ich auch. Ihr kennt meine Kunst zu scheitern“, gesteht Wecker freimütig in „An meine Kinder“, um übergangslos sein „Liebeslied“ anzustimmen und von heißen Sommerabenden auf fremden Balkonen oder dem besonderen Duft toskanischer Pinien zu schwärmen.

Mit 71 ist Wecker, das beweisen seine zwei Konzerte zum Abschluss der diesjährigen Burgfestspiele in Dreieichenhais, bei sich angekommen. Dass er sich der Endlichkeit aller Dinge bewusst ist, zeigen zum Beispiel „Weil ich dich liebe“, das „Liebeslied eines älteren Herren, das auch mühelos im Sitzen gesungen werden kann“, oder „Gefrorenes Licht“, das er all jenen Weggefährten gewidmet hat, die nicht mehr unter den Lebenden weilen. Zwei stimmungsvolle Abende zwischen Melancholie und Aufmüpfigkeit!

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