Durch die Augen eines anderen

Video-Projektionen an der Burg

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Weitere Fotos hat Martin Böttcher in den vergangenen Tagen noch in die Video-Projektion „look@the world through my eyes“ eingearbeitet.

Dreieichenhain - Ein Abend bei den Burgfestspielen endet in diesem Jahr nicht mit dem Schlussbeifall. Interessierte können zehn Minuten nach den Vorstellungen von der Burgbrücke aus zwei Video-Projektionen verfolgen. Das war auch am Freitagabend der Fall. Von Holger Klemm

Allen Grund zum Feiern haben (von links) die Künstler Martin Böttcher und Corinna Zürcher sowie Bernhard Straub, von dem das Sounddesign zu „Lichtgespinste“ stammt.

Unter den zahlreichen Zuschauern fanden sich die zufriedenen Künstler. „Für uns ist das ein Glücksfall und ein Heimspiel“, freuen sich Martin Böttcher und Corinna Zürcher nach der mit viel Beifall aufgenommenen Präsentation von „Lichtgespinste“ und „look@the world through your eyes“. Arbeiten des Frankfurter Paares waren in Berlin, Nürnberg oder der Schweiz, aber noch nicht in der Nähe ihres Wohnorts zu sehen. Hinzu kommt, dass die Video-Projektionen auf Einladung der Dreieicher Kunstinitiative bis zum 20. August und damit über einen recht langen Zeitraum gezeigt werden. Üblicherweise seien die Arbeiten meist nur wenige Tage zu erleben.
Mit den „Lichtgespinsten“, die jeden Abend den Runden Turm in ihren Besitz nehmen, war viel Arbeit verbunden. Mehr als drei Monate investierten die beiden frei schaffenden Künstler, die im Hauptberuf Architekt und Osteopathin sind. „Jede freie Minute haben wir genutzt“, erzählt Zürcher.
Beim Thema hatten die Künstler freie Wahl. „Wir konnten machen, was uns Freude bereitet.“ Beide stellten sich vor, was nachts in der Burg unter der Oberfläche im Unterbewussten passiert, welche Schattengestalten, Spinnen, Käfer oder Falter diese in ihren Besitz nehmen könnten und wie sich diese in abstrakte Gebilde aus Linien und pulsierenden Flächen verwandeln. Und manchmal scheint es, als ob die Steine der Mauer zusammenfallen und sich wieder zusammensetzen.

Viele Kollegen setzen nach Meinung von Böttcher bei ihren 3D-Mappings zu sehr auf ein „Eventgewitter“. Ihm sei dagegen der künstlerische Aspekt wichtig. „Ich gehe oft erst einmal ins Stadtarchiv, um viel über das jeweilige Gebäude herauszufinden.“ Bei der Burg habe er sich gegen eine konkrete Geschichte beispielsweise mit Rittern oder Burgfräuleins, sondern für die „Lichtgespinste“ entschieden.

Das Ganze entstand anhand eines Computermodells des Gebäudes und einer speziellen 3D-Animationssoftware. Berücksichtigt werden musste auch, dass der eingesetzte Projektor nicht ganz so lichtstark sein kann wie andere auf dem Markt vorhandene. „Solche wären aber wegen des langen Zeitraums der Präsentation nicht zu bezahlen gewesen“, so Böttcher. „Wir haben anfangs viel mit Farbnuancen gearbeitet“, berichtet Zürcher. Doch ein erster Probelauf war enttäuschend. „Wir haben dann noch kräftig an den Kontrasten nachgebessert“, führt sie weiter aus. Jetzt sind beide sehr zufrieden und stolz auf ihre „Lichtgespinste“.

Zu der einzigartigen Wirkung trägt auch das Sounddesign von Bernhard Straub bei. „Wir haben erstmals mit ihm zusammengearbeitet und es hat auf Anhieb geklappt“, freut sich Zürcher. Beide Seiten hätten sich gegenseitig mit Ideen befruchtet.

Für ihre „Lichtgespinste“ hat sich das Frankfurter Künstlerpaar vom morbiden Charme der Burgruine inspirieren lassen sowie ihren kleinen, großen und unbekannten Bewohnern. 

Nach der knapp sechsminütigen Präsentation folgt mit „look@the world through your eyes“ eine Video-Projektion, die schon 2015 für den Berliner Funkturm aus Anlass des Unesco-Welttages der kulturellen Vielfalt geplant gewesen war, aber seitens der Behörden nicht zustande kam. Wegen des hohen Aufwandes für das 3D-Mapping sei klar gewesen, dass der Film für Dreieichenhain nur wenige Minuten lang sein kann. So kamen die beiden Künstler auf die Idee, ihr für Berlin geplantes Projekt nun in Dreieich umzusetzen und zusätzlich zu den „Lichtgespinsten“ zu zeigen. Grundlage bilden Fotoporträts von Menschen, die sich zu einer kulturell vielfältigen, mitfühlenden und toleranten Gesellschaft bekennen. Die Augen-Nase-Partien werden separiert und mit anderen Porträts überlagert.
Dieser sich drehende „Porträt-Mixer“ steht sinnbildlich für die Fähigkeit und Bereitschaft, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und die Welt auch mal durch die Augen eines anderen zu sehen. „Dieses Statement war uns wichtig“, meint Böttcher.

Er war überrascht über die große Resonanz der Dreieicher auf den Aufruf. Überhaupt sei die Unterstützung für das gesamte Projekt liebevoll und professionell gewesen. Am Ende kamen 120 Fotos unter anderem von Schülern der Ricarda-Huch- und Max-Eyth-Schule, von Politikern, Mitgliedern der Kunstinitiative, aber auch von Freunden und Bekannten des Paares zusammen. Böttcher, der in den vergangenen Tagen noch weitere Bilder in die Projektion eingebaut hat, bittet um Verständnis, dass nicht alle verwendet werden konnten. „Ich musste schon darauf achten, dass die Physiognomien zueinander passen.“

Bilder: Auftakt der Burgfestspiele Dreieichenhain

Nach der langen Arbeit stoßen die beiden Künstler am Freitagabend mit Freunden und Bekannten an. Böttcher: „Und es ist bestimmt nicht das letzte Mal, dass wir abends herkommen.“ Die Projektionen sind bis 20. August nach den Vorstellungen zu sehen – sowie an spielfreien Tagen um 22.30 und 23 Uhr.

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